Onkologie

Immuntherapie revolutioniert die Pflege

Die Immuntherapie ersetzt immer häufiger die Chemotherapie. Im Interview erklärt der Krebsspezialist Friedrich Overkamp (Foto), was dies für Onkologie, Pflegekräfte und Patienten bedeutet.

Inhaltsverzeichnis

Mit der Immunonkologie verbinden sich große Hoffnungen. Die zunehmend verbreiteten Medikamente aktivieren das körpereigene Immunsystem und versetzen es in die Lage, gezielt gegen den Krebs vorzugehen. Anders als bei der Chemotherapie greifen die Tumorzellen nicht direkt an, sondern indirekt, indem sie bestimmte Immunzellen stärken. Der zunehmende Einsatz dieser Verfahren wirkt sich auch auf die Tätigkeiten der Pflegekräfte aus.

pflegen-online.de: Herr Overkamp, mit der Zahl der auf dem Markt verfügbaren Immun-Präparate und der Einsatzfelder wächst auch die Zahl der Patienten, die damit ambulant in Kliniken und Spezialpraxen behandelt werden. Worauf müssen sich Pflegekräfte einstellen?

Friedrich Overkamp: Sie haben vor allem eine gewisse Mitverantwortung, was das frühzeitige Erkennen von möglichen Nebenwirkungen angeht. Denn in diesem Punkt unterscheidet sich die Immuntherapie stark von der Chemotherapie. Immunpräparate wirken zeitversetzt, das heißt, eventuelle Nebenwirkungen können sehr viel später auftreten. Pflegekräfte müssen also nach Wochen und Monaten, wenn bei einer Chemotherapie schon nicht mehr an Nebenwirkungen gedacht wird, immer noch wachsam sein. Dafür müssen sie sich auch auf einen sehr wachsamen Umgang mit den Patienten einstellen.

Erklären Sie das bitte ...

Die Basisfragen nach zwischenzeitig neu aufgetretenen Symptomen beziehungsweise Nebenwirkungen müssen bei jedem Infusions-Termin – also auch nach Wochen und Monaten – gezielt und beharrlich gestellt werden. Nur so kommt alles, was in der Zwischenzeit eventuell ungewöhnlich war, zur Sprache – ob Durchfall aufgetreten ist zum Beispiel, ob es eine Hautreaktion gegeben hat oder ob sich der Allgemeinzustand verändert hat. Das stellt hohe Anforderungen an die kommunikativen Fähigkeiten der Pflegekräfte. Aber es ist wichtig, weil viele Ärzte die Infusionen komplett delegieren und sich darauf verlassen, dass die Pflegekräfte alles mitteilen, was aus dem Rahmen fällt.

Was unterscheidet den Ablauf sonst noch von der klassischen Therapie?

Die Aufgaben der Pflegekräfte bei den Infusions-Terminen, die alle zwei bis drei Wochen stattfinden, sind im Wesentlichen die gleichen wie bei anderen Infusionstherapien. Nach dem Check-up nehmen sie Blut ab, legen die Infusion an und überwachen die Vitalparameter. Doch während wir alle für die Chemotherapie bestimmte Reflexe entwickelt haben und fast nach einem definierten Rhythmus arbeiten – zum Beispiel muss nach einer Woche ein Blutbild gemacht werden, nach zwei Wochen droht vielfach Haarausfall – ist bei der Immuntherapie nichts vorhersehbar. Auch nach Wochen und Monaten ist alles möglich. Deshalb ist bei jedem Termin die gleiche Aufmerksamkeit nötig – so als wäre der Patient zum ersten Mal da.

Das klingt nicht besonders lernintensiv. Trotzdem überschlagen sich die Pharmafirmen mit entsprechenden Schulungen zu dem Thema, für die Sie ja auch als Referent engagiert werden.

Das stimmt, und manchmal erscheint mir der Aufwand fast ein wenig übertrieben. Grundsätzlich ist es gut und wichtig, ausführlich über die Verfahren zu informieren, denn sowohl Pflegekräfte als auch Ärzte müssen hier neu lernen. Doch es besteht überhaupt keine Notwendigkeit, Angst zu verbreiten. Die Immuntherapie ist der gewaltigste Veränderer der gesamten medikamentösen Onkologie seit Jahrzehnten, aber das gilt nicht für die Aufgaben der Pflegekräfte. Die Therapie ist nicht besonders gefährlich und nicht besonders schwierig. Wichtig ist der ständige Austausch zwischen Ärzten und Pflegekräften, und dass sich alle aufeinander verlassen können – damit Nebenwirkungen frühzeitig erkannt und die richtigen Maßnahmen eingeleitet werden.

Welche Nebenwirkungen treten besonders häufig auf?

Die Symptome sind prinzipiell die gleichen wie bei der Chemotherapie: Durchfall, Schleimhautreizungen, Hautreaktionen oder Gelenkbeschwerden. Unterschiedlich ist nur, wann sie auftreten und welcher Mechanismus dafür verantwortlich ist. Während die Patienten bei der Chemotherapie Reaktionen des Körpers entsprechend der Toxizität erleben können, wie etwa Übelkeit, Erbrechen und Blutbildveränderungen, geht es bei der Immuntherapie um Autoimmunvorgänge. Das sind immunvermittelte Entzündungen, die anders als bei der Chemotherapie immer mit Cortison behandelt werden. Neben Darm und Leber kann zum Beispiel auch die Hirnanhangdrüse betroffen sein, oder bei den Gelenken tritt eine Art Rheuma auf. Grundsätzlich aber ist die Immuntherapie die am besten verträgliche Therapie, die wir jemals hatten, und sie hinterlässt nie einen Langzeitschaden. Nur wenige Patienten bekommen überhaupt Nebenwirkungen, die meisten gehen völlig nebenwirkungsfrei durch die Therapie.

Wie verbreitet ist die Immuntherapie eigentlich schon?

Im Bereich der medikamentösen Tumor-Therapie ist sie der größte Wachstumsmarkt. Immer mehr Präparate werden zugelassen, und die Verbreitung in den Praxen läuft enorm schnell. Aktuell gibt es (mit Bristol-Myers Squibb, MSD Sharp und Dohme, Roche und Merck) vier Anbieter, demnächst kommt (mit AstraZeneca) noch ein fünfter hinzu.

Ist das Thema Immunonkologie bereits in die Curricula der Weiterbildungen Onkologische Pflege eingeflossen?

Nein, es erscheint mir aber auch nicht so dringend. Das kann bei der nächsten Aktualisierung aufgenommen werden. Viel höher ist der Bedarf, wenn es um Spezialfortbildungen mit Prüfungen für die orale Krebstherapie geht, bei der antitumoröse Medikamente in Form von Tabletten eingenommen werden. Das ist eine neue Dimension der Pflege. Etwa ein Drittel der gesamten Krebstherapie läuft mittlerweile oral, und das stellt hohe Anforderungen an die Pflegekräfte.

Weil sie dabei zunehmend ärztliche Leistungen erbringen?

Richtig. Diese spezialisierten Kräfte übernehmen die Sprechstunden für orale Therapie teilweise komplett selbstständig. Häufig haben sie eigene Räume und vergeben Termine. Weil bei der Therapie viele verschiedene Substanzen zum Einsatz kommen, ist es eine große Herausforderung, die Patienten während der Therapie zu führen. Es können ganz unterschiedliche Nebenwirkungen und vor allem Wechselwirkungen auftreten. Meiner Meinung nach entwickelt sich hier schon bald ein ganz neuer Pflegeberuf.

Interview: Jens Kohrs

Porträtfoto (Bildnachweis): Friedrich Overkamp

Der Krebsspezialist Friedrich Overkamp

Der Facharzt für Innere Medizin hat im Bereich Immunologie promoviert. Der 61-Jährige war unter anderem Chefarzt und Ärztlicher Direktor und zuletzt fast 20 Jahre Inhaber der von ihm 1996 gegründeten „Praxis und Tagesklinik für Internistische Onkologie“ in Recklinghausen. Er hat nach eigenen Angaben rund 25.000 Krebspatienten behandelt und war und ist an diversen klinischen Studien in Hämatologie und Onkologie beteiligt. Von 2006 bis 2012 war er Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO). Seit 2015 beschäftigt er sich schwerpunktmäßig mit der onkologischen Wissensvermittlung und arbeitet als Berater, speziell zu Digitalisierungsthemen, wofür er unter anderem die OncoConsult in Hamburg gegründet hat. Zudem ist Overkamp als Moderator und Redner tätig.

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