Foto: ANKE KRISTINA SCHAEFER _

Wohnen im Alter

Malu Dreyer über ihr Leben im alternativen Wohnprojekt

Wie sieht eigentlich der Alltag im generationenübergreifenden Wohnen aus? Wir fragten die kommissarische SPD-Vorsitzende und Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz (Foto, r.)

Sie sind eine viel beschäftigte Politikerin: Seit 2013 sind Sie Ministerpräsidentin, jetzt bekleiden Sie auch noch das Amt der kommissarischen SPD-Vorsitzenden in Berlin. Sie leben mit Ihrem Ehemann in einem inklusiven und generationenübergreifenden Wohnprojekt in Trier. Können Sie dort überhaupt noch Zeit verbringen?

Als Ministerpräsidentin hat man naturgemäß sehr wenig Freizeit. Aber das Schammatdorf ist mein Zuhause, und so versuche ich, jede freie Minute zum Beispiel am Wochenende dort zu verbringen.

Was unterscheidet Ihr Leben im Wohnprojekt vom Leben eines deutschen Durchschnittsbürgers im Reihenhaus?

Im Schammatdorf wird Nachbarschaft großgeschrieben. Es gehört gewissermaßen zum Konzept, dass man auf seine Nachbarinnen und Nachbarn achtet, sich gegenseitig unterstützt und hilft. Gemeinschaft wird ganz bewusst und aktiv gepflegt. Dazu gehört zum Beispiel, dass man bei der älteren Nachbarin klingelt, um zu fragen, ob alles in Ordnung ist, wenn man sieht, dass sie mittags die Zeitung noch nicht hereingeholt hat. Es gibt auch Rückzugsmöglichkeiten, aber niemand muss sich einsam fühlen. All das kann es natürlich in einer Reihenhaussiedlung auch geben, aber für das Schammatdorf gehört es zum Gründungsprogramm.

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Zeit für Aktivitäten mit der Gemeinschaft des Projekts Schammatdorf fehlt Ihnen wahrscheinlich aktuell. Dort gibt es viele Möglichkeiten, miteinander aktiv zu sein. So gibt es einen Kochclub, der ein Rezeptbuch herausgebracht hat. Haben Sie reingeschaut und ein Lieblingsrezept?

Ja, Sellerieschnitzel mit Currysoße und Kohlrouladen. Letzteres ist übrigens ein Rezept meines Mannes.

Ihr Credo zu Ihrem Wohnort lautet „Hier will ich alt werden“. Warum?

Natürlich zunächst einmal, weil hier mein Mann und in der Nähe ein Teil meiner Familie lebt. Aber eben auch, weil es genau dem Wohnmodell entspricht, das ich mir immer für mich vorgestellt habe und das ich auch schon als Studentin in der WG bevorzugt habe: Leben in der Gemeinschaft, geben und nehmen, sich unterstützen, aber auch Möglichkeiten des Rückzugs, wenn mir danach ist. Für mich ist dies die natürlichste Form des Wohnens, da es der Vereinsamung und Vereinzelung entgegenwirkt. Viele ältere Menschen benötigen Unterstützung, möchten sich aber auch gerne noch in die Gesellschaft einbringen. Jüngere Menschen, vor allem mit kleinen Kindern, wissen oft nicht, wie sie mit ihrem Pensum über die Runden kommen sollen. Gemeinschaftliches Wohnen kommt beiden Seiten entgegen. Daher fördern wir als Landesregierung die Entstehung gemeinschaftlicher Wohnprojekte nach Kräften.

Die Bewohner altern mit dem Schammatdorf, das im Juni gerade sein 40-jähriges Bestehen gefeiert hat. Führt das zu Veränderungen und/oder neuen Plänen?

Das Konzept des Schammatdorfes ist heute aktueller denn je! Im Schammatdorf wohnen alte und junge, behinderte und nichtbehinderte, gut und weniger gut verdienende, alleinstehende oder in Partnerschaft lebende Menschen. Es wurde immer sehr darauf geachtet, dass das Dorf auch attraktiv für Familien mit Kindern und jüngere Menschen ist. Die gute Altersdurchmischung wird auch in der Zukunft ein wichtiges Thema bleiben.

Auch politisch sind Sie eine Vorkämpferin für innovative Wohn- und Quartiersprojekte. Wie setzen Sie das in Rheinland-Pfalz um?

Es wird immer mehr und sehr viele ältere Menschen in der Gesellschaft geben, und wir müssen uns damit beschäftigen, wie wir den damit verbundenen Wandel gut gestalten können. Die meisten Menschen wollen in ihren vertrauten vier Wänden alt werden, sie wollen aber nicht unbedingt allein leben, beispielsweise wenn der Partner verstorben ist oder die Kinder aus dem Haus sind. Wir müssen also die Voraussetzungen für Gemeinschaft schaffen.

In Rheinland-Pfalz gibt es seit 2015 eine eigene Landesberatungsstelle für neues Wohnen, die Kommunen, Wohnungsgesellschaften und Initiativen im ganzen Land berät. Mit dem Projekt WohnPunkt RLP unterstützen wir gezielt kleine Kommunen bis zu 5.000 Einwohnern beim Aufbau von dörflich eingebetteten Wohn-Pflege-Gemeinschaften. Mit den kommunalen Wohnungsunternehmen in Rheinland-Pfalz haben wir eine Arbeitsgemeinschaft zu Quartiersprojekten mit Assistenz-Angeboten, wie dem Bielefelder Modell, gegründet, um solche Vorhaben voranzubringen. Innovative Wohn- und Quartiersprojekte, die Wohnraum für Ältere, Pflegebedürftige oder Menschen mit Behinderungen schaffen, können in Rheinland-Pfalz eine Anschubförderung bis zu 10.000 Euro beantragen, und über die soziale Wohnraumförderung gibt es günstige Kredite für Wohngruppen.

So schaffen wir ein gutes Umfeld für neues Wohnen im Land. Damit haben wir auch Erfolg, wie die steigende Zahl an Projekten zeigt. Aktuell haben wir rund 140 innovative Wohn- und Quartiersprojekte im Land, davon über

90 Wohn-Pflege-Gemeinschaften.

Sehen Sie alternative Wohnformen mit Assistenz-Angeboten auch als Karrieremöglichkeit für Pflegende?

Alternativen Wohnformen mit Assistenz-Angeboten gehört meiner Meinung nach die Zukunft. Es entwickeln sich derzeit viele Vorhaben, bei denen gemeinschaftliches und barrierefreies Wohnen mit Assistenz-Angeboten verbunden wird. Das geht von der Wohn-Pflege-Gemeinschaft bis zu großen Quartiersprojekten.

Die Menschen wollen möglichst in ihren angestammten Dörfern und Quartieren alt werden, da sind diese Angebote optimal. Aktuelle Studien, zum Beispiel des GKV-Spitzenverbandes, zeigen auch, dass die Zufriedenheit der Bewohnerinnen und Bewohner in diesen Modellen sehr hoch ist. Das gilt für die Themen Selbstbestimmung und Teilhabe, genauso wie für die Pflegequalität. Im Umkehrschluss zeigt sich daran natürlich auch eine hohe Attraktivität der neuen Wohnformen für Pflegende. Für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der sozialen

Dienste können neue Wohnkonzepte mehr Zeit, flachere Hierarchien, neue Aufgabenfelder und damit eine höhere Zufriedenheit mit sich bringen.

Viele Dienste interessieren sich dafür – die Umsetzung ist jedoch oft anspruchsvoll und erfordert veränderte oder neue organisatorische Abläufe. Darin liegen die Herausforderungen beim Aufbau neuer Wohnprojekte.

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