Arbeitsmarkt Pflege

Immer mehr Pflegeheime von Zeitarbeit abhängig

In der Altenpflege steigt die Zahl der Leiharbeiter rasant. 2016 ist sie um 9 Prozent auf über 12.000 gewachsen. Für die Pflegeheime ist das doppelt kritisch.

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Sebastian Lazay kann es sich leisten, großzügig zu sein: Mitbestimmung bei der Dienstplanung, langfristige Verlässlichkeit, keine Doppelschichten. Lazay vermittelt Arbeitnehmer auf Zeit und hat sich dabei auf die Altenpflege spezialisiert. „Die Nachfrage ist so groß, dass wir unsere Mitarbeiter deren Wünschen entsprechend verteilen können“, sagt der Geschäftsführer der Hamburger Extra-Personalservice GmbH. Die rund 100 Fachkräfte, die er in dem Bereich beschäftigt, sind gefragt. Rund 50 Altenpflege-Einrichtungen im Raum Hamburg sowie in Dresden und Leipzig stehen auf Lazays Kundenliste, und nicht selten muss er Anfragen ablehnen – ausgebucht.

Nachfrage so groß, das Zeitarbeitsfirmen kooperieren

Seinen Wettbewerbern – allein im Raum Hamburg tummelt sich ein gutes Dutzend auf dem Feld der Altenpflege – geht es ähnlich, sagt Lazay, gleichzeitig Vizepräsident des Bundesarbeitgeberverbands der Personaldienstleister (BAP). Die Lage ist so ernst, dass die Dienstleister über Firmengrenzen hinweg kooperieren, sich austauschen und wann immer möglich einspringen oder auf den anderen verweisen, wenn ein Auftrag nicht erfüllt werden kann. Das ist nicht üblich unter Zeitarbeitsfirmen, doch der Mangel an Pflegekräften schafft neue Verhältnisse.

Chaos schon durch einzelne Krankheitsfälle

Viele Alten- und Pflegeheime kommen angesichts der dünnen Personaldecke und der Fachkraftquote nicht mehr ohne Leiharbeiter aus. Schon einzelne krankheitsbedingte Ausfälle lassen den Dienstplan kollabieren. Da sind die kurzfristig verfügbaren Pflegekräfte der Dienstleister trotz der höheren Kosten oft der einzige Ausweg. In manchen Häusern kommt das Stammpersonal sogar nur dank der Leiharbeitnehmer überhaupt dazu, in den Urlaub zu gehen oder Überstunden abzubauen.

Die meisten Zeitarbeiter gibt es in Nordrhein-Westfalen

Im Jahr 2010 ermittelte das Gelsenkirchener Institut Arbeit und Technik (IAT) im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung eine Zahl von gut 19.000 Leiharbeitskräften in Gesundheitsberufen – „ein großer Teil davon in der Pflege“, schrieben die Autoren damals. Im vergangenen Jahr wies die mittlerweile deutlich differenziertere Statistik der Bundesagentur für Arbeit (BA) allein für die Altenpflege 12.354 Leiharbeitnehmer aus. Das bedeutete gegenüber dem Jahr 2015, als 11.310 Beschäftigte verzeichnet wurden, einen Anstieg von mehr als neun Prozent. Die mit Abstand meisten Zeitarbeitnehmer kamen dabei in Nordrhein-Westfalen (2695) Bayern (2160) und Niedersachsen (1376) zum Einsatz. Unter dem Punkt „Gesundheit, Krankenpflege, Rettungsdienst, Geburtshilfe“ listen die BA-Statistiker insgesamt weitere 16.671 Leiharbeitnehmer (2015: 15.596) auf.

Manche Firmen übernehmen gesamte Dienstplanung

Trotzdem bleibe die Zeitarbeit im Bereich der Altenpflege ein Instrument, um Spitzenzeiten und Notlagen abzudecken, sagt Olaf Bentlage vom Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (bpa): „Das ist das Argument Nummer eins für die Branche.“ Grundsätzlich sei die Dienstleistung fast nicht bezahlbar, „aber bevor sie Betten stilllegen oder Kunden nicht mehr anfahren, greifen die Einrichtungen natürlich darauf zurück“. Teilweise werde für die Kunden sogar die gesamte Dienstplanung übernommen, sagt Extra-Chef Sebastian Lazay. Dann braucht Heim A eine Fachkraft für die Nacht von Dienstag auf Mittwoch, und Heim B muss in der nächsten Woche drei verschiedene Tagesdienste besetzen. „Manche Kunden schicken ihre Dienstpläne an verschiedene Personaldienstleister und lassen dann von denen die Lücken füllen“, sagt Lazay. Sein Hauptgeschäftsfeld sieht er in „Einzeldiensten für 5,5 Stunden“.

Cetinkaya: „Ein künstlicher Markt“

Dabei ist seine Branche offenbar auch Teil des Problems, dessen Lösung ihr Geschäftsmodell ist. Schließlich konkurrieren die Zeitarbeitsfirmen mit den Altenheimen und Pflegediensten um die gleichen Fachkräfte – und von denen lassen offenbar mittlerweile viele eine Festanstellung in der stationären Pflege sausen, um stattdessen zu deutlich attraktiveren Konditionen bei einem Personaldienstleister anzuheuern.

„Zeitarbeiter zwei- bis dreimal teurer“

„Hier wurde ein künstlicher Markt geschaffen – in einem Markt, der ohnehin schon am Rand der Existenz steht“, kritisiert Ugur Cetinkaya, der das SenVital Senioren- und Pflegezentrum in Ruhpolding leitet. Zeitarbeitnehmer seien „zwei- bis dreimal teurer“, sagt der Pflegemanager, der Anfang des Jahres mit dem zweiten Platz des Pflegemanagement-Awards ausgezeichnet wurde: „Die Firmen nutzen den Fachkräftemangel schamlos aus und geben den Heimen die Preise vor.“ Wegen der besseren Verdienstchancen seien die Zeitarbeitnehmer für eine Festanstellung in der stationären Pflege dann langfristig verloren, klagt Cetinkaya: „Sie zurückzuholen, funktioniert nicht mehr.“

Derweil will Sebastian Lazay in Hamburg den ohnehin schon „sehr hohen Aufwand“ für die Rekrutierung weiterer qualifizierter Mitarbeiter mit Blick auf seine Auftragslage noch intensivieren: „Wenn die Bewerber da wären, könnten wir unsere Belegschaft innerhalb des nächsten halben Jahres gerne verdoppeln.“

Autor: Jens Kohrs

Foto: ©KinokoTagawa - stock.adobe.com

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