Arbeitsrecht

Krankgeschrieben - und jetzt ja keinen Fehler machen!

Warum es sich gerade für Pflegekräfte lohnen kann, die Krankschreibung von einem Boten beim Arbeitgeber vorbeibringen zu lassen, erklärt Anwältin Surek im Interview.

Wie melde ich mich richtig krank? Welche Fehler gilt es zu vermeiden? pflegen-online sprach darüber mit Isabella Surek, Rechtsanwältin in Bremen. Surek kennt die speziellen Probleme der Pflegekräfte: Sie ist als Dozentin für Pflegekräfte in Aus- und Fortbildung tätig.

pflegen-online: Welche Fehler werden bei der Krankschreibung am häufigsten auf Arbeitnehmerseite gemacht?

Isabella Surek: Die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung wird oft zu spät eingereicht oder man verlässt sich darauf, dass die Bescheinigung mit einem normalen Brief rechtzeitig ankommt. Der Arbeitnehmer muss aber den Zugang beweisen. Deshalb würde ich die Krankschreibung lieber entweder persönlich vorbeibringen beziehungsweise von einem Boten überbringen lassen oder vorab ein Foto mit dem Handy davon an den Arbeitgeber schicken. Aber das Original muss dann trotzdem auch noch innerhalb der angegebenen Zeit beim Arbeitgeber vorliegen!

Falsch ist auch, die Krankmeldung zu spät anzuzeigen: Man geht dann erst mal zum Arzt und ruft später im Betrieb an. Das geht nicht! Man muss schon vorab im Betrieb anrufen und Bescheid geben, dass man jetzt zum Arzt geht und sich später noch mal meldet.

Ich habe eine harmlose Erkältung, bleibe aber trotzdem lieber erst mal zu Hause, weil ich auch Fieber habe und mich sehr schlapp fühle. Muss ich mich trotzdem sofort zum Arzt schleppen und krankschreiben lassen?

Laut Paragraph 5 Absatz 1 Seite 1 Entgeltfortzahlungsgesetz (EFZG) muss der Arbeitnehmer dem Arbeitgeber seine Arbeitsunfähigkeit und deren voraussichtliche Dauer unverzüglich mitteilen. „Unverzüglich“ heißt im rechtlichen Sinne ohne schuldhaftes Zögern, also: so schnell wie möglich. In der Regel ist das ein Anruf zu Beginn der betrieblichen Arbeitszeit am ersten Arbeitstag.

Für die Frage, ob ich mich zum Arzt schleppen und krankschreiben lassen muss, ist Satz 2 des Paragraph 5 EFZG entscheidend. Danach hat der Arbeitnehmer, wenn die Arbeitsunfähigkeit länger als drei Kalendertage andauert, eine ärztliche Bescheinigung über das Bestehen der Arbeitsunfähigkeit sowie deren voraussichtliche Dauer spätestens am darauffolgenden Arbeitstag vorzulegen. So kann Übergabetag für die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung in einem Pflegebetrieb auch ein Samstag oder Sonntag sein, wenn der Arbeitnehmer an diesem Tag zum Dienst eingeteilt ist.

Es empfiehlt sich aber immer, auch hinsichtlich des Betriebsfriedens, dem Arbeitgeber die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung so rasch wie möglich zukommen zu lassen.

Gilt die Drei-Tage-Regelung denn ausnahmslos?

Nein, denn laut Paragraph 5 Absatz 1 Seite 3 EFZG darf der Arbeitgeber die Vorlage der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung auch früher verlangen. Er kann schon vom ersten Krankheitstag an ein Attest verlangen. Das kann er sowohl im Rahmen einer vertraglichen Vereinbarung regeln als auch im konkreten Fall individuell fordern. Willkürlich oder schikanös dürfte er dieses Recht allerdings nicht anwenden, er darf damit nicht gegen den allgemeinen Gleichbehandlungsgrundsatz und gegen das Diskriminierungsverbot verstoßen. Das wäre zum Beispiel der Fall, wenn alle anderen Mitarbeiter erst nach drei Tagen ein Attest vorlegen müssten und nur ein bestimmter Mitarbeiter grundlos schon am ersten Tag dies zu tun hätte. Das ginge nicht.

Darf ich während der Krankschreibung an den Arbeitsplatz zurückgeholt werden, weil gerade „Not an Mann“ ist?

Nein, denn der Arbeitnehmer hat ein Recht auf Genesung. Das ist ein berechtigtes Interesse und überwiegt das Interesse des Arbeitgebers.

Darf ich denn arbeiten, obwohl ich krankgeschrieben bin?

Ja, denn eine Krankschreibung ist kein Arbeitsverbot, sondern nur eine voraussichtliche Einschätzung der Krankheitsdauer. Die Entscheidung, ob ich wieder arbeiten kann, obliegt mir selbst als Arbeitnehmer. Wenn ich meine, dass es wieder geht, dann kann ich auch wieder arbeiten gehen.

Was ist, wenn ich vielleicht ansteckend bin und trotzdem arbeiten gehe? Darf mich der Chef dann wieder nach Hause schicken?

Ja, das darf er. Denn der Arbeitgeber hat zum einen eine Fürsorgepflicht mir gegenüber als Arbeitnehmer, er darf mich nicht krank arbeiten lassen, muss mich unter Umständen sogar vor mir selbst schützen, damit ich nicht krank weiterarbeite, und er hat sie zum anderen natürlich auch gegenüber den Mitarbeitern. Wenn die Gefahr besteht, dass alle anderen angesteckt werden, kann er den kranken Arbeitnehmer nach Hause schicken. Aber natürlich hat der Chef, gerade im Pflegebereich, auch den Bewohnern und Patienten gegenüber eine Fürsorgepflicht. Wenn eine Ansteckungsgefahr für die Kunden besteht, muss er handeln.

Muss ich während der Krankschreibung für den Arbeitgeber ständig erreichbar sein?

Ganz klar: nein. Als Arbeitnehmer habe ich ein berechtigtes Interesse auf Genesung, da muss ich nicht erreichbar sein. Man kann sein Handy ausmachen, braucht nichts ans Telefon zu gehen und muss keine E-Mails beantworten.

Darf ich abgemahnt werden, weil ich zu oft krank bin?

Nein, das darf ich nicht. Es wird aber immer wieder gemacht! Eine Abmahnung erfolgt ja, um eine verhaltensbedingte Kündigung vorzubereiten. Eine Erkrankung eines Arbeitnehmers stellt aber kein Verhalten dar. Auf ein Verhalten kann ich immer Einfluss nehmen, ich kann es steuern. Ich kann aber nicht steuern, ob ich krank werde oder nicht.

Wenn es allerdings in Zusammenhang mit meiner Krankheit ein Fehlverhalten gibt, zum Beispiel wenn ich meine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zu spät oder gar nicht einreiche, dann ist das natürlich etwas anderes. Dafür kann ich abgemahnt werden, denn das kann ich ja steuern.

Was ist, wenn mein Kind krank ist und ich es zuhause betreuen muss?

Der Arbeitnehmer hat gegenüber dem Arbeitgeber in jedem Fall einen Anspruch auf Freistellung von der Arbeitsleistung, um ein unter zwölf Jahre altes Kind zu betreuen. Der Anspruch folgt aus Paragraph 616 Bürgerliches Gesetzbuch (BGB) beziehungsweise Paragraph 45 Sozialgesetzbuch (SGB) V. Der Arbeitgeber ist berechtigt, einen Nachweis über den Grund zu verlangen. Ich würde in dem Fall also eine ärztliche Bescheinigung des Kinderarztes vorlegen, dass er die Betreuung des Kindes durch Sie für notwendig erachtet. Das würde als Grund für meine Abwesenheit ausreichen. Die Frage, die sich stellt, ist, ob der Arbeitgeber dem Arbeitnehmer während dieser Zeit auch die Vergütung weiterzahlen muss.

Was ist, wenn das Kind länger krank ist als nur einen Tag?

Auch die Betreuung eines erkrankten Kindes für mehrere Tage fällt in den Anwendungsbereich des Paragraph 616 BGB. Dieser bestimmt, dass der Arbeitgeber dem Arbeitnehmer die Vergütung weiterzahlen muss, wenn der Arbeitnehmer für eine verhältnismäßig nicht erhebliche Zeit aus persönlichen Gründen ausfällt. Ob es sich um einen nicht erheblichen Zeitraum handelt, wird im Einzelfall zu entscheiden sein. Zur Freistellung und Fortzahlung der Vergütung können in Arbeitsverträgen oder Tarifverträgen von diesem Gesetz abweichende Regelungen getroffen werden.

Gesetzlich krankenversicherte Arbeitnehmer haben gemäß Paragraf 45 SGB V einen Anspruch auf Krankengeld bei Erkrankung des Kindes (Pflegekrankengeld), wenn es laut ärztlichem Zeugnis erforderlich ist, dass sie zur Beaufsichtigung ihres erkrankten Kindes der Arbeit fernbleiben.

Der Krankengeldanspruch besteht in jedem Kalenderjahr maximal zehn Tage für jedes erkrankte Kind unter zwölf Jahre. Für Alleinerziehende verdoppelt sich der Anspruch auf 20 Tage pro Kalenderjahr. Sind mehrere Kinder zu betreuen, erhöht sich der Anspruch auf bis zu 25 Tage, bei Alleinerziehenden auf bis zu 50 Tage.

Wird die Vergütung bereits durch den Arbeitgeber nach Paragraf 616 BGB weitergezahlt, besteht für den Arbeitnehmer kein Krankengeldanspruch, sondern nur der Freistellungsanspruch.

Darf ich während der Arbeitszeit zum Arzt?

Arztbesuche sind eigentlich Privatsache des Arbeitnehmers. Da habe ich grundsätzlich keinen Freistellungsanspruch. Ausnahmen sind akute Erkrankungen, bei denen ich mir attestieren lassen muss, dass ich arbeitsunfähig geworden bin. Wenn es notwendig ist, dass ich zum Arzt gehen muss während der Schicht, etwa weil eine Behandlung oder Untersuchung nur zu einem bestimmten Zeitpunkt am Tag möglich ist, dann kann ich das tun und der Arbeitgeber muss mich freistellen und den Lohn auch weiterzahlen.

Behandlungen ohne Notwendigkeit während der Arbeitszeit, also planbare Arztbesuche wie Vorsorgeuntersuchungen oder die jährliche Zahnreinigung, sollte ich aber bitte außerhalb der Arbeitszeit legen.

Interview: Birgitta vom Lehn

Tipps von Pflegemanagerin Maren Lach

5-Stufen-Plan: Wenn Mitarbeiter blaumachen

Krankmeldung ohne Krankheit - ja, das passiert. Besonders um Brückentage und das Wochenende herum. Viele Führungskräfte fühlen sich hilflos. Das muss nicht sein.

Pflege und Management

Urlaub: Welchen Anspruch haben Ihre Mitarbeiter?

Als Vorgesetzte sind Sie auch für den vertraglich geregelten Urlaub Ihrer Mitarbeiter zuständig. Wissen Sie, welchen Urlaubsanspruch Ihre Mitarbeiter per Gesetz haben?

Achtsamkeit

Schlechte Stimmung auf Station - was tun?

Lassen Sie sich ja nicht runterziehen! Wie's gelingt, erklärt Psychiater und Burnout-Experte Georg Schürgers (Foto) im Interview.

Qualitätsmanagement

Was macht der MDK eigentlich alles?

Der medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) hat zahlreiche Aufgabenfelder – die Begutachtung einer eventuell vorliegenden Pflegebedürftigkeit ist nur eine davon.

Alle Neuigkeiten auf einen Blick im Pflegebrief

Abonnieren und erhalten Sie kostenlos alle News.