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PD Dr. med. Johannes Kalbhenn,<strong> </strong> geschäftsführender Oberarzt und Intensivmediziner am Universitätsklinikum in Freiburg.

Interview

„Kein Covid-Patient stirbt hier allein“

Das einsame Sterben des Ehemannes, des Vaters, der Freundin in der Corona-Pandemie – etliche Menschen haben es erlitten. Doch allmählich öffnen immer mehr Intensivstationen ihre Türen für Angehörige. Interview mit Intensivmediziner Johannes Kalbhenn            

pflegen-online: Wenn man von Besuchsverboten hört, so hinterlässt das oft ein Gefühl von „das ist doch unmenschlich“ oder „das ist doch unverhältnismäßig“. Wie ist das tatsächlich? 

PD Dr. Johannes Kalbhenn: Wenn ein Patient an COVID-19 erkrankt, ist es sehr wahrscheinlich, dass seine Angehörigen erst einmal selbst 14 Tage in Quarantäne gehen müssen, denn sie könnten sich auch mit dem Virus infiziert haben. Hat im gleichen Haushalt dann noch einer das Virus, gehen die Angehörigen unter Umständen ein weiteres Mal in Quarantäne. Das heißt, die Frage, ob die Patienten im Krankenhaus Besuch von ihren Angehörigen bekommen können oder nicht, stellt sich erst einmal nicht. Ist dieser Zeitraum dann überwunden und es gibt keinen Hinweis mehr auf eine Infektion, oder wenn es tatsächlich keinen Kontakt gab, ist es per Landesverordnung bei der derzeitigen Inzidenzlage so, dass wir ein Besuchsverbot im Klinikum haben.

Weil wir aber im letzten Jahr erlebt haben, dass es eine große Not für uns und für die Patienten ist, wenn draußen die Angehörigen vor dem Fenster stehen, drinnen die Patienten sind und wir sie nicht zusammenbringen können, erlauben Ausnahmeregelungen in bestimmten Bereichen, Besuche unter einer individuellen Abschätzung zu ermöglichen.

Wie viele Corona-Patienten sind bei Ihnen aktuell in Behandlung?

Am Universitätsklinikum Freiburg haben wir aktuell, Stand 17. März 2021, 19 COVID-Patienten auf Normalstation und zwölf auf der Intensivstation.

Wie viele waren es in der Hochphase?

Da waren es über 90 Patienten.

Wie wichtig sind An- und Zugehörige zum Überleben oder auch für das Sterben eines Patienten?

Angehörige sind total wichtig. Gehen wir erst einmal von dem Patienten aus der überlebt: Der Patient, der auf der Intensivstation ist und bestenfalls wach ist, braucht seine Leute um sich, damit er kein Delir bekommt, damit die Angehörigen uns dabei unterstützen, dass der Patient weiß, wofür es sich lohnt, zu kämpfen. Angehörige sind da – und das muss man ehrlich sagen – ein enormer Nutzen für die Patienten. Nur, jetzt kommt halt leider Corona. In der ersten Welle, mussten wir da extrem streng sein. Da haben wir uns sagen müssen, „es ist halt so, es geht halt nicht anders, es ist fürchterlich, es ist ein Sterben ohne die Angehörigen“. 

Würden Sie sagen, es ist und war ein einsames Sterben für die Patienten? Covid-Patienten in diesem Zustand sind schwerstkrank. Sie haben hohes Fieber, leiden unter Sauerstoff-Mangel und sind oft tief bewusstlos, ganz ohne, dass wir Sedativa einsetzen. Das heißt, sie sind nicht wach. Sie verlangen nicht danach, noch irgendetwas zu klären. Sie sagen auch nicht: «Ich schreib euch noch einen Brief für eure Hochzeit.». Leider nicht. Trotzdem kann es sein, dass sie unbewusst wahrnehmen, wenn die Angehörigen da sind. Am Anfang der ersten Welle waren keine Angehörigen da. Das heißt aber nicht, dass die Patienten deswegen einsam sterben. Wir sind da gleich ob wir die Pneumonie behandeln oder ob ein Patient stirbt. Auch das gehört zu unserem Beruf, und wir lassen Menschen beim Versterben nicht alleine.

Das medizinische Personal kann Angehörige aber nicht ersetzen, oder?

Absolut nicht. Da haben Sie völlig recht.

Wie begegnen Sie den Patienten, wie nah kommen Sie ihnen?

Wir unterscheiden zwischen Patienten, die initial mit Corona kommen und hoch akut sind, und den Patienten, bei denen wir nach zwei Wochen keine Corona-Viren mehr finden und die wir entisolieren können. Wenn ein Patient schon sechs Wochen hier liegt, dann leidet er an den Folgeschäden, die das Virus hinterlässt – Nierenversagen, bakterielle Pneumonie. Wir streichen die Patienten regelmäßig ab.

Wir wissen, wie wir uns schützen können und dafür braucht man nicht diesen Vollschutz. Wir meiden die Patienten nicht. Wir tragen auch nicht diesen Vollschutz. Wir tragen FFP2-Maske. Bei den Hochinfektiösen tragen wir eine Brille oder ein Face-Shield. Wir tragen Handschuhe und eine Schürze. Wir achten auf strenge Händehygiene. Und wenn es die Situation erlaubt, dann zeigen wir auch mal unser Gesicht. Wir rennen nicht rum, wie die Marsmenschen. Das ist nicht mehr nötig. Das haben wir gelernt.

Ist die Situation nicht auch für das Personal extrem belastend?

Wir behandeln sehr viele Corona-Patienten. Mittlerweile wissen wir, dass die Hälfte der beatmeten COVID-Patienten nicht überleben. Wüssten wir schon vorher, wer sterben wird, hätten wir es viel einfacher, und wir könnten den Patienten vielleicht viel Leid ersparen. Stattdessen haben wir bis zuletzt immer noch Hoffnung, dass wir es doch noch schaffen, dass der Patient zu denen gehört, die überleben werden. – Covid-19-Patienten sterben oft nicht etwa schnell, sondern erst nach etwa zwanzig Tagen. Da haben Sie, auch wenn der Patient vielleicht nie ganz wach war, eine Beziehung zu ihm aufgebaut. Und wenn sie den dann nach zwanzig Tagen verlieren – und das ist jeder Zweite – ist das allein schon eine wahnsinnige Belastung für das Personal zu sagen: „Da kommt wieder einer. Ist das jetzt der, der’s packt oder ist es der, der‘s nicht packt?“ Immer wenn einer rausgeht und es überlebt hat, ist dafür ein anderer gestorben. Für unser Personal ist das gerade fürchterlich.

Wie schaffen Sie es dennoch, mit so viel Tod und Sterben umzugehen?

Ich merke, dass es mir zunehmend schwerfällt, jeden Tag, jede Woche, so einen Patienten zu verlieren. Jetzt erst haben wir einen jungen Familienvater. Auf der anderen Seite ist es nun mal der Beruf. Man darf sich dann wenigstens nicht vorwerfen, dass man es medizinisch nicht gut gemacht hat. Wenn man es dann erreicht, dass man zumindest sagen kann, «ich habe es versucht, und meine Entscheidung, dass es jetzt nicht mehr weitergeht, war die Richtige», dann weiß man auch: „Ich kann nicht Gott spielen; dann muss ich es halt so akzeptieren.“

Wie schaffen Sie es, notwendige psychosoziale Unterstützung von Angehörigen oder Seelsorgern bei Intensivpatienten zu realisieren?

COVID-19 ist eine hochansteckende Infektionserkrankung, und das stellt nach wie vor eine enorme Gefahr für das Personal und all jene dar, die mit diesen Patienten zu tun haben, inklusive den Angehörigen. Wir wollen auch nicht unsere Angehörigen in Gefahr bringen, und wir wollen andere Patienten nicht in Gefahr bringen. Und das ist der eigentliche Sinn, warum Besucher keinen oder nur einen sehr eingeschränkten Zugang ins Krankenhaus und zu ihren Angehörigen haben: Das Schlimmste wäre doch, wenn sie sich auch noch mit Corona infizieren und in der Folge auch noch sterben. – Jede einzelne Person, die Sie reinlassen, bringt sich in Gefahr, und sie bringt Ihr Personal in Gefahr. Und wie bewerkstelligen Sie das mit den Besuchen? Holen Sie jetzt jemanden zusätzlich rein, der sich auch noch in Gefahr begibt, einen Klinikseelsorger zum Beispiel, oder stellen Sie eine Pflegekraft ab?

All das müssen Sie am Ende als Oberarzt verantworten. Wir versuchen nach Möglichkeit, Sterbeprozesse und Intensivbehandlungsprozesse von Angehörigen begleiten zu lassen. Eigentlich haben wir hier eine 2-zu-1-Betreuung, das heißt, eine Pflegekraft kümmert sich um zwei Patienten. Bei Besuch für einen Covid-Patienten ist die Pflegekraft dann aber für diesen einen Patienten und für diesen einen Angehörigen da. Das ist eine enorme logistische Herausforderung. Weil die Patientenversorgung vorgeht, habe ich auch Verständnis für die Kliniken und Altenheime, die keine Besucher reinlassen, wenn es das Personal dafür nicht abstellen kann.

Warum ist die Angehörigenbetreuung so personalintensiv?

Wenn wir Angehörige reinlassen, möchten wir sie nicht gerne allein am Bett lassen, weil wir eben sehen möchten, ob sie wirklich gut aufpassen: Fassen sie sich wirklich nicht aus Versehen ins Gesicht oder in die Augen? Und wenn Sie sehen, der Mundschutz sitzt nicht ganz richtig: Es ist immer ein bisschen hart am Wind gesegelt. – Als die Inzidenzzahlen im Oktober noch nicht so hoch waren, hatten wir die Regel „Ein Tag – eine Stunde“. Wir haben aber auch gesagt, wenn es der gleiche Angehörige ist und er sich vernünftig schützt, kann er auch mal länger bleiben. Ganz wichtig ist mir aber: Wir können nicht ein allgemeines Recht daraus ableiten. Es gibt Angehörige, die sind super, die können Sie auch zehn Stunden am Bett lassen, weil Sie Ihnen einfach eine Hilfe sind, und sie sich nicht in Gefahr bringen. Und dann gibt es Angehörige, die reißen sich, wenn sie reinkommen, die Maske runter, schmeißen sich aufs Bett, fangen an zu weinen, nehmen sich ein Tempotuch; sie kuscheln und küssen.

Machen Sie auch manchmal Ausnahmen von der Regel, zum Beispiel, dass Sie mehr als einen Angehörigen zum Patienten lassen?

Wenn Patienten sterben, dann hatten wir das auch schon, dass wir auch mal drei Angehörige zu ihm gelassen haben. Der Patient selber hat das nicht mitgekriegt, aber für die Hinterbliebenen war es sehr wichtig. Die Angehörigen haben wir vorher mit Schnelltests getestet; ein Unsicherheitsfaktor bleibt aber immer.

Die Kommunikation mit den Angehörigen scheint mir überhaupt sehr wichtig zu sein, um auch Trauerverläufe abzumildern und Traumata abzufedern. Welche Erfahrungen machen Sie damit?

Die beste Prävention gegen Traumata bei Angehörigen ist natürlich, wenn sie da sind. Das ist ganz klar. Kommunikation ist da ein ganz wichtiger Schritt, um zu akzeptieren oder überhaupt zu verstehen. Natürlich können Angehörige viel besser akzeptieren, wenn Sie nicht immer darüber nachdenken müssen, wie der Patient gestorben ist: „War er ganz alleine?“ „Hat er sich vielleicht nach mir gesehnt und ich war nicht da?“ Wir versuchen da auch Videotelefonate zu ermöglichen, verabreden Termine, bei denen Angehörige den Patienten auch mal sehen und besuchen können. Allein dieser Eindruck hilft vielen zu sagen: „Es ist anders als ich es mir vorgestellt habe.“

Es ist ein ganz großer Teil meines ganz persönlichen Jobs als Oberarzt, mit den Angehörigen zu kommunizieren. Mir ist es wichtig, dass die Gespräche mit den Angehörigen aber nicht nur ärztliche Aufgabe sind. Ich lasse auch Gespräche mit den Angehörigen von Pflegekräfte führen: „Haben sie den Eindruck, dass der Patient Leid empfindet?“ Wenn sie sagen, „Nein, ich bin acht Stunden an diesem Bett und der Patient kriegt nichts mehr mit“, dann ist das eine Aussage, die für Angehörige extrem wichtig ist. – Vielen Angehörigen hilft es, wenn sie sehen, dass der Patient sich nicht in purer Not befindet, sondern alles geregelt ist, er ganz ruhig da liegt und von sich aus gar nicht wach wird.

Wir sprechen auch viel proaktiv mit den Angehörigen der schwer an Covid-19 erkrankten Patienten. Wir rufen sie an, wenn es etwas Besonderes gibt, Untersuchungen anstehen. Unser Stationssekretariat nimmt die Flut an Anrufen entgegen.

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Wenn das Personal gut mit den Angehörigen kommuniziert, glaube ich, kann man auch Traumata auf Seiten des Personals vorbeugen oder?

Wir wechseln unsere Mitarbeiter immer wieder durch, damit nicht ein Teil immer nur mit COVID-19-Patienten konfrontiert ist, denn das macht komplett kaputt. Wir schauen auch, dass wir die Mitarbeiter, die zur Hochrisikogruppe gehören, zum Beispiel die über 50-Jährigen, nicht mehr in den COVID-19-Bereichen einsetzen. Einmal in der Woche machen wir Fallnachbesprechungen. Es gibt Angebote zur anonymen Supervision, wo Mitarbeiter im Sinne einer Frühintervention Hilfe in Anspruch nehmen können. –

Ich glaube, das Wichtigste ist, dass man miteinander spricht. Wenn man mit den Angehörigen spricht, dann ist das oft unheimlich traurig und belastend. Wenn man am Ende aber zumindest sagen kann: Medizinisch haben wir das Beste gegeben, was wir nur tun können, und wenn man dann noch sagen kann, auch das Kommunikative hat gut geklappt, ist das entlastend. Natürlich gibt es das auch mal, dass ein Angehöriger am Telefon einen mal beleidigt. Das nehme ich aber als Ausdruck der Verzweiflung; das kann man aber regeln. 

Und wenn man nicht alles tun konnte, weil zum Beispiel die Strukturen oder die Mittel dafür fehlen?

Gefühle von Hilflosigkeit sind Trigger für eine PTBS (Posttraumatisches Belastungssyndrom, Anm. d. Red.) Hilfslosigkeit zu empfinden, ist das Schlimmste, ob Sie als Opfer eine Gewalterfahrung machen oder als Helfer hilflos sind, wie unsere Kollegen im Elsass es erlebt haben. Wir hatten trotz aller Befürchtungen hier in Deutschland zumindest immer ausreichend Personal und technische Ausrüstung zur Verfügung, um die COVID-Patienten bestmöglich zu behandeln.

[Lesen Sie zum Thema psychische Belastung auf Covid-Intensivstationen auch das Interview mit Felix Walcher von der Deutschen Vereinigung für interdisziplinäre Intensivmedizin (Divi) Bietet Pflegekräften endlich psychologische Hilfe!]  

Zur Person

PD Dr. med. Johannes Kalbhenn, DESA, EDIC, ist geschäftsführender Oberarzt für Intensivtherapie, Facharzt für Anästhesiologie, Spezielle Intensivmedizin und Notfallmedizin am Universitätsklinikum in Freiburg. Regelmäßig ist er als Notarzt mit der Deutschen Flugrettung DFG im Einsatz. Von ihm gibt es dutzende wissenschaftliche Publikationen, unter anderem zum schonenden Einsatz von Sedativa in der Intensivmedizin.

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