Pflegekammer

Katrin Havers: „England war mein Schlüsselerlebnis“

Pflegekammern brauchen wir nicht, weg mit der Zwangsmitgliedschaft – so etwas ist oft auf Facebook zu lesen. Katrin Havers vom Errichtungsausschuss in Niedersachsen hält dagegen: Pflegekammern verschaffen Respekt – das zeigt sich am Nursing und Midwifery Council (Foto).

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In Niedersachsen wird sich noch in diesem Jahr die Landespflegekammer konstituieren. Der Zuspruch ist groß, aber es gibt auch Kritiker. Einem, Josef Hecken, Chef des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), stellt sich die Vorstandsvorsitzende des Errichtungsausschusses der Landespflegekammer auf dem Deutschen Pflegetag (15. März, 17.30 Uhr). Vorab erzählt Katrin Havers im Interview mit pflegen-online, wie sie mit Einwänden umgeht.

pflegen-online: Frau Havers, was hat Sie von der Pflegekammer überzeugt? Gab es ein Schlüsselerlebnis?

Katrin Havers: Nach meinem Examen 1997 arbeitete ich ein halbes Jahr in England in einem Altenpflegeheim in Haywards Heath. Dort ist mir ein Licht aufgegangen: Die Pflege hat in Großbritannien einen ganz anderen Stellenwert, sie wird von der Gesellschaft völlig anders wahrgenommen, sie ist viel respektierter.

Auch wenn man sich den Pflegealltag anschaut, merkt man schnell, dass die Pflegekräfte dort mehr Kompetenzen und Eigenverantwortung besitzen und anspruchsvollere Aufgaben, anders als hier in Deutschland, eindeutig definiert sind. Und warum ist das so? Die Antwort liegt auf der Hand: Weil es eine Kammer gibt, das Nursing and Midwifery Council.

Beeindruckt hat mich übrigens auch, wie stolz Krankenschwestern und Pfleger darauf sind, einen angesehenen Berufsstand zu repräsentieren. Das ist auch an Kleinigkeiten zu merken, daran etwa, dass sie einander auf Dinge wie einen Fleck auf dem Kittel aufmerksam machen.

Das mehr an Kompetenzen – wie zeigte sich das für Sie im Alltag?

Die Krankenschwestern steuern ganz klar den Behandlungsprozess. Ich musste mich während meiner Zeit dort einmal als Patientin im Krankenhaus aufnehmen lassen. Das war sehr interessant: Bis ich einen Arzt sah, lag der ganze Aufnahmeprozess schon hinter mir. Die Anamnese, das Röntgen – alles dies haben Krankenschwestern ausgeführt beziehungsweise koordiniert.

Auch in Deutschland gibt es exzellent ausgebildete Pflegekräfte, doch sie werden oft frustriert. So gibt es etwa in manchen Altenpflegeeinrichtungen sehr kompetente Wundexperten: Sie dokumentieren den Zustand der Wunde vorbildlich und wissen genau, was zu tun ist. Doch müssen sie zuvor den Hausarzt anrufen. Und was passiert dann immer wieder? Sie schlagen eine Behandlung vor und bekommen zu hören, dass es dafür kein Budget gibt. Stattdessen erhält der Bewohner eine Behandlung, die nicht zu seinem Wohle ist. Die Wunde heilt dann viel langsamer oder schlimmstenfalls gar nicht.

Da brauchen wir unbedingt eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Es gibt bereits seit langem Diskussionen darüber, ob bestimmte Behandlungen, die derzeit durch Ärzte verordnet werden müssen, eigenverantwortlich von Pflegefachkräften übernommen werden können, wenn eine entsprechende Fachexpertise vorliegt. Pflegekammern schaffen die Voraussetzungen, damit dies endlich möglich ist.

Wann wurden Sie selbst aktiv in Sachen Pflegekammer?

Seit 2010 arbeite ich als Dozentin und beschäftige mich unter anderem im Seminar Berufskunde/Berufspolitik mit der Pflegekammer – in meiner Diplomarbeit zu meinem Pflegemanagement-Studium übrigens ebenfalls. Das war die Zeit, als das Thema Pflegekammer in Bayern und Nordrhein-Westfalen an Fahrt aufnahm. Als ich 2013 von NRW nach Niedersachsen zog, ging es hier gerade richtig los. Ich wollte unbedingt dabei sein, die Kammer mit aufzubauen. So engagierte ich mich in der Gründungskonferenz und später im Errichtungsausschuss.

Nun gibt es teilweise ordentlich Gegenwind. Einige Pflegekräfte äußern sich in den Sozialen Medien recht drastisch …

Diejenigen, die sich despektierlich äußern, sind oft schlecht oder gar falsch informiert. Unter anderem die Befragung der beruflich Pflegenden zur Einrichtung einer Pflegekammer in Bayern von 2013 hat gezeigt: Je höher der Informationsgrad, desto höher die Zustimmung. Wenn man sich mehr Einfluss, mehr interdisziplinäre Arbeit auf Augenhöhe wünscht, ist die Pflegekammer eine logische Konsequenz.

Auch Verdi wettert oft gegen die Pflegekammer …

Wir sind von Anfang an auf Verdi zugegangen. Es gibt eine konstruktive Zusammenarbeit und einen regelmäßigen Austausch. Meine Stellvertreterin Sandra Mehmecke ist unter anderem Verdi-Mitglied, genauso wie weitere Kollegen und Kolleginnen des Errichtungsausschusses. Ich verstehe auch gar nicht, weshalb es zwischen der Kammer und Verdi eine Konkurrenz geben sollte. Verdi kümmert sich um die Rahmenbedingungen für die Bezahlung, die Kammer ist für die Versorgungsqualität zuständig. Es werden doch alle gebraucht: Die Kammer, die Berufsverbände und die Gewerkschaften. Bei den Protestaktionen an der Charité und aktuell in Bremen haben beispielsweise Verdi und der DBfK (Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe) sehr gut zusammengearbeitet.

Wenn Sie in nur wenigen Sätzen eine skeptische Pflegekraft von der Kammer überzeugen sollten – was würden Sie sagen?

Wir haben erstmals die Möglichkeit, mit unserem Wissen, unseren Kompetenzen, unserer Praxiserfahrung unseren Beruf selbst zu gestalten. Bisher haben viele politische Gremien, in denen nicht eine einzige Pflegekraft saß, über die Belange der Pflege entschieden. Das wird sich durch Pflegekammern ändern. Wir haben erstmals die Chance, in den Gremien politisch Einfluss zu nehmen – die dürfen wir uns nicht entgehen lassen.

Interview: Kirsten Gaede

Foto (oben): Nursing and Midwifery Council

Foto (unten): privat

Zur Person: Katrin Havers

Die examinierte Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin macht sich seit 2013 für eine Pflegekammer in Niedersachsen stark. Zunächst wurde sie stellvertretendes Mitglied in der Gründungskonferenz, dann Vorstandsvorsitzende des Errichtungsausschusses, der sich im März 2017 konstituierte. Beide Ämter sind ehrenamtlich.

Katrin Havers (Foto unten) arbeitet außerdem freiberuflich als Dozentin (unter anderem für den DBfK) und Beraterin in Pflegeeinrichtungen. Die 41-Jährige unterstützt dabei die Mitarbeiter aller Ebenen etwa bei der Prozessoptimierung, der Einführung von Expertenstandards, der Umstellung auf das Strukturmodell und beim Aufbau von Qualitätszirkeln. Mindestens zwei Tage in der Woche verbringt Katrin Havers in der Geschäftsstelle der künftigen Landespflegekammer in der Marienstraße in Hannover.

Hier lesen Sie ein weiteres Interview mit Katrin Havers, das wir kurz vor der Niedersachsen-Wahl (Oktober 2017) mit ihr geführt haben:

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