„Nehmen Sie das Angebot, zu hospitieren, unbedingt an“, rät die ehemalige Personalleiterin der Schön Kliniken Andrea Köhn. 
Foto: Leonie Lorenz
„Nehmen Sie das Angebot zu hospitieren unbedingt an“, rät die ehemalige Personalleiterin der Schön Kliniken Andrea Köhn. 

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Kann ich den Stellenanzeigen trauen, Frau Köhn?

Viele Pflegekräfte sind genervt von der Oberflächlichkeit und Schönfärberei der Stellenanzeigen. Wir fragten Personalberaterin Andrea Köhn, woran man merkt, ob der Arbeitgeber hält, was er verspricht

pflegen-online: Frau Köhn, in einer Umfrage von pflegen-online beklagen viele Pflegekräfte die Schönfärberei von Stellenanzeigen. Wie können sie schon vor einer Bewerbung herausfinden, ob die versprochenen Rahmenbedingungen der Realität entsprechen?

Andrea Köhn: Durch eine gute Recherche! Dazu gehört, online die Berichte über die jeweilige Einrichtung zu sichten und auf deren Homepage nachzusehen, ob dort gerade 150 Stellen in der Pflege frei sind oder vielleicht nur drei – wobei natürlich auch die Größe des Hauses eine Rolle spielt und seine Lage. In der Stadt ist der Personalmangel ja größer als auf dem Land, wo Pflegekräfte seltener wechseln und weniger Fluktuation herrscht.

Welchen Punkt sollten Bewerber in jedem Fall noch prüfen?

Eine entscheidende Frage lautet: Handelt es sich um ein Haus, das sich seit vielen Jahren in den roten Zahlen befindet oder das immer einigermaßen erfolgreich gewirtschaftet hat? Denn natürlich macht die Arbeit mehr Spaß in einer Einrichtung, die selbst gesund dasteht und sich Investitionen leisten kann. Auch hierzu lassen sich Meldungen im Internet finden oder Rückschlüsse aus den News auf der Homepage ziehen – wenn beispielsweise eine Klinik gerade erst eine Station neu ausgestattet oder Spezialgeräte auf dem neuesten Stand der Technik angeschafft hat.

Was wären weitere nützliche Informationsquellen?

Es lohnt sich auch, Kommentare auf Bewertungsportalen wie Kununu oder Facebook zu lesen. Dabei ist es nur wichtig, zu sortieren, wie alt die Einträge sind, und zu berücksichtigen, dass generell häufiger Kritik gepostet wird als Lob. Vielleicht findet sich darüber hinaus im Bekanntenkreis jemand, der selbst in der Einrichtung arbeitet und erzählen kann, wie es dort läuft.

Was können Bewerber noch tun?

Wenn ich mich bei einer Klinik bewerben möchte, kann ich vorab schon einmal durch das Haus laufen – und die Augen offenhalten. Wie stellt sich die infrage kommende Fachabteilung denn dar? Welchen Eindruck machen die Ärzte, die Teams? Wirken die Stationszimmer ordentlich oder unaufgeräumt, wird noch viel mit Papier oder überwiegend digital gearbeitet? Kleben überall uralte Zettel, sind die Türen abgestoßen oder erscheint alles sehr strukturiert und modern? Das alles kann mir bereits einen Einblick in die Kultur dieser Klinik vermitteln.

Wenn es dann zu einem Bewerbungsgespräch kommt: Wie können Kandidaten hier geschickt nachhaken?

Das hängt immer davon ab, um welche Position es geht. Sitzt dort ein Berufsanfänger oder jemand, der sich als Stationsleitung bewirbt? Je mehr ein Bewerber vorzuweisen hat, desto eingehender kann er fragen, ohne dass es übergriffig wird. Und natürlich müssen die Kandidaten umgekehrt auch zeigen, dass sie sich gut vorbereitet haben. Sie sollten beispielswissen wissen, wie der Chefarzt heißt und die Namen der Oberärzte kennen. Klar haben sie eine Erwartungshaltung – aber sie müssen eben auch selbst liefern. Wer sich nicht vorbereitet, darf nicht erwarten, dass ihm die Informationen frei Haus geliefert werden. Jeder Bewerber hat eine Eigenverantwortung.

Wo liegt das richtige Maß für Rückfragen, wenn es im Gespräch schwammig wird? 

Mein Tipp ist, zu zentralen Punkten mit Interesse und Neugier um ein oder zwei Beispiele zu bitten. Wenn es etwa heißt: „Wir sind ein klasse Team.“ Dann würde ich mir das einfach erklären lassen und freundlich nachhaken. Wie hat sich das Team denn beispielsweise schon einmal untereinander geholfen? Ich muss aktiv zuhören und registrieren, wie mein Gegenüber reagiert. Bewerber sollten sich also möglichst Situationen aus dem Arbeitsalltag schildern lassen, damit die einzelnen Punkte deutlich werden. Je konkreter man über einzelne Bedingungen spricht, desto klarer wird das Bild eines möglichen Arbeitgebers – und umgekehrt.

Wie wahrscheinlich ist es Ihrer Erfahrung nach, dass die Arbeitsbedingungen dann noch schöngeredet werden?

Unter den Kliniken vertreten vielleicht zehn Prozent noch die Haltung: Alles muss schön sein. Ein normales Krankenhaus, das heute Mitarbeitende sucht, wird den Kandidaten dagegen relativ offen und ehrlich sagen, was auf sie zukommt – andernfalls verliert es sie doch innerhalb von vier Wochen wieder. Bei den Bewerbern gibt es allerdings durchaus solche, die relativ blauäugig wechseln und dann sehr erstaunt sind, dass der Alltag anders aussieht als erhofft. Das sind aber eben jene, die sich nicht vorbereiten, nicht vorab recherchieren, zu wenige Fragen stellen.

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Noch ein Tipp zum Schluss?

Wenn das Bewerbungsgespräch gut gelaufen ist, bietet heute nahezu jeder Arbeitgeber an, zum Hospitieren vorbeizukommen. Und dieses Angebot sollten Bewerber immer annehmen – denn spätestens bei der Probearbeit erleben sie unmittelbar, wie das Klima im Haus tatsächlich ist, ob sie ins Team passen und wie zufrieden die möglichen künftigen Kollegen mit den Rahmenbedingungen sind.

Interview: lin

Über Andrea Köhn

Die Gründerin und Geschäftsführerin der strategischen Personalberatung Köhn & Kollegen besetzt seit 2009 Führungs- und Managementpositionen im Gesundheits- und Sozialmarkt. Nach ihrem Studium der Betriebswirtschaftslehre war Andrea Köhn (60) unter anderem Personalleiterin der Schön Kliniken und verantwortlich für sämtliche Häuser der Gruppe. Sie lebt in München, ist mit einem Arzt verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

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