Pflege und Management

Interview: Jutta König über Gewalt in der Pflege

In zehn Prozent der Heime kommt es nach einer aktuellen Studie oft oder gelegentlich zu Gewalt gegen Bewohner. Die Buchautorin der Schlüterschen Verlagsgesellschaft erklärt im Interview, was dies für die PDL bedeutet.

pflegen-online.de: In der ZQP-Studie wurden 250 Pflegedienstleiter und Qualitätsbeauftragte in Pflegeheimen zum Thema Gewalt und Vernachlässigung befragt. Fast zehn Prozent gaben an, dass es „oft“ oder „gelegentlich“ zu körperlicher Gewalt gegen Bewohner komme, mehr als 25 Prozent berichteten über verbale Gewalt und fast 20 Prozent über Vernachlässigung. Was sagen Sie zu diesen Zahlen?

Jutta König: Bei rund 27.000 Pflegeeinrichtungen in Deutschland sind 250 Befragte natürlich nur eine kleine Stichprobe. Auch fragt man sich, ob sie die Szenen wirklich gesehen haben oder ihnen diese nur berichtet wurden. Aber wie auch immer: Das Problem der Gewalt in der Pflege besteht, und jeder Bewohner, der leiden muss, ist einer zu viel. Verbale und körperliche Aggression haben in der Pflege nichts zu suchen.

Doch leider wird mit dieser Studie wieder einmal eine ganze Branche an den Pranger gestellt – und das schadet mehr als das es nützt. Es trifft die Pflegekräfte eins zu eins, demotiviert sie, und lenkt von der Ursache ab: Die extreme Personalknappheit – ich kenne Regionen, in denen die Fachkräftequote gerade einmal 36 Prozent beträgt, weil es keine Kräfte gibt. Andere Träger arbeiten Monat für Monat mit Leasingkräften, nicht weil das schick ist oder irgendjemand das möchte, pure Not. Außerdem gibt es zunehmenden Druck durch Dokumentationsflut, Pflichtschulungen und immer höhere Anforderungen durch MDK, Heimaufsicht und Angehörige. Hinzu kommt, dass Bewohner nach einem Krankenhausaufenthalt immer häufiger in schlechtem Allgemeinzustand zurückkommen und erst einmal aufwendig – auch behandlungspflegerisch – gepflegt werden müssen.

pflegen-online.de: Trotz dieser demotivierenden Umstände gilt es doch, Gewalt zu verhindern. Was kann die Pflegedienstleitung tun?

Jutta König: Es ist schon viel gewonnen, wenn sie – auch verbal – Gewalt überhaupt als Problem erkennt. Denn dann ist sie auch bereit, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Schulungsoffensiven haben sich als sehr wirkungsvoll erwiesen.

pflegen-online.de: Was bedeutet das konkret? Sollte die PDL ein externes Unternehmen einschalten?

Jutta König: Nein, das muss nicht automatisch so sein. Die PDL sollte aber deutlich machen, dass ihr das Thema wichtig ist. Das gelingt ihr, indem sie mit einer Auftaktveranstaltung beginnt. In dieser Veranstaltung sensibilisiert sie am besten durch praktische Beispiele. Wo beginnt überhaupt verbale, wo körperliche Gewalt? Welche alternativen Reaktionsmöglichkeiten gibt es? Diese Fragen sind zentral. Manchen Pflegekräften ist ihr Handeln gar nicht immer bewusst. Ihr Verhalten gegenüber den Bewohnern ähnelt oft der Sorge gegenüber Kindern. Wenn etwa ein sturzgefährdeter Bewohner immer wieder versucht aufzustehen, möchte sie verhindern, dass er sich verletzt, hat die Pflegekraft dann noch Zeitdruck, kann es leicht dazu kommen, dass sie sagt: Nun bleiben Sie doch endlich sitzen!“ – so wie Mütter es bei ihren Kindern machen würden. Das klingt harsch, ist aber auch eher durch Sorge und Zeitmangel begründet, als dass man mit dem hilfsbedürftigen Menschen tatsächlich schimpfen möchte.

pflegen-online.de: Wirkt eine solche größere, selbst organisierte Veranstaltung, wie Sie sie vorschlagen, zum Thema Gewalt auch wirklich langfristig?

Jutta König: Ja, aber nur dann, wenn die PDL auch nach der Auftaktveranstaltung nicht locker lässt, jeden Tag mit offenen Augen und Ohren durch die Einrichtung geht und dort, wo ihr etwas auffällt, mit den Mitarbeitern spricht – immer wieder, aber nicht von oben herab. Wichtig ist, dass sie Handlungsalternativen vorschlägt und ihrem Mitarbeiter die Gelegenheit gibt, sein Verhalten zu erklären. Die Achtsamkeit im Umgang mit Schutzbefohlenen ist eine tägliche, niemals endende Übung.

Wie gut diese Art der Sensibilisierung funktioniert, hat sich übrigens bei den freiheitsentziehenden Maßnahmen gezeigt: Ihr Vorkommen lag um das Jahr 2009 herum bei 20 Prozent, inzwischen ist sie auf elf Prozent gesunken. Es gibt heute Heime, die gänzlich ohne freiheitsentziehende Maßnahmen auskommen, selbst Bettgitter findet man bei ihnen nicht mehr. Und das nur durch Schulungen und mehr Achtsamkeit.

Über Jutta König

Jutta König ist Altenpflegerin, Pflegedienst- und Heimleitung, Wirtschaftsdiplombetriebswirtin Gesundheit (VWA), Sachverständige bei verschiedenen Sozialgerichten im Bundesgebiet sowie beim Landessozialgericht in Mainz, Mitglied im Bundesverband der unabhängigen Pflegesachverständigen und Pflegeberater, Unternehmensberaterin, Dozentin in den Bereichen SGB XI, SGB V, BSHG, Heimgesetz und Betreuungsrecht. Tätig im gesamten Bundesgebiet für verschiedene Auftraggeber.

Die Autorin im Video-Interview beim Deutschen Pflegetag in Berlin 2017 zum Thema: "So geht es aufwärts mit Mitarbeitern und Pflegegraden"

Interview: Kirsten Gaede