Deutscher Pflegetag 2018

„Machen Sie Schluss mit der Selbstverzwergung“

Ohne Druck wird sich nichts ändern – das ist der mahnende Aufruf einer Diskussionsrunde auf dem DPT mit Marktforscherin Stephanie Hollaus, Alexander Jorde, David Dietz und Bodo de Vries (v.l.). Das Gute: Sie wurden sehr konkret.

Inhaltsverzeichnis

Die Pflege in Deutschland braucht dringend ein neues Selbstbewusstsein. Darin waren sich alle vier Teilnehmer der Podiumsdiskussion zur Lage der Pflege einig, zu der die Schlütersche im Rahmen des Deutschen Pflegetages in Berlin geladen hatte. Die erschreckend schlechte Selbsteinschätzung der Pflegekräfte, die der CARE Klima-Index ergeben hat, sei unverständlich und inakzeptabel. Demnach fühlen sich 56 Prozent der Beschäftigten nicht wertgeschätzt, nannte Stephanie Hollaus vom Marktforschungsinstitut Psyma ein Kernergebnis der zusammen mit der Schlüterschen und dem Deutschen Pflegerat (DPR) erstellten Studie.

Johanneswerk-Vorstand: Ich möchte Sie gern auf Krawall bürsten!

Bodo de Vries wunderte die schlechte Selbsteinschätzung nicht. „Sie ist die Folge eines langen Disziplinierungsprozesses, dem die Pflege ausgesetzt war“, sagte der stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Evangelischen Johanneswerks in Bielefeld: „Viele Mitarbeiter können Erfolge gar nicht mehr wahrnehmen – bei einem Projekt in einem unserer Häuser ging das wirklich nur unter Anleitung.“

De Vries rief die Beschäftigten dazu auf, sich intensiv mit dem System zu beschäftigen. „Schauen Sie genau hin, wer da was entscheidet, und achten Sie auch auf Unterschiede von Bundesland zu Bundesland.“ Häufig, so de Vries, würden Pflegekräfte und die Pflegebedürftigen gegeneinander ausgespielt. Seine Mission: „Ich möchte Sie gerne auf Krawall bürsten.“

„Die Debatte um die Pflegekammer ist ein gutes Zeichen“

Auch David Dietz, Pressesprecher der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz, forderte „Schluss mit der Selbstverzwergung“. Natürlich habe „die größte Gruppe mit Kontakt zum Patienten“ große Macht, nur müsse sie diese auch nutzen. Dabei könne auch die vielerorts geführte Debatte um die umstrittene Mitgliedschaft in einer Pflegekammer positiv sein: „Sie ist ein gutes Zeichen dafür, dass sich in der Pflege etwas politisiert“, sagte der FDP-Politiker.

Alexander Jorde: Es herrscht zu starkes Gegeneinander

Damit liegt er ganz auf Alexander Jordes Linie. Der Krankenpflegeschüler vom Hildesheimer St. Bernward Krankenhaus, der Bundeskanzlerin Angela Merkel mit seinen Fragen in der Wahlarena im September 2017 ordentlich zusetzte, ist ein Freund der markigen Debatte. Zu oft werde über Pflege verhandelt, ohne dass Pflege mit am Tisch sitze, klagte der 21-Jährige, der in der Diskussion häufig den stärksten Beifall erntete. Gleichzeitig herrsche unter den Pflegenden aber auch ein zu starkes Gegeneinander, kritisierte Jorde. Statt an einem Strang zu ziehen, gönne einer dem anderen nichts. „Dabei ist unser gemeinsames Ziel doch eine gute Pflege und nicht, dass die Verbände gut dastehen.“

Bodo de Vries fordert eine grundsätzliche Pflegereform

Im Rahmen der Podiumsdiskussion, bei der auch die Zuhörer immer wieder aufgerufen waren, mit farbigen Karten ihre Einschätzung zu den Debatten-Themen abzugeben, kristallisierte sich die Personalnot als ein zentrales Problem der Pflege heraus. „Was im neuen Koalitionsvertrag steht, reicht bei weitem nicht aus“, erklärte David Dietz: „Es braucht andere Ansätze, und die werden Geld kosten. Ob wir uns das leisten wollen, ist ein gesamtgesellschaftliches Problem.“

Er erwarte eine „knallharte Auseinandersetzung“ und heftige Verteilungskämpfe, sagte Dietz. Auch Bodo de Vries forderte, „wir brauchen viel mehr Menschen, die gemeinsam im Team die Pflege hinbekommen“. Angesichts der „Zerstückelung des Pflegeprozesses“ könne sich niemand als Team fühlen. Der Johanneswerk-Chef mahnte eine „grundsätzliche Pflegereform“ an: „Wir dürfen es uns nicht gefallen lassen, wenn die Politik für Gespräche nicht zur Verfügung steht.“

Auch Streiks sind für Alexander Jorde nicht tabu

Den nötigen Druck dafür müssten die Pflegenden endlich „auf die Straße bringen“, betonte FDP-Mann Dietz: „Sonst ändert sich nichts.“ Dass dafür auch Streiks denkbar seien, steht für Alexander Jorde außer Frage: „Ich habe kein Mitleid mit den Arbeitgebern. Wenn wir Druck ausüben, werden sie den direkt an die Politik weitergeben.“ Würden etwa bestimmte Bereiche einer Klinik gezielt und gut geplant bestreikt, „gehen die Patienten zu anderen Häusern. Das beschert den Konzernen richtig Miese“, ist sich Jorde sicher und verrät, was ihm schon länger vorschwebt: „Eine richtig große Pflege-Demo in Berlin, mit so vielen Teilnehmern, dass wir die Stadt lahmlegen.“

Autor: Jens Kohrs

Foto: Deutscher Pflegetag

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