Demenz vorbeugen

Manfred Spitzer: Vergessen Sie Gehirnjogging!

Diskutieren Sie lieber mit Ihren Enkeln, meint der Neurowissenschaftler und Autor des Bestsellers „Digitale Demenz“ und „Einsamkeit“.

pflegen-online: Sie haben in Ihrem Bestseller „Digitale Demenz“ Erkenntnisse aus rund 400 Studien zusammengetragen. Nach all dem, was Sie aus der Gehirnforschung und über die menschliche Kognition wissen, welche Aktivierungen sind erwiesenermaßen die wirksamsten, um Seniorinnen und Senioren geistig fit zu halten und Demenz zurückzudrängen?

Manfred Spitzer: Heute wird das sogenannte „Gehirnjogging“ angepriesen – von Kreuzworträtseln über Sudoku bis hin zu kognitiven Trainings am Computer. Aber nur wenig davon ist tatsächlich wirksam! Das beste Training ist immer noch die Bewegung, denn beim Laufen wachsen vor allem dort neue Nervenzellen nach, wo sie stressbedingt kaputt gehen und zur Formung neuer Erinnerungen gebraucht werden: im Hippocampus. Er ist ein kleiner Teil des Gehirns, der tief im Temporallappen beidseits gelegen ist.

Damit die durch Bewegung neu nachgewachsenen Neuronen dann auch tatsächlich „anwachsen“, das heißt sich mit den bereits vorhandenen Neuronen verbinden und Netzwerke bilden können, müssen sie beansprucht werden, also „arbeiten“. Es ist definitiv nicht gefragt, nur alte Erinnerungen abzurufen, denn dafür bemüht man lediglich vorhandene Neuronen. Damit Eindrücke überhaupt von unserem Gehirn Beachtung finden und zur „Gehirnbildung“ in doppeltem Sinne - es geht um Bildung, und dies geschieht, indem sich Verbindungen zwischen Nervenzellen bilden – beitragen können, müssen diese möglichst emotional ansprechend sein und zu vielfältigen Verarbeitungsprozessen im Gehirn anregen.

Das Gehirn braucht also vielseitige Nahrung vermittelt durch einen bunten Strauß an emotional anregenden Sinneswahrnehmungen, um überhaupt aktiv zu werden. Welche Dinge sind es, die sich Dinge nachhaltig einzuprägen?

Ja, es ist die ganze Breite und Tiefe des Lebens, die unsere Nervenzellen lebendig erhält. Ich rate immer dazu, lieber öfter Umgang mit den Enkelkindern und Kindern generell zu pflegen. Sie sind beliebig kompliziert und fordern ständig auf immer neue Weise heraus. Kinder stellen eine Quelle vielfältiger Reize dar: Provokationen, Meinungen, Witze, Überraschungen, Fragen und Bewegungsanregungen. Das regt vor allem emotional an. Also, erst Bewegung und dann Zeit mit Kindern verbringen führen zu dem Ergebnis, dass erstens mehr Nervenzellen wachsen können und sie zweitens auch mit den schon vorhandenen verbunden werden.

Kinder sollten noch wesentlich unbekümmerter zum Alltag von Seniorinnen und Senioren gehören, dazu gibt es hinreichend Erfahrungswerte und wissenschaftliche Studien. Betrachtet man das junge und das alte Gehirn: Was zeichnet sie jeweils aus? Welche Bedeutung haben aus Sicht der Gehirnforschung Jung und Alt für einander?

Am Anfang des Lebens geht das Lernen noch schnell und in großen Schritten vor sich. Junge Menschen denken sehr schnell und noch mehr „outside the box“. Sie haben ungewöhnliche Ideen, gerade weil sie noch wenig Erfahrung haben. Mit ihren Einschätzungen können sie aber auch völlig daneben liegen, weil ihnen noch die Erfahrungen fehlen. Mit dem Älterwerden kommt Erfahrung und Genauigkeit hinzu und man entwickelt mit der Erfahrung die Präzision. Die Langsamkeit des Alters ist daher keine Folge von Krankheit, sondern vielmehr Ausdruck eines optimierten Lernprozesses und zahlreicher neuronaler Verschachtelungen. Ältere Menschen haben mehr abgespeichert, umfassendere Erfahrung und ein klareres Urteilsvermögen. Altersgemischte Gruppen sind daher bei der Lösung von Problemen am erfolgreichsten, denn sie sind einerseits schnell und kreativ, andererseits haben sie auch Erfahrung.

Solange die Welt des älteren Menschen unverändert stabil bleibt, profitieren er und sein Umfeld von seinem subtilen Erfahrungswissen: Er kennt die Welt besser als ein junger Mensch. Dagegen kann sich ein Kind rascher an neue Situationen anpassen. Die Problematik des Alters kann dann sein, dass früher erarbeitete Werte ganz plötzlich nicht mehr gelten, erlernte Fähigkeiten nicht mehr gebraucht werden.

Die Reservekapazität geht mit dem Alter zurück, heißt es. Möglichkeiten und Fähigkeiten, äußeren Veränderungen und Stressfaktoren angemessen zu begegnen, lassen im Alter nach. Wie wirkt sich Stress auf das Gehirn aus und welche Stressfaktoren haben aus Sicht der Gehirnforschung einen wesentlichen Anteil am Abbau von Gehirnzellen?

Das Gehirn versteht es auf faszinierende Weise, Defizite lange auszugleichen. Der lateinische Ausdruck „De-Mens“ heißt ja nichts weiter als „herab mit dem Geist“, sprich „geistiger Abstieg“. Und für jeden Abstieg gilt: Je höher man anfängt, desto länger dauert es, bis man unten ankommt. Je höher der Bildungsgrad also, umso länger der geistige Abstieg. Tatsächlich ist der in Kindheit und Jugend erreichte Bildungsstand eines Menschen der beste Schutzfaktor vor Demenz im Alter. Bei Stress sind Nervenzellen gefährdet. Insbesondere Gefühle, machtlos ausgeliefert zu sein, bewirken Stressreaktionen. Ein anderer, wichtiger Stressfaktor in der modernen Gesellschaft ist die häufig unterschätzte Einsamkeit, die das Absterben von Nervenzellen und damit die Entwicklung einer Demenz begünstigen kann.

„Einsamkeit“ – so auch der Titel Ihres aktuellen Buches. Für all jene, die ältere Menschen und Menschen mit Demenz betreuen, wird erkennbar, dass eine möglichst „normale“ Einbindung in die Gesellschaft, ohne jegliche Bevormundung oder Überbehütung im Fokus stehen sollte. Wie halten Sie es mit dem Einsatz von Unterhaltungs-Robotern in Seniorenheimen?

Nun, alles, was uns geistige Arbeit abnimmt, trainiert unser Gehirn nicht. Das ist nicht anders als bei der Muskelarbeit: Wer die Rolltreppe, den Fahrstuhl oder das Auto nimmt, trainiert Muskulatur, Herz und Kreislauf also nicht. Das hat sich herumgesprochen. Im Hinblick auf den Geist ist dies den meisten Menschen noch nicht klar – und dies sollte sich ändern! Deshalb: Seichte Berieselung zum Beispiel durch den Fernsehapparat oder durch einen Roboter ist keine gute Strategie zur Aktivierung oder Demenzvorbeugung.

Ich danke Ihnen für das Gespräch.

Interview: Melanie M. Klimmer

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