Mobilisation

Muskelschwund im Alter - was wirklich hilft

Wie Sie als Pflegekraft die Muskelkraft von Bewohnern und Patienten fördern können - Jürgen M. Bauer, Vorstand der der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG), im Interview

Inhaltsverzeichnis

Je mehr Muskeln Pflegebedürftige haben, desto besser können sie Unfällen und chronischen Krankheiten trotzen. Kein Wunder, dass das Thema Muskelschund (Sarkopenie) auch immer häufiger Geriater beschäftigt. Wie jetzt erst im September beim Kongress (online) der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG), wo es um neue Diagnose und Therapiemethoden des Muskelschwunds ging. Wir fragten den Heidelberger Altersmediziner Professor Jürgen M. Bauer von der DGG, welche Rolle Kranken- und Altenpflege für die Prävention von Muskelschwund spielen.

Welche neuen Erkenntnisse zum Thema Muskelschwund gibt es, die für Pflegekräfte nützlich und wichtig sind?

Jürgen M. Bauer: Das Entscheidende ist, dass der Muskelschwund in den letzten Jahren in allen medizinischen Fächern eine zunehmende Beachtung erfahren hat, nicht nur in der Geriatrie. So wird auch der Zusammenhang zwischen Muskelschwund und chronischen Erkrankungen stärker erforscht.

Experten wie Sie sprechen auch von „Sarkopenie“. Wie würden Sie diesen Fachbegriff erklären oder übersetzen?

Die Bedeutung hat sich gewandelt: Ursprünglich war Sarkopenie ein Fachbegriff für den Verlust an Muskelmasse. Heute lautet die zentrale Frage bei der Diagnose: Kann sich der Patient bewegen? Kann er aufstehen? Seit etwa zehn Jahren meint man mit Sarkopenie also zusätzlich auch Muskelkraft und Muskelfunktion. Die Perspektive richtet sich verstärkt auf den Funktionszustand der betroffenen Menschen.

Stichwort Pflege: Wie lautet Ihre Analyse des Ist-Zustandes beim Sorgenthema Muskelschwund in den deutschen Pflegeeinrichtungen?

Wie neuere Studien gezeigt haben, muss ein Mensch am Tag mindestens 7.000 Schritte gehen, um eine Abnahme seiner Muskelmasse zu verhindern. Sicherlich sind die Bewohner von Pflegeheimen diejenige Bevölkerungsgruppe, die am stärksten von der Sarkopenie bedroht ist. Wir alle wissen, wie die Bewegungssituation für die Mehrzahl der Pflegeheimbewohner aussieht, und es ist auch klar, dass Menschen ins Pflegeheim kommen, weil sie sich nicht mehr so gut bewegen können.

7.000 Schritte - sie entsprechen bei einem bis zu 170 Zentimeter großen Menschen gut 4 Kilometer. Das ist sehr viel für eine Pflegebedürftigen. Welchen Soll-Zustand sollten die Pflegeheime anstreben? Das Ziel muss sein, Pflegebedürftige zu aktivieren, oder?

Ja, und zwar auf sinnvolle Weise. Beim körperlichen Training sollten Bewegungen gegen die Schwerkraft stärker gefördert werden. Anders gesagt: Eine reine Hockergymnastik im Sitzen, die kein Krafttraining enthält, ist sicherlich eine sinnvolle Gruppenaktivität, aber leider mit Hinblick auf die Sarkopenie nicht wirksam. Die Pflegekräfte sollten, falls möglich, die Bewohner eher dahin bringen, häufiger das Aufstehen aus dem Stuhl zu üben und, falls dies keine Gefährdung für sie darstellt, mit Ihnen eine Treppe hochzusteigen. Dies zu trainieren, ist für den Erhalt der großen Muskelgruppen an den Beinen sehr wichtig. Aufstehen, Treppen steigen, eventuell mit einem Theraband trainieren.

Lesen Sie, mit welchen einfachen und wirkungsvollen Übungen sie immobile Patienten gut aktivieren können in unserem Artikel Mobilisation: In den Stuhl setzen, reicht nicht!

Haben Sie denn den Eindruck, dass dies in den Pflegeeinrichtungen geschieht?

Ich sehe nicht, dass ein solcher Ansatz überall in den Pflegeheimen umgesetzt wird oder auch umgesetzt werden kann. Dieser Fokus sollte unbedingt gestärkt werden, doch man darf keine Wunder erwarten. Es ist illusorisch zu glauben, dass man alle Pflegeheimbewohner dahin bringen kann, zum Beispiel diese 7.000 Schritte täglich zu schaffen. Man sollte jedoch einen anderen sehr wichtigen Begleitfaktor stärker in den Fokus rücken: die Ernährung.

Die Ernährung? Was meinen Sie konkret damit?

Die Bewohner müssen sich sinnvoll ernähren, auch um den Muskelabbau aufzuhalten. Allein dies ist schon ein legitimes Ziel. Wir reden noch nicht einmal von zusätzlichem Aufbau von Muskelmasse. Das heißt, dass die Pflegebedürftigen ausreichend Kalorien und ausreichend Eiweiß zu sich nehmen müssen. Milch, Joghurt oder Käse enthalten zum Beispiel wichtige Proteine – ein weites Spektrum hochwertiger Proteinen ist hier wichtig. Wenn die Bewohner sich einseitig nur von Kohlehydraten ernähren, dann fördert dies den Muskelabbau. Das gleiche gilt, wenn die Senioren von einer Hauptmahlzeit nur die Suppe und den Salat zu sich nehmen – beides enthält kaum Proteine.

Welchen konkreten Nachholbedarf gibt es in den Pflegeeinrichtungen und beim Pflegepersonal beim Thema Bewegung?

Jede Mobilisation ist ein Fortschritt. Ich weiß das auch aus persönlicher Erfahrung mit meiner mittlerweile 86-jährigen Mutter. Pflegekräfte sollten sich bei ihren Bemühungen vor allem auf diejenigen Bewohner konzentrieren, die noch Potenzial haben und die diese Mobilisation auch möchten. Denn schließlich können sie niemanden zwingen. Aber der Prozess, die willigen und potenziell fähigen Bewohner zunächst einmal zu erkennen und dann sowohl Ernährung als auch Bewegung zu verbessern, dieser Prozess lässt sich sicherlich noch verbessern. Da geht noch etwas.

Die 7.000 Schritte sind eine griffige Formel, aber nicht immer einfach zu kontrollieren. Gibt es eine andere Methode, die Bewegungsfähigkeit eines Pflegebedürftigen schnell zu erfassen?

Ja, schauen Sie sich am besten an, wie ein Senior aus dem Stuhl aufsteht. Kann die Person allein mit der Kraft der Beine aufstehen? Muss sie die Hände zu Hilfe nehmen? Muss sie den Schwerpunkt weit nach vorne verlagern, um sich dann hochzuschieben? Wer beim Aufstehen Schwierigkeiten hat, verfügt nicht über genug Muskelmasse. Hier sind Maßnahmen gegen Muskelschwund angesagt. Bewegung ist, nebenbei gesagt, natürlich auch die beste Prophylaxe gegen Dekubitus.

Wie präzise sich das Sturzrisiko teilweise beim Aufstehen ermitteln lässt, erfahren Sie im Artikel App soll Stürze verhindern - mit Segen der Charité

Der Berliner Pflegeträger Domino World bietet in seinen Einrichtungen sogar ein Fitness-Coaching für Pflegebedürftige an. Was halten Sie davon?

Ob ein derartiges spezielles Fitness-Training sinnvoll ist, hängt stark davon ab, um welche Art von Pflegebedürftigen es sich handelt. Bei vielen Menschen im Pflegeheim ist so ein Training vermutlich nur eingeschränkt möglich. In diesem Kontext gilt es auch darauf zu achten, dass man die Sturzgefahr nicht durch übermäßigen Ehrgeiz erhöht. Bei Teilnehmern am betreuten Wohnen halte ich es dagegen für sehr gut machbar, auf diese Weise dem Muskelschwund etwas entgegen zu setzen.

Interview: Michael Handwerk

Zur Person

Prof. Dr. med. Jürgen M. Bauer ist Inhaber des Lehrstuhls für Geriatrie an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg und Medizinischer Direktor am Agaplesion Bethanien Krankenhaus Heidelberg. Außerdem ist der Altersmediziner ehemaliger Präsident und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG).

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