Serie Kämpfernaturen

Kurz vorm Burnout kam der Mut

Aus dem Frei einspringen, auf Pausen verzichten – das hat auch Altenpfleger Enrico Sinkwitz lange mitgemacht. Heute kämpft er lieber für gute Arbeitsbedingungen.

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Der Punkt, an dem Enrico Sinkwitz die Grenze überschritten hatte, liegt jetzt drei Jahre zurück. Damals stand der 33-jährige Altenpfleger kurz vor einem Burnout und musste sich ausklinken. Vier Wochen nahm er sich Zeit – und sah schließlich auch ein, „dass es ja doch ohne mich geht“. Wie so viele andere Pflegekräfte sprang Sinkwitz meist auch aus dem Frei ein, wenn er gerufen wurde, wollte die Kollegen nicht im Stich lassen und verhindern, dass die Bewohner Nachteile hätten.

Sinkwitz warnt vor Selbstüberschätzung

„Doch es lohnt sich nicht, über die eigenen Grenzen hinaus zu gehen. Damit schade ich mir selbst, und es drohen Fehler“, sagt der 33-Jährige heute: „Viele überschätzen sich und haben auch noch immer nicht begriffen, dass der Arbeitgeber Lösungen finden muss, wenn Personal fehlt.“

Sinkwitz hat nach seinem Zivildienst im DRK-Pflege- und Seniorenheim in der Dresdner Johannstadt seine Ausbildung gemacht, dann zwei Jahre bei einem privaten Träger gearbeitet und ist 2009 wieder zum Roten Kreuz zurückgekehrt. Heute ist er Wohnbereichsleiter und damit verantwortlich für die Betreuung von 37 Bewohnern. Insgesamt zählt das Heim 240 Plätze in acht Wohnbereichen.

Streik macht Arbeitgeber gesprächsbereit

Der 33-Jährige engagiert sich seit vier Jahren ehrenamtlich im Betriebsrat. Er sitzt für die Gewerkschaft Verdi in der Tarifkommission und gehörte zur Streikleitung, als es am 31. Mai vergangenen Jahres ernst wurde. Fast der komplette Frühdienst hat gestreikt, unterstützt von Kollegen aus den anderen Schichten. Insgesamt standen fast 70 Mitarbeiter auf der Straße. Das saß. „Jetzt ist der Arbeitgeber gesprächsbereit“, sagt Sinkwitz.

Jetzt verhandelt die Leitung auch mit Verdi

Die ständige Personalnot war ein Grund für den Ausstand, die Tatsache, dass Lohnerhöhungen unterhalb der Inflationsrate lagen und ihnen damit unter dem Strich Geld weggenommen wurde, ein anderer. Jetzt verhandelt die DRK-Einrichtung nicht mehr nur mit der Berufsgewerkschaft DHV, sondern auch mit Verdi über einen Tarifvertrag. Das ist ein Erfolg. „Die Heimleitung war im Zugzwang“, sagt Sinkwitz.

Den TVöD im Blick

Ein Bonussystem für Kollegen, die einspringen, gibt es bereits. Nachdem der Betriebsrat über mehrere Jahre darauf hingewiesen und auch Vorschläge unterbreitet hatte, führte die Heimleitung Anfang des Jahres ein eigenes System ein. Auch das ein Erfolg. In den laufenden Verhandlungen streben die Mitarbeiter Bedingungen wie im Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst (TVöD) an – „oder zumindest eine Mischung aus dem TVöD und dem DRK-Reformtarifvertrag“.

Man droht auch mal mit dem Arbeitsgericht

Darüber hinaus greift der Betriebsrat jetzt konsequent ein, wenn eine Fachkraft im Spätdienst zum Beispiel die Verantwortung für zwei Wohnbereiche übernehmen soll. Und es wird stärker als bisher darauf gepocht, dass der Dienstplan und die Ruhezeiten eingehalten werden. „Wir sagen klipp und klar, wenn gegen Gesetze verstoßen wird, und machen deutlich, dass wir uns notfalls vor dem Arbeitsgericht sehen“, sagt Sinkwitz.

Ärger über Selfie-Manie

Von dem Zusammenhalt, den der Streik auch bewirkt hat, profitiert das Team in Dresden noch heute. Doch die Kollegen immer wieder zu mobilisieren, bleibt trotzdem schwierig. „Es wird stark gemeckert, aber viele sind dann doch zu faul, sich zu engagieren“, sagt Sinkwitz. Dass lustige Selfies in Pflegegruppen auf Facebook mehr Likes bekommen als Kommentare zum Streik-Bericht von Dresden Fernsehen geschrieben wurden, ärgert ihn.

Auch als Praxisanleiter bewegt er etwas

Seine Arbeit macht Enrico Sinkwitz trotz alledem mit Leidenschaft. Seinen Reiz hat der Beruf nicht verloren. Gerade deshalb engagiert sich der 33-Jährige auch noch als Praxisanleiter. Wer mit den Bewohnern empathisch umgehe, bekomme immer ein Lächeln zurück, verspricht er: „Dafür gehe ich gerne an meine Grenzen, und das möchte ich auch den jungen Leuten vermitteln“ – genau wie einen gewissen Rebellionsgeist: „Jeder muss lernen, die Augen aufzumachen, und erkennen, dass wir etwas bewegen können.“

Lesen Sie in der nächsten Woche ein weiteres Porträt über eine Pflegekraft, die sich erfolgreich engagiert hat: Melanie Hentschel (erscheint am 10. Juli)

Autor: Jens Kohrs

Foto: privat

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