Umfrage des Neuropsychiatrischen Zentrums Hamburg

Mobbing und Diskriminierung fast Alltag in der Pflege?

Eine kleine Umfrage vom Deutschen Pflegetag legt diesen Verdacht zumindest nahe

Inhaltsverzeichnis

Die Auseinandersetzung mit Krankheit und Tod, Ärger mit Angehörigen, phasenweise Hektik: Sie gehören zum Pflegeberuf, sind mehr oder weniger ausgeprägt, lassen sich lindern, reflektieren, aber lassen sich mit noch so gutem Willen des Arbeitgebers nicht beseitigen. Aber unklare Aufgabenbeschreibungen, fehlende Pausen, Mobbing und ständiges Einspringen aus dem Frei? Diese Widrigkeiten sind weniger naturgegeben, sie lassen sich in Angriff nehmen. Diverse Arbeitgeber beteuern, genau dies zu tun. Und trotzdem scheint wenig zu passieren, glaubt man den zahlreichen Umfragen zur Situation der Krankenschwestern und Altenpflegererinnen, die seit zwei, drei Jahren fast fließbandartig produziert werden.

Eine kleine Umfrage auf dem Deutschen Pflegetag (DPT) Anfang dieses Jahres zeichnet ein ebenfalls düsteres Bild - vielleicht umso düsterer, weil bei Besuchern des DPT oder anderen Branchenveranstaltung von einer eher geringen Neigung auszugehen ist, schlecht über den eigenen Beruf zu reden.

Neuropsychiatrisches Zentrum Hamburg ist auf Pflegekräfte spezialisiert

Die Umfrage stammt vom Neuropsychiatrischen Zentrum Hamburg (NPZ). Es möchte die psychischen Belastungen in der Pflege genauer unter die Lupe nehmen und hat jetzt mit einer umfassenden Untersuchung begonnen. Es befragt Pflegekräfte, die in der ambulanten Pflege, in Pflegeheimen, im Krankenhaus, in der Palliativpflege und in der Verwaltung arbeiten. „In einem ersten Schritt haben wir im Rahmen des deutschen Pflegetages 190 Pflegekräfte befragt, von denen 84 an der Umfrage teilnahmen“, erklärt Katharina Swirski vom NPZ, einer der größten Anbieter für ambulante Patientenbehandlung von neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen in und um Hamburg. Außerdem hat sich das NPZ auf die Betreuung von Pflegekräften spezialisiert.

Mobbing und Diskriminierung scheinen keine Ausnahme

In diesem Rahmen führt das NPZ auch die gesetzlich vorgeschriebenen regelmäßigen Gefährdungsbeurteilungen in Pflegeheimen durch. Die dort angesprochenen Themen bilden auch die Grundlage der aktuellen Befragung. Dabei zeigen bereits die Ergebnisse der ersten Umfrage auf dem Pflegetag, dass alle Arbeitsbereiche unter hohen psychischen Belastungen leiden:

  • So empfinden mehr als drei Viertel der Befragten ihre Arbeit als emotional anstrengend: Sie begleiten Patienten bis in den Tod, betreuen Angehörige und müssen sich immer wieder auf neue Situationen einstellen.
  • Zudem geben 70 Prozent der Befragten an, dass keine festen Regeln zur Überbrückung krankheitsbedingter Ausfälle vorliegen.
  • Auch kann laut Studie nur jede dritte befragte Pflegekraft geplante Pausen ausreichend wahrnehmen.
  • 55 Prozent der Befragten halten zudem den Personalschlüssel für nicht ausreichend. Besonders problematisch wird der Personalmangel im Krankenhaus empfunden, denn dort kritisieren fast 80 Prozent die unzureichende personelle Ausstattung.
  • Auch der Umgang mit den Kollegen bringt oft Probleme: Mehr als ein Drittel der Befragten klagt über Mobbing und Unstimmigkeiten innerhalb der Teams und ein Viertel sogar über echte Diskriminierung.
  • Die Hälfte der befragten Pflegekräfte beklagt, dass sie kein angemessenes und persönliches Feedback von ihrem Chef erhalten.

Die Untersuchung zeigt allerdings auch, dass Pflege nicht gleich Pflege ist, denn in den verschiedenen Arbeitsbereichen gibt es ganz unterschiedliche Belastungen:

  • In der Palliativpflege sind die Belastungen durch die Arbeitsorganisation und die zu bewältigenden Aufgaben besonders hoch.
  • Im ambulanten Bereich, in dem die Pfleger weitestgehend als Einzelkämpfer unterwegs sind, ist es der fehlende Austausch mit einem Team.

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Demnächst Studien-Teilnahme per App

Im nächsten Schritt soll die Datenerhebung nun ausgeweitet werden: Dazu will das NPZ Pflegekräfte im Raum Hamburg und im Rhein-Main-Gebiet befragen. „Zu diesem Zweck haben wir eine App entwickelt, die bald sowohl für Android-Handys als auch für IPhones verfügbar ist. Natürlich können die Fragen auch am Computer oder auf einem herkömmlichen Fragebogen beantwortet werden“, erklärt Swirski. Langfristig will das NPZ damit eine repräsentative Datenbasis erhalten und wissenschaftlich auswerten. Die Ergebnisse sollen in das vom NPZ entwickelte betriebliche Gesundheitsförderungsprogramm coachforcare einfließen – ein berufsspezifisches

Präventionsangebot speziell für Pflegekräfte. Swirski: „Die ständigen psychischen Belastungen führen zu Ausfällen wegen Krankheit und oft auch zu vorzeitigem Ausscheiden aus dem Beruf. Damit steigen die Belastungen für die Pflegekräfte, die bleiben, und auch für die Pflegebedürftigen, die mit immer kürzerer Pflege und zunehmend gestressten Pflegekräften zurechtkommen müssen. Um diese Spirale zu durchbrechen, muss das Thema der psychischen Belastung intensiver in den Fokus gerückt und passende Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Mit unserer Studie möchten wir dazu einen Beitrag leisten.“

Kontakt zum NPZ

Wer mehr über die Studie und die Arbeit des Neuropsychiatrischen Zentrums Hamburg (NPZ) zur psychischen Belastung von Pflegekräften erfahren möchte, kann sich an Projektleiterin Saskia Blömeke wenden (s.bloemeke@npz-hamburg.de) - oder den Deutschen Pflegetag 2020 (12. - 14. März) besuchen. Dort wird das NPZ mit einem Stand vertreten sein sowie einem Vortrag unter dem Titel „Warum sorgen wir uns mehr um andere als um uns selbst? – Gesundheitsförderung für Pflegeprofis“ (voraussichtlich Freitag 13.März, 9 bis 10.30 Uhr).

Autorin: Dagmar Ziegner

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