Deutscher Pflegetag 2019

Lernen Sie „Nein“ zu sagen! Klug und charmant

Ja, Pflegekräfte brauchen Empathie. Nur: Zu viel davon kann Burnout verursachen. Psychologen wollen mit dem empCare-Projekt vorbeugen. Das Bildungsministerium (BMBF) unterstützt mit einer Million Euro.

Inhaltsverzeichnis

Es ist eigentlich ihr großes Plus: Die meisten Pflegekräfte besitzen ein hohes Maß an Empathie. Zuwendung und Mitgefühl werden mit dem Pflegeberuf sehr stark verbunden. Typische Erwartungen an die Pflegenden sind deshalb: Sie haben immer Zeit, sie setzen sich geduldig neben die Patienten und hören ihnen stets aufmerksam zu, servieren ihnen Kaffee und kümmern sich liebevoll um die Angehörigen.

Erst super-empathisch, dann völlig genervt

Dieses Bild entspricht in der Regel auch dem Selbstbild der Pflegekräfte. Das macht sie allerdings sehr anfällig: Ein Zuviel an Empathie oder eine nicht adäquat ausgedrückte Empathie sind eng verbunden mit klassischen Belastungsfolgen wie Berufsunzufriedenheit, Depressivität, Burnout oder psychosomatischen Symptomen. Das kann bis hin zum Wunsch führen, den einst so geliebten Beruf zu verlassen.

Wie kann der Einzelne seinen Alltag strukturell verändern?

Das Bundesministerium für Bildung (BMBF) möchte dem etwas entgegensetzen und fördert deshalb das Projekt „empCare – Pflege für Pflegende“ mit einer Million Euro (empCare ist Teil eines Verbundprojekts, das zum BMBF-Forschungsprogramm „Präventive Maßnahmen für die sichere und gesunde Arbeit von Morgen“ gehört). Psychologen der Universität Duisburg Essen haben es konzipiert. Es enthält kurzfristige Trainings, aber auch langfristige Coaching-Maßnahmen. Ihr Ziel: Pflegekräfte dazu befähigen, strukturelle Veränderungen in ihrem Pflegealltag umzusetzen. Projektpartner sind die Uniklinik Köln, die das Konzept in der stationären Pflege einsetzt, und die Uniklinik Bonn, die Multiplikatoren, also Trainingskräfte schult. Außerdem testet der Kölner Pflegedienstanbieter Aaron das Konzept in der ambulanten Pflege.

Es wird bei empCare nicht theoretisiert

Und „empCare – Pflege für Pflegende“ wirkt offenbar. Andreas Kocks, Pflegewissenschaftler und Projektleiter empCare an der Bonner Uniklinik: „Die Bewertung der Teilnehmer liegt uns vor und ist sehr positiv ausgefallen. Zwei Drittel loben den hohen Praxisanteil und die gute Umsetzbarkeit der Maßnahmen im Pflegealltag.“

Auf eigene Bedürfnisse achten

Wie genau funktioniert empCare? „Der Grundgedanke ist: Die Mitarbeiter lassen sich zu viel auf die Patienten ein. Sie grenzen sich nicht ab. empCare hilft ihnen, sich abzugrenzen und damit auch für sich selbst etwas zu tun. Dabei sollen die Mitarbeiter natürlich weiterhin empathisch bleiben, aber auch auf ihre eigenen Bedürfnisse achten“, sagt Vera Lux, Pflegedirektorin der Uniklinik Köln.

Warum klingelt der Patient nur ständig?

„Wünschenswert ist ein offener, kluger Umgang mit Angehörigen und die Reflexion, warum etwa ein Patient ständig klingelt. Oft steckt ja mehr dahinter als der konkrete Wunsch, sich ständig etwas bringen zu lassen“, sagt Lux. „Es könnte ein Aufmerksamkeitsdefizit und damit ein Zuwenig an Zuwendung stecken, die die Pflegekräfte aber nicht liefern können, weil es nicht ihrer Aufgabe entspricht und den Pflegealltag sprengen würde.“

Lösungen suchen, Angehörige einbinden

Eine Alternative wäre in diesem Fall beispielsweise, den Patienten auf den anstehenden Besuch der Angehörigen hinzuweisen und natürlich auch mit den Angehörigen selbst zu sprechen. „Wir wollen die Probleme langfristig klären. Pflegende können nicht das Gesamtpaket an Zuwendung und Aufmerksamkeit erbringen, was Patienten und Angehörige aber oft von ihnen erwarten“, betont Kocks. „Man kann dem Patienten beispielsweise vorschlagen, schon mal aufzuschreiben, woran der besuchende Angehörige demnächst denken, was er mitbringen soll. Dann braucht er nicht ständig nach dem Pfleger zu klingeln.“ Man delegiert sozusagen das Problem, grenzt sich strukturell ab. Das Ganze geschieht auf freundliche, klare, empathische Art und Weise.

Es gehe nicht darum, sich gegenüber den Bedürfnissen der Patienten zu verschließen, so Kocks. „Wichtig ist uns, deutlich werden zu lassen, dass Pflege mit Menschen zu tun hat, die Bedürfnisse haben, das ist gut so und auch richtig. In empCare stellen wir uns die Frage, wie es gelingen kann Bedürfnisse von Patienten, Angehörigen oder Kollegen so aufzunehmen, dass sie nicht zu einer Belastung werden, sondern dass es gelingt, Bedürfnisse wertschätzenden und lösungsorientiert so in den Blick zu nehmen."

Pflegekräfte spielen Patient

In den zweieinhalbtägigen empCare-Seminaren wird deshalb in Rollenspielen geübt, wie man mit solchen Situationen umgeht. „Dabei machen wir auch den Perspektivwechsel: Zuerst sollen die Pflegekräfte ihre eigene Rolle spielen, dann sollen sie sich in die Rolle des Patienten versetzen. Die jeweiligen Bedürfnisse sollen ausgelotet werden. Das ist zunächst schwierig, aber sehr interessant! Abschließend sollen sie auch die Rolle des neutralen Beobachters einnehmen. Die hilft ihnen dann, auch künftig einen grundsätzlicheren Lösungsweg zu finden, der von mehr Abgrenzung geprägt ist und vor einem Zuviel an Empathie bewahren kann.“

Vera Lux: Teilnehmer „hochzufrieden“

Lux spricht von „Beziehungsarbeit mit Patienten“, die nicht mehr Zeit benötige, sondern die die Dinge einfach nur anders gewichte oder neue Regeln erstelle. Aus der Kölner Uniklinik haben 200 Pflegefachkräfte an empCare-Seminaren teilgenommen und alle seien „hochzufrieden“ gewesen, sagt Lux.

Andreas Kocks: Ähnlich wie in einer Partnerschaft

„Wir können zwar nicht die Welt retten und auch nicht die Rahmenbedingungen in der Pflege, aber immerhin unsere Haltung dazu“, sagt Kocks. Oft reiche es schon, wenn die Bedürfnisse von Pflegekräften und Patienten besser erkannt würden. Kocks spricht vom „Türöffnerphänomen“ und zieht einen Vergleich zur privaten Ebene: „Auch als Partner kann ich ja nicht alle Probleme meiner Partnerin lösen. Aber wenn ich ihre Bedürfnisse besser kenne, ist das schon sehr viel wert. Es kann ihr selbst dann bei der Lösung ihrer Probleme helfen.“ Einen solchen „Haltungswechsel“ strebe auch empCare an, und die ersten Ergebnisse der Evaluation zeigten schon „sehr gute Effekte“, sagt der Pflegewissenschaftler.

Sie möchten teilnehmen?

Wer Interesse an empCare hat, kontaktiert am besten den Leiter des Bildungszentrums der Uniklinik Köln: ludwig.thiry@uk-koeln.de – oder den Projektleiter empCare an der Uniklinik Bonn: andreas.kocks@ukbonn.de

Treffen Sie die empCare-Akteure auf dem Deutschen Pflegetag!

Auf dem DPT in Berlin gibt es eine Veranstaltung zu empCare mit Vera Lux, Pflegedirektorin der Uniklinik Köln, und Ludwig Thiry, Leiter des Bildungszentrums (UK Köln), voraussichtlich am Donnerstsag, 14. März, um 16 Uhr.

Autorin: Birgitta vom Lehn

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