Integration ausländischer Pflegekräfte

Mit Hauruck klappt das nicht, Herr Spahn!

17.000 Stellen sind unbesetzt in Pflegeheimen. Dem möchte Gesundheitsminister Spahn mit ausländischen Pflegekräften beikommen. Doch die Integration ist Handarbeit. Das zeigt sich an Vermittler Sören Güttig.

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Sören Güttig (Foto ganz unten) ist viel unterwegs in letzter Zeit. Weltweit sucht der 47-Jährige nach Pflegekräften für den deutschen Markt. Fündig wird er in Mazedonien, Serbien, in der Ukraine (von dort kommen die beiden Krankenschwestern auf dem Foto), woher seine Partnerin stammt, und neuerdings auch auf den Philippinen. „Alle Kandidaten, hauptsächlich Krankenschwestern, lernen noch in ihren Heimatländern die deutsche Sprache“, sagt Güttig. „Dafür kooperieren wir mit Lehrern, die teilweise direkt in den Ausbildungsstätten arbeiten und auch schon die Fachsprache aus dem Pflegeberuf berücksichtigen.“

„Die Krankenschwestern geben ihr bisheriges Leben auf“

Die Sprachschule finanziert Güttigs Firma Medical Börse, wofür sich die künftigen Pflegekräfte im Gegenzug vertraglich drei bis fünf Jahre binden. Wer mit der Schulung beginnt, bekommt direkt einen Arbeitsvertrag. „Momentan bereiten wir so rund 200 Krankenschwestern auf den Start als Altenpfleger in Deutschland vor“, sagt Güttig.

Gut 40 von ihm vermittelte Pflegerinnen sind bereits in deutschen Heimen im Einsatz, und Güttig versichert, er lege viel Wert auf Integrationsarbeit: „Das ist ja auch eine Vertrauensfrage, die Schwestern geben schließlich ihr bisheriges Leben auf.“ Bislang führt er sein Unternehmen in Eisenach als Ein-Mann-Betrieb. Deshalb kenne er auch jeden, den er vermittelt, persönlich.

Manchmal ist auch der Umzug der Großmutter zu regeln

Güttig unterstützt bei Behördengängen, hilft bei der Wohnungssuche und sorgt dafür, dass auch die Familien der Pflegenden in der neuen Heimat integriert werden. Dabei geht es etwa um die richtige Schule für die Kinder, den Beruf des Ehemannes oder den zusätzlichen Umzug einer Großmutter nach Deutschland. „Geld ist das eine, aber akzeptiert und wertgeschätzt zu sein, ist mindestens genauso wichtig“, ist Güttig überzeugt: „90 Prozent der Pfleger bleiben ihrem Standort treu.“

Vom OP in die Altenpflege – für viele kein leichter Wechsel

Auch deshalb bereite er alle intensiv auf die Arbeit vor, betont er. Dazu gehöre, von Anfang an mit offenen Karten zu spielen. „Wir machen jedem klar, dass die Arbeit hart ist und auch hier nicht Milch und Honig fließen“, sagt Güttig. „Wer nach Deutschland kommt, muss mehr arbeiten als zu Hause – nicht mehr Stunden, aber effektiver.“

Was sie hier erwartet, zeigt Güttig den Bewerbern auch in Filmen – dass der Windelwechsel ebenso zu den Aufgaben zählt wie beispielsweise das Waschen und Baden der Bewohner oder das Einsetzen eines Gebisses. In der Schwesternausbildung oder an den medizinischen Universitäten ist das meist kein Thema. „Viele Krankenschwestern kommen aus dem OP oder von der Intensivstation – da gehört das natürlich nicht zu den Anforderungen.“ In der Ukraine zum Beispiel lernten sie deshalb schon in Heimen vor Ort den Umgang mit alten Menschen.

Ein sehr guter Kunde kommt aus Eisenach

Martin-Michael Birkholz ist ein wichtiger Kunde und Partner. Er kennt Sören Güttig gut, die beiden arbeiten bereits seit längerem zusammen. „Der deutsche Markt für Pflegekräfte ist leergefegt. Da müssen wir nach alternativen Lösungen suchen“, sagt Birkholz. Der 74-Jährige betreibt in seiner Unternehmensgruppe fünf Häuser im thüringischen Eisenach mit 185 Betten und derzeit 14 Plätzen im betreuten Wohnen sowie in Berlin seit nunmehr sieben Jahren die Seniorenpflege Birkholz. Dem 136-Betten-Haus im Stadtteil Charlottenburg sind auch eine Physiotherapie und ein ambulanter Pflegedienst angegliedert.

Birkholz‘ Maxime: „Meine Mutter müsste hier leben können“

Insgesamt beschäftigt die Gruppe, die Birkholz mittlerweile gleichberechtigt mit seiner jüngsten Tochter Anika Borngräber führt, rund 240 Mitarbeiter. Im Geschäft mit der Pflege ist der gelernte Bäcker seit mittlerweile 40 Jahren zuhause. Wegen einer Mehl-Allergie sattelte er auf Sozialarbeiter und anschließend auf Altenpfleger um, später studierte er noch Soziale Gerontologie. Sein erstes Heim eröffnete Birkholz 1972. Für die Arbeit mit den Bewohnern gelte seitdem stets eine Regel, versichert der resolute Chef: „Meine Mutter müsste hier leben können – das ist alles.“

Birkholz' Tipp: Mit einem Besuch in Deutschland beginnen

Sören Güttigs Arbeit hat sich Birkholz vor Ort selbst angeschaut. In Serbien etwa hat er Schulen und Kandidaten besucht und die, die wollten, nach Deutschland eingeladen, um ihnen seine Heime und das Land zu zeigen. „Keiner muss die Katze im Sack kaufen“, betont der 74-Jährige. Deshalb hat er seine Häuser auch den Lehrern vorgestellt, die die künftigen Pflegerinnen unterrichten.

Ein Mix der Nationalitäten ist das Beste

In Eisenach beschäftigt Birkholz derzeit fünf ausländische Kolleginnen, in Berlin sind mittlerweile zehn im Einsatz. Dabei setzt Birkholz auf einen Mix der Nationalitäten und Mentalitäten im Team. „Es dürfen keine Gruppen entstehen, und Deutsch muss immer die entscheidende Sprache bleiben.“ Aktuell hat er drei Ukrainerinnen eingestellt, und demnächst will der Heimunternehmer auf die Philippinen fliegen, um auch Güttigs dortiges Projekt kennenzulernen.

Deutsch lernen noch im Heimatland – nur so klappt es

Der Vermittler hat die Arbeit mit Pflegekräften vor vier Jahren für sich entdeckt und ist seitdem zwischen Thüringen und Berlin nach eigenen Angaben für verschiedene Heimbetreiber tätig. Die ersten Pfleger und Assistenzärzte aus Rumänien hat Güttig noch in Eisenach geschult – teilweise selbst, weil Deutschlehrer damals gar nicht leicht zu finden waren. Das war teuer, der Aufwand hoch. „Wir haben viel Lehrgeld gezahlt“, erinnert er sich. Viele haben den Deutschkurs parallel zu ihrer Arbeit im Pflegeheim nicht fortgesetzt, einige sind komplett ausgestiegen. Seitdem sorgt Güttig dafür, dass alle neuen Kollegen die Sprache schon beherrschen, wenn sie nach Deutschland kommen.

Holpriges Anerkennungsverfahren

Weiter schwierig bleibe das Anerkennungsprozedere. Wer Berufserfahrung mitbringt, kann es gleich durchlaufen, die übrigen werden neben der Arbeit in einem sechsmonatigen Lehrgang qualifiziert und auf die Prüfung vorbereitet. Allerdings sei vieles nicht genau geregelt und von Bundesland zu Bundesland verschieden, klagt Güttig.

Arbeitserlaubnis nach Gutdünken

Zudem herrsche mit Blick auf die Arbeitserlaubnis eine „relativ hohe Willkürrate, manchmal selbst bei ein und demselben Sachbearbeiter“. Teilweise würden auch Absolventen derselben Hochschule unterschiedlich behandelt, je nachdem ob sie jetzt in einem baltischen Staat und damit in der EU oder außerhalb der Union leben.

Dass er die Fachleute dem Heimatmarkt entzieht, macht Güttig keine Sorgen. „Nach ihrer Ausbildung finden dort nur etwa zehn Prozent der Krankenschwestern einen Job“, sagt er. Und statt daheim mit 200 Euro könnten sie in Deutschland mit einem Gehalt zwischen 1.400 und 1.800 Euro rechnen. Neue Kandidaten sucht er in allen Altersgruppen. „Am liebsten sind uns Bewerber ab 35, die mit ihrer Familie kommen.“

„Die Abwerbung ist extrem“

Möglichst bald wollen Güttig und Birkholz erreichen, dass alle Teilnehmer den Qualifikationslehrgang in Deutschland nicht mehr als Kranken-, sondern als Altenpfleger abschließen. „Denn die Abwerbung ist extrem.“ Ein anderes Problem, das nicht nur in Berlin zunimmt, hat Birkholz derweil selbst gelöst. Wohnungssorgen haben seine neuen Mitarbeiter nicht – sie können in einer Immobilie unterkommen, die ihr neuer Chef schon vor Jahren im Berliner Bezirk Neukölln gekauft hat.

Autor: Jens Kohrs

Foto oben: Sören Güttig

Foto unten: Jens Kohrs

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