Image

Innovationsfonds-Studie

Jeder dritte Heimbewohner unnötigerweise im Krankenhaus

Dass Heimbewohner wegen Diagnosen eingewiesen werden, die auch eine Hausärztin oder eine Pflegekraft in den Griff bekommen könnte, ist bekannt. Neu ist, dass es jetzt eine Studie gibt, die die Fehlversorgung mit Zahlen belegt

Eine Heimbewohnerin bekommt am Freitagnachmittag Fieber, sie ist leicht apathisch, lässt sich nicht zum Trinken bewegen. Was passiert? Sie wird ins Krankenhaus eingeliefert. – Das ist eine beispielhafte Begebenheit, wie sie in der Praxis so oder ähnlich nicht selten passiert, was seit Jahren die  Gemüter in der Branche erregt.

Denn diese Art der Überversorgung nützt niemandem: Die Bewohnerin, aus ihrer gewohnten Umgebung gerissen, entwickelt Ängste, verliert eventuell die Orientierung, stürzt im schlimmsten Fall, fängt sich einen Krankenhauskeim ein und, und, und … (über Bewohner mit Demenz brauchen wir hier gar nicht erst zu sprechen). Für die Kolleginnen und Kollegen in der Notaufnahme bedeutet die Aufnahme zusätzlichen Stress in einem ohnehin hektischen Arbeitsumfeld. Und die Krankenkassen ärgern sich über die Rechnung für eine teure Krankenhausbehandlung (und -diagnostik), die vermutlich auch gut im Heim vor Ort hätte stattfinden können (Blutkultur, Urinkultur, Infusion, Prophylaxen).

58 Diagnosen, für die oft kein Krankenhaus nötig ist

Um diesen Missstand zu ändern, hat ein Zusammenschluss (Konsortium) der Universität Witten Herdecke und weiteren Einrichtungen und Unternehmen eine Untersuchung unter dem Titel „Bedarfsgerechte Versorgung von Pflegeheimbewohnern durch Reduktion Pflegeheim-sensitiver Krankenhausfälle“ auf die Beine gestellt.

Zunächst haben die Projektpartner anhand der Daten von sechs Krankenkassen aus dem Jahr 2017 (AOK Rheinland/Hamburg, AOK-Baden-Württemberg, AOK-Rheinland-Pfalz/Saarland, BARMER, DAK-Gesundheit und BKK Werra-Meissner) analysiert, mit welchen Diagnosen Bewohnerinnen und Bewohner am häufigsten ins Krankenhaus kommen. 

Die häufigsten Pflegeheim-sensitiven Diagnosen

Auf Grundlage der ermittelten Daten und mithilfe von über 100 Fachexpertinnen und -experten hat das Konsortium sich auf einen Katalog von 58 Pflegeheim-sensitive-Krankenhausfälle geeinigt, kurz PSK. Das sind Fälle oder Diagnosen, die die „unter guten Bedingungen ohne Krankenhauseinweisung im Pflegeheim behandelt werden könnten“, heißt es in einer Mitteilung des Konsortiums.

Die häufigsten Pflegeheim-sensitiven Diagnosen betreffen unter anderem:

  • Herz-Kreislauferkrankungen (wie Herzinsuffizienz, Arteriosklerose und Hypertonie)
  • Harnwegserkrankungen
  • Dehydrierung
  • neurologische Erkrankungen wie Epilepsie und Delir
  • demenzielle Erkrankungen und Depressionen

Fast 35 Prozent der Krankenhauseinweisungen vermeidbar

Bei der Analyse der Krankenkassen-Daten hat das Konsortium festgestellt, dass die 58 PSK über 40 Prozent aller Krankenhausfälle bei Pflegeheimbewohnern ausmachen. Das sind insgesamt 270.000 Krankenhausfälle, die Kosten in Höhe von fast einer Milliarde Euro (951,7 Millionen) verursachen. „Würden strukturelle und sektorenübergreifende Interventionen und Maßnahmen eingeführt, die die Versorgung in Pflegeheimen optimieren, ließen sich dadurch 220.000 Krankenhauseinweisungen verhindern, die mit Ausgaben von mehr als 750 Millionen Euro verbunden sind“, sagt Professorin Sabine Bohnet-Joschko, die das Projekt leitet und den Lehrstuhl für Management und Innovation im Gesundheitswesen an der Universität Witten/Herdecke innehat.

Was sich an der Versorgung ändern muss

Das Konsortium hat sich auch mit der Frage beschäftigt, welche Änderungen genau nötig sind, um künftig überflüssige Krankenhauseinweisungen von Heimbewohnern zu vermeiden. Sie werden demnächst (mit Fallbeispielen!) auf der Projekt-Website www.pflegeheim-sensitive-krankenhausfaelle.de veröffentlicht. Vorerst heißt es recht allgemein, die Handlungsempfehlungen beträfen

  • Kommunikation
  • Kooperation
  • Dokumentation
  • Versorgungskompetenz
  • Aspekte der Einrichtung/des Pflegeheims 
  • finanzielle Aspekte
  • rechtliche Aspekt

Das Konsortium ist sich einig: Die Investitionskosten für die Veränderungsvorschläge werden sich lohnen, da die Zahl der teuren (und unnötigen) Krankenhauseinweisungen am Ende zurückgehen würde.

Über das Konsortium

Projektpartner sind die Universität Witten/Herdecke, die auf integrierte Versorgungsprojekte spezialisierte OptiMedis AG, der Forschungs- & Innovationsverbund an der Evangelischen Hochschule Freiburg, sowie Pflege e.V.

Finanzierung

Gefördert wird das Projekt vom Innovationsfonds, der wiederum aus Mitteln der gesetzlichen Krankenkasse finanziert wird. Der Innovationsfonds ist beim Gemeinsamen Bundesausschuss angesiedelt (das oberste Entscheidungsgremium des selbstverwalteten Gesundheitswesens), es geht darum, die gesundheitliche Versorgung in Deutschland langfristig im Sinne der Patienten zu modernisieren. Die Projekte werden mit dem Ziel gefördert, am Ende in die Regelversorgung überzugehen (also reguläre Kassenleistung zu werden) und nicht im Modellstatus zu verharren.

Autorin: Kirsten Gaede

Image
Physiotherapie im Ruhgarten 
Foto: Evangelischen Altenhilfe/Walter Schernstein

Innovative Pflegeprojekte

Wo 170 Heim-Bewohner nach Hause zurückkehrten

Die therapeutisch-rehabilitative Pflege macht es möglich. Pflegedienstleitung Oskar Dierbach erzählt, wie das Modell funktioniert, das ab April, gefördert durch den Innovationsfonds, mehr Verbreitung finden wird

Image
Foto: Chermiti Mohamed/Unsplash

Interview

So werden deutsche Krankenhäuser freundlicher

Tipps für die Klinikleitung, Pflegekräfte, Ärzte, Servicekräfte, Mitarbeiter am Empfang und, und, und  …  von Andrea Fischer, die Krankenhäuser und Pflegeheime in Sachen Wertschätzung und Patientenorientierung berät     

Image
team[6076].jpeg
Foto: St. Antonius-Hospital/Oehms

Flutkatastrophe

Wenn im Krankenhaus der Betrieb stillsteht

Gibt es so etwas überhaupt? Ja, im St.-Antonius-Hospital in Eschweiler (NRW): Fast drei Monate war es nach der Flutkatastrophe geschlossen. Pflegedirektorin Dr. Wioletta Osko erzählt, was das für die Pflegekräfte bedeutete

Image
mann-alkohol.jpeg
Foto: Rainer Fuhrmann - stock.adobe.com

Sucht im Alter

8 Tipps für den Umgang mit suchtkranken Bewohnern

Wie Pflegekräfte das Problem der Alkoholabhängigkeit oder Tablettensucht am besten ansprechen und warum ein Entzug nicht immer das Ziel sein muss  

Wir haben noch mehr für Sie!

Antworten und Impulse für die Pflegeprofession gibt es auch direkt ins Postfach: praxisnah, übersichtlich und auf den Punkt.
Melden Sie sich jetzt für den pflegebrief an - schnell und kostenlos!
Wir geben Ihre Daten nicht an Dritte weiter. Die Übermittlung erfolgt verschlüsselt. Zu statistischen Zwecken führen wir ein anonymisiertes Link-Tracking durch.