Foto: Lukasz Radziejewski/Unsplash
Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft Gerald Gaß spricht von einer Spirale des Abwerbens.

Fachkräftemangel

Las Vegas in Bad Bramstedt: 10.000 Euro Willkommensbonus

Erst 3.000 dann 10.000 Euro Willkommensprämie: Mit einer Top-Prämie lockt das Klinikum Bad Bramstedt (Schleswig-Holstein) neue Pflegekräfte. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft sieht solche Aktionen kritisch

Das mag sich für manch Pflegekraft fast wie ein Lotto-Gewinn anfühlen: Seit Anfang des Jahres läuft beim Klinikum Bad Bramstedt eine Werbeaktion, die jeder Pflegekraft, die sich an die Klinik bindet, eine „Willkommensprämie“ von 10.000 Euro verspricht.

„Wir mussten dringend etwas tun. Bei uns sind zurzeit 15 Stellen im Pflegebereich nicht besetzt“, so Klinikchef Jens Ritter gegenüber dem „Hamburger Abendblatt“. Um die zu finden, griff die gemeinnützige Einrichtung, die von der Rentenversicherung Nord, dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und der Stadt Bad Bramstedt getragen wird, tief in die Tasche – die nicht gefüllt ist. In den letzten beiden Jahren machte das Klinikum miese, 2021 allein einen Verlust von 2,9 Millionen Euro.

30 Bewerber haben sich gemeldet

Schon vor ein paar Jahren hatte das Klinikum mit einer ausgelobten Prämie von 3.000 Euro erfolgreich dem Mangel von Pflegekräften beheben können. Mit den 10.000 Euro will der Klinikchef noch mal „richtig einen raushauen“. Und das wohl wieder mit Erfolg: 30 Pflegefachkräfte hätten sich auf die Aktion gemeldet, vier neue Kolleginnen schon eingestellt. Ritter gegenüber dem „HA“: „So viele Bewerbungen haben wir sonst vielleicht in einem halben Jahr.“

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Neben den 10.000 Euro „Willkommensprämie“ hat das Klinikum ein attraktives Paket geschnürt:

  • Verkürzte Wochenarbeitszeit von 38 Stunden
  • bis zu 38 Tagen Urlaub
  • Jahressonderzahlung
  • Betriebliche Altersvorsorge
  • Finanzierung von Fort- Weiterbildungen
  • kostenlose Mitgliedschaften im Fitnessclub oder E-Bikes, die kostenlos zur Verfügung gestellt werden.

Auch Asklepios  investierte 10.000-Euro-Willkommensprämie  

Doch mit diesen Abwerbeaktionen steht das Klinikum, das sich auf die Behandlung und Therapie von Gelenk-, Wirbelsäulen-, Muskulatur-, Nerven- und Gefäßerkrankungen spezialisiert hat und 14.000 Patienten im Jahr versorgt, nicht allein. Deutschlandweit ist es für Krankenhäuser gang und gäbe, mit viel Geld der Konkurrenz die Pflegekräfte abzujagen. Die München Klinik, Deutschlands zweitgrößtes kommunales Klinikunternehmen, lobte schon mal 8.000 Euro für neue Fachkräfte aus, die Asklepios-Klinik im sächsisch-anhaltinischen Weißenfels 10.000 Euro, die Median-Klinik in Magdeburg 5.000 Euro. Der Kampf um Pflegekräfte wird schon seit Jahren „mit harten Bandagen“ geführt, wie es ein Klinik-Geschäftsführer ausdrückt.

Die Willkommensprämie ist günstiger als Zeitarbeit

So umstritten diese Prämien sind, die Kliniken stellen eine nachvollziehbare Rechnung auf: Jeder fehlende Pflegekraft-Arbeitsplatz muss über die Zeitarbeit besetzt werden, ansonsten müssen Abteilungen geschlossen werden wegen der gesetzlichen Personaluntergrenzen. Und Pflegefachkräfte, die über Zeitarbeitsfirmen gebucht werden, kosten fast das Doppelte von festangestellten Kräften – rund 90.000 Euro im Jahr gegenüber rund 50.000 Euro. Bei 1,4 Millionen Euro, die das Klinikum Bad Bramstedt pro Jahr für Zeitarbeitskräfte ausgibt, sind 10.000 Euro Prämie gut investiertes Geld.

DKG: „Spirale des Abwerbens, bei der kein Krankenhaus gewinnt“ 

Diese Abwerbeprämien sieht man bei der Deutschen Krankenhausgesellschaft kritisch. „Hier droht eine Spirale des gegenseitigen Abwerbens, bei der am Ende kein Krankenhaus gewinnt“, so der Vorstandsvorsitzende Dr. Gerald Gaß auf unsere Anfrage. „Aber natürlich sind die Bemühungen der Krankenhäuser, ihre eigene Personaldecke mithilfe von Abwerbeprämien zu sichern, nachvollziehbar. Der Pflegepersonalmangel ist so ausgeprägt, dass die Kliniken fast alles unternehmen, um neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter anzuwerben.“

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Daher fordert der Vorstandsvorsitzende einmal mehr, dass die Politik für „strukturelle Reformen“ sorgen müsse, um mit „guten Arbeitsbedingungen und Gehältern mehr Menschen für den Beruf zu gewinnen, damit dieser Abwerbe-Praxis der Boden entzogen wird“.

Die Geschäftsleitung des Klinikums Bad Bramstedt hat auf unsere Nachfragen zur Aktion nicht geantwortet.

Autor: Hans-Georg Sausse

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