Corona

Immer mehr Pflegekräfte arbeiten trotz Quarantäne

Das jüngste und wohl aufsehenerregendste Beispiel ist das Humboldt-Klinikum in Berlin. Doch das erste ist es nicht. In einigen Fällen haben sogar Pflegekräfte mit positivem Testergebnis weitergearbeitet. Eine kleine Chronologie ohne Anspruch auf Vollständigkeit

Inhaltsverzeichnis

Der Artikel erschien zuerst am 15. Oktober 2020 unter der Überschrift "Erste Pflegekräfte arbeiten mit Corona-Infektion" und ist am 25. Januar 2021 aktualisiert worden.

Es klingt befremdlich: Corona-infizierte Pflegekräfte dürfen von ihrem Arbeitgeber unter bestimmten Auflagen zur Weiterarbeit herangezogen werden. Dann nämlich, wenn die Versorgung von Patienten oder Pflegebedürftigen anders nicht sichergestellt werden kann. Das Gesundheitsamt kann also „in absoluten Ausnahmefällen“, wie es in den RKI-Empfehlungen Optionen zum Management von Kontaktpersonen unter medizinischem Personal in Arztpraxen und Krankenhäusern bei Personalmangel heißt, eine häusliche Quarantäne für positiv getestetes Personal und Kontaktpersonen der Kategorie 1a und 1b unter strengen Auflagen aufheben.

Erster Fall im Landkreis Heilbronn

Bereits am 9. April 2020 gab es einen ersten Bericht, dass positiv auf das neuartige Corona-Virus getestetes Pflegepersonal in einem Seniorenheim in Abstatt im Landkreis Heilbronn in Baden-Württemberg ihre Arbeit fortsetzten. Gesunde und infizierte Pflegekräfte ohne Symptome wurden in voller Schutzausrüstung eingesetzt, weil es nicht möglich war, infizierte und nicht-infizierte Bewohner räumlich voneinander zu trennen. Von den 38 Bewohnern waren 20 positiv auf Covid-19 getestet worden, 18 von 27 der dort beschäftigten Mitarbeiter waren ebenfalls positiv, wie die Heilbronner Stimme berichtet. Eine Sondergenehmigung könne jedes Heim in Anspruch nehmen, wenn die Sicherstellung der Versorgung bedroht sei, so Landratsamtssprecher Manfred Körner.

Infiziert Arbeiten? 6 Kriterien müssen erfüllt sein

Seit dem Fall in Abstatt wurden immer mehr Fälle auch aus anderen Bundesländern bekannt, in denen infiziertes Pflegekräfte in Behinderteneinrichtungen, Seniorenheimen und Kliniken weiterhin zur Arbeit gekommen sind (und immer noch kommen). 

Der Einsatz von infiziertem Pflegepersonal und von Kontaktpersonen der Kategorie 1a und 1b ist laut RKI nur denkbar

  • „in absoluten Ausnahmefällen“, es muss sich also um begründete „Härtefälle“ handeln, für die das zuständige Gesundheitsamt diese Sonderregelung zulässt
  • in „der Versorgung nur von Covid-19-Patientinnen und Patienten“ (siehe auch „COVID-19: Entlassungskriterien aus der Isolierung“)
  • bei Symptomfreiheit
  • mit FFP2-Maske während der gesamten Arbeitszeit
  • mit Anreise in eigenem PKW oder mit dem Fahrrad
  • im Einsatz nur auf Covid-19-Stationen.

Bei der Aufhebung der Quarantäne (auch wenn eine Mitarbeiterin nicht infiziert, abewr Kontaktperson der Kategorie 1a und 1b ist) handelt es sich um eine Teilquarantäne – von manchen auch „Pendelquarantäne“ oder „Arbeitsquarantäne“ genannt. Die Lockerung gilt nur für die Arbeitssituation selbst und den Weg zur Arbeit mit eigenem PKW oder Fahrrad, nicht aber für den Privatbereich, wie zum Beispiel für Einkäufe oder Freizeitbeschäftigungen. Waren Pflegekräfte mit Infizierten in Berührung gekommen, ist für die eventuelle Verkürzung der Quarantänedauer auch ausschlaggebend, wie eng der Kontakt war. 

Nur in begründeten Härtefällen

In Bremen, wo sich in einem Wohnheim der Lebenshilfe von den insgesamt 15 Bewohnern mit geistigen Behinderungen neun mit dem Coronavirus infiziert haben, dürfen nun einige der zehn ebenfalls positiv getesteten Mitarbeiter die Versorgung der infizierten Bewohner übernehmen. Möglich macht dies nach den Worten von Manfred Fuhrmann, Pressesprecher der Bremer Gesundheitsbehörde, ein Passus in der jüngsten Corona-Verordnung vom 6. Oktober der Freien Hansestadt.

Dort heißt es in § 22 Absatz 2, das Gesundheitsamt könne „in begründeten Härtefällen oder zur Aufrechterhaltung der Funktionsfähigkeit (…) auf Antrag weitere Befreiungen erteilen“. Antragsberechtigt sei „der Dienstvorgesetzte, die Arbeitgeberin oder der Arbeitgeber oder im Falle einer selbständigen Tätigkeit die betroffene Person selbst“.

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Symptomfrei und FFP2-Maske

Es sei „das erste Mal, dass eine Ausnahme für positiv getestete Personen erteilt wurde“, berichtet der Sprecher. Die Ausnahme erfolge „selbstverständlich unter Auflagen“. Die infizierten Pflegekräfte müssen symptomfrei sein und eine FFP2-Maske tragen. Sie dürften auch hier nur positiv getestete Bewohner versorgen. Außerdem gilt die Ausnahme nur für die Zeit der Tätigkeit, darüber hinaus müssen die infizierten Pflegekräfte die Quarantäne weiterhin aufrechterhalten. In der Einrichtung der Lebenshilfe in Bremen sei außerdem „sichergestellt, dass eine Anfahrt mit dem privaten PKW gewährleistet ist", sagt Pressesprecher Fuhrmann. „Daraus lässt sich jedoch keine pauschale Antwort ableiten, wie das in anderen Situationen gehandhabt werden würde. Für diese Einrichtung gilt aber PKW oder Fahrrad und das ist auch gewährleistet.“

Lage „nicht wirklich entspannt“

In Mellrichstadt im Landkreis Rhön-Grabfeld haben sich nach Informationen des Bayerischen Rundfunks (BR) ebenfalls in einer Lebenshilfe-Einrichtung 22 Bewohner und Tagesgäste mit dem Coronavirus infiziert. Die ersten Infektionen waren am 26. September aufgetreten. In dem Heim lebten zu diesem Zeitpunkt 17 Senioren mit Behinderung, der älteste Bewohner war 82 Jahre alt. Laut Geschäftsführung befanden sich bis dahin sieben Erkrankte in stationärer Behandlung, zwei mussten beatmet werden. Zudem waren 17 Mitarbeiter infiziert, einer davon befand sich in stationärer Behandlung. Zwei Mitarbeiter waren bereits wieder genesen. Die Lage habe sich dennoch „nicht wirklich entspannt“, zitiert der BR den Geschäftsführer Jens Fuhl.

Infizierte pflegen Infizierte

Aus Personalmangel wurden auch in Mellrichstadt infizierte Pflegekräfte eingesetzt, die sich aber ausschließlich um infizierte Bewohner kümmern durften, die zudem in einem separaten Wohntrakt untergebracht wurden. Die Pflegekräfte hätten sich freiwillig dazu entschieden und zeigten bis dahin keinerlei Symptome. Das Gesundheitsamt in Bad Neustadt habe ausdrücklich nur deshalb eine Ausnahmeregelung erlassen, weil ansonsten die Versorgung der Bewohner nicht hätte sichergestellt werden können.

Für die infizierten Mitarbeiter galten derweil strenge Auflagen: So durften sie ihre Wohnungen nur verlassen, um zur Arbeit zu gehen. Zudem gab es einen separaten Ein- und Ausgang für die betreffenden Mitarbeiter.

Ebenfalls im November berichtet die Frankfurter Neue Presse, dass im Altenzentrum Antoniusheim in hessischen Wiesbaden positiv getestetes Pflegepersonal unter strengen Auflagen kurzweilig im Einsatz sei.

Infiziert arbeiten: In NRW nicht erlaubt

In Nordrhein-Westfalen sei es nicht möglich, dass infiziertes Personal weiterbeschäftigt werde, berichtet Andreas Plietker, Leiter des Pflegeheims Haus St. Benedikt in Recke. Unter bestimmten Bedingungen könnten allerdings quarantänepflichtige Pflegekräfte, die als sogenannte „Kontaktperson eins“ identifiziert wurden, weiterzuarbeiten. Hierzu bedürfe es eines Sonderverfahrens, bei der die „absolute Notwendigkeit der Aufrechterhaltung des Betriebes“ im Vordergrund stehe. Wer positiv getestet worden sei, müsse mindestens zwei Tage symptomfrei sein und zwei negative Corona-Tests binnen 24 Stunden nachweisen. Dann könne die Pflegekraft auch aus der Quarantäne heraus weiterarbeiten.

Pendel-Quarantäne in Berlin nach Ausbruch von Mutation

Anfang November vermeldete das Mutterhaus im rheinland-pfälzischen Trier, dass 20 Hebammen weiterarbeiten mussten, nachdem sie Kontakt zu Infizierten gehabt hätten, so der SWR. Bereits im Frühjahr haben hier Pflegekräfte trotz Kontakts mit Infizierten weiterarbeiten müssen.

Pflegekräfte arbeiten, obgleich sie in Quarantäne sind: Der jüngste und aufsehenserregendste Fall dazu spielt sich  gerade im Humboldt-Klinikum (Vivantes) in Berlin-Reinickendorf ab, wo es einen Ausbruch der Corona-Mutation B 1.1.7 gibt: Das komplette Krankenhaus ist unter Quarantäne gestellt worde, die Mitarbeiter pendeln nun in extra gecharterten Kleinbussen zur Arbeit gefahren werden.   

Autorinnen: Birgitta vom Lehn/Melanie Klimmer

Foto: Peter Funken

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