Situation der Krankenpflege

Klinikchefin kontert Fresenius-Vorstand Sturm (Helios)

Kaufmännisches Eigeninteresse ist Quelle der Pflegemisere und hat im Krankenhaus nichts verloren, sagt Iris Minde und spricht damit für die Führungsspitzen von 64 Krankenhäusern - ein Interview

Fresenius-Chef Stephan Sturm hat sich in einem Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen für mehr Marktwirtschaft in der Gesundheitsbranche ausgesprochen: So ließe sich die steigende Zahl von Patienten immer besser versorgen. Die Herauslösung der Pflegepersonalkosten aus den Fallpauschalen hält Sturm für einen Fehler. Eine Nachricht, die für Pflegekräfte interessant sein dürfte, denn die Helios-Kliniken (86 Kliniken in Deutschland) eine Tochter des DAX-notierten Fresenius-Konzerns. Und eine Nachricht, die die Klinikchefs des Interessenverbands kommunaler Krankenhäuser beschäftigt. In einem Kommentar der Zeitung taz schrieb Iris Minde, stellvertretende IVKK-Vorsitzende und Geschäftsführerin des Klinikums St. Georg Leipzig: „Während die Unterfinanzierung der Krankenhäuser chronisch anhielt und als Druckmittel genutzt wurde, belohnte das sogenannte DRG-Abrechnungssystem vor allem 'Diagnosen', während die personalintensive Pflege durch zunehmende Arbeitsverdichtung und 'Rationalisierungspotenziale' massiv unter Druck geriet. Das Verhältnis von schlechter Bezahlung und hoher Arbeitsbelastung sowie Verantwortung desillusionierte Berufseinsteiger wie Bestandspersonal macht das Berufsbild Pflege unattraktiv.“

Allerdings: Auch kommunale Krankenhäuser sind Teil des Systems, auch kommunale Krankenhäuser haben Arbeit verdichtet und rationalisiert. pflegen-online wollte es deshalb genauer wissen und erfahren, welche Möglichkeiten Manager kommunaler Krankenhäuser sehen, die Situation der Krankenpflege zu ändern.

Wie kommt es, Frau Dr. Minde, dass Sie sich offenbar als erste Krankenhausgeschäftsführerin gegen marktwirtschaftliche Prinzipien in der Gesundheitsversorgung aussprechen?

Der in der taz veröffentlichte Beitrag ist eine gekürzte Version meines Originaltextes, den Sie auf IVKK.de in Gänze lesen können. Ein zentraler Satz darin stellt fest, „dass die - so als monolithische Einheit nicht existierende - Marktwirtschaft keinesfalls nur Probleme löst.“ Gerade auch die Gesundheitsversorgung muss sich heute mit Problemen beschäftigen, die aus marktwirtschaftlich künstlich erzeugten „Kundenwünschen“ resultieren. Also lautet mein Punkt vor allem: mehr Differenziertheit in der Debatte! Der Ruf nach „mehr Markt“ ist viel zu kurz gegriffen.

Und tatsächlich bin ich der Ansicht, dass das Krankenhauswesen zwar ökonomisch optimiert werden muss, aber eben nicht dem marktwirtschaftlich freien Spiel von Angebot und Nachfrage ausgesetzt sein kann. Mit „ökonomisch optimiert“ meine ich, dass die medizinisch notwendigen Leistungen so sparsam und nachhaltig wie möglich erbracht werden sollten. Platz für kommerzielles, kaufmännisches Eigen-Interesse sehe ich darin keinen.

Sie schreiben in Ihrem taz-Kommentar, dass die starke Orientierung an der Marktwirtschaft und die Macht der DRG ein entscheidender Grund für den Fachkräftemangel in der Pflege ist. Scheint dann nicht das Herauslösen der Pflegepersonalkosten aus den DRG, so wie es das Pflegepersonalstärkungsgesetz vorsieht, schon einmal ein Schritt in die richtige Richtung?

Ich habe darauf hingewiesen, dass die Logik der Fallpauschalen Diagnosen und Apparatemedizin belohnt, während der Personaleinsatz in der Pflege als disponible Größe danach unter Druck geriet. Die Fallpauschalen sind ein Thema für sich. Erst wenn sie, wie aktuell in Deutschland, in einem bewusst unterfinanzierten System als Abrechnungsgrundlage eingesetzt werden, entstehen diese kommerzialisierbaren Fehlanreize.

Ein DRG-System zum internen Benchmarking wäre etwas ganz anderes. Es ist also insofern tatsächlich die in Deutschland mögliche Kommerzialisierbarkeit, verbunden mit der Unterfinanzierung von Investitionen und Betrieb, was die Probleme in der Pflege so zugespitzt hat.

Ich habe von verschiedenen Seiten gehört, dass auch das Herauslösen der DRG für die Pflegepersonalkosten bereits wirtschaftliche Strategien provoziert hat: Einige Träger sollen wohl schon planen, Tätigkeiten aus anderen Bereichen - etwa die Tätigkeiten der Servicekräfte - auf die Pflegekräfte übertragen, um diese pflegefremden Leistungen auf dise Weise ebenfalls refinanziert zu bekommen. Wie stehen Sie zu dieser Tendenz?

Das hat Herr Sturm, der Chef der Helios-Konzernmutter Fresenius in seinem Beitrag ja quasi „vorhergesagt“. Mir liegt daran, dass wir uns auf die Grundsatzfrage besinnen. Und die lautet: Was soll ein Krankenhaus seinem Sinn nach sein, was ist die angemessene Versorgungsstruktur für Deutschland oder innerhalb Deutschlands und wie versorgt man in dieser Struktur menschlich, modern und auf nachhaltige Weise wirtschaftlich? Da wiederhole ich mich gerne: Für mich schließt das aus, dass es kommerzielle geschäftliche Interessen am Betrieb deutscher Krankenhäuser geben sollte.

Wo sehen Sie persönlich als Geschäftsführerin - oder Ihre Kollegen beim IVKK - Möglichkeiten, die Situation in der Pflege zu verändern?

Alle im Krankenhaus tätigen Menschen sitzen im selben Boot. Daher braucht es meiner Meinung nach die gemeinsame Verständigung auf die Notwendigkeit, Grundsatzentscheidungen anzumahnen, bevor immer wieder Reformen im Detail versucht werden. Die haben die Lage - vorsichtig formuliert - dahin gebracht haben, wo wir gerade stehen. Unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Krankenhäusern haben wir mit den politischen Entscheidungen und dem kommerziell verstandenen Wettbewerb bereits zu viel zugemutet.

Was würden Sie Pflegekräften raten, die sich durch Personalsituation und Ökonomisierung bedrückt fühlen und erkennen, dass Sie nicht so arbeiten können wie Sie eigentlich möchten? Welche Möglichkeiten haben sie Ihrer Einschätzung nach, ihre Situation zu verändern?

Als Ökonomin liegt mir sehr daran, das fatale Mißverständniss aufzuklären: Ökonomisierung bedeutet lediglich sparsame und nachhaltige Bewirtschaftung. Das ist notwendig und gut, weil es Verschwendung verhindert. Kommerzialisierung ist dagegen die Bewirtschaftung eines Systems zum eigenen Nutzen, um Profit daraus zu erzielen. Für das Risiko des Kaufmanns, ein Geschäft zu betreiben, ohne zu wissen, ob Kunden seine Leistung oder sein Produkt nachfragen, bekommt er einen Gewinn zugestanden. Der Gewinn ist hier also gerechtfertigt. Dieses Prinzip hat aber meiner Meinung nach im Krankenhaus keinen Platz, und dafür gibt es viele Gründe, nicht zuletzt auch die in der Verfassung garantierte Menschenwürde.

Was das Berufsbild „Pflege“ angeht: Die Berufswahl erfolgt ja gerade nicht nur zum eigenen Nutzen. Pflegekräfte und auch Mediziner wählen ihre Berufe zu einem starken Anteil der „gerechten Sache“ wegen, von der auch Simon Sinek in dem Buch „Das unendliche Spiel“ spricht, welches ich zitierte habe. Es geht um den Beitrag für den Nächsten, für die Gesellschaft.

Wir sind es als Gesellschaft den Menschen in der Medizin und insbesondere in der Pflege schuldig, ihren Dienst angemessen zu honorieren. Sie können mir glauben, dass es mir oft schwerfällt, die im System liegenden Sinnwidrigkeiten umsetzen zu müssen. Genau deswegen habe ich den Widerspruch zu Herrn Sturm formuliert. Das Krankenhaus ist kein Ort für kommerzielle Egoismen und „Shareholder Value“.

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