LGBT

Ignoriert die Pflege Lesben und Schwule?

Wer lesbisch, schwul, bisexuell oder transsexuell ist, fühlt sich in Pflegeheim und Krankenhaus oft fremd, wenn nicht gar stigmatisiert. Pflegewissenschaftler, Lesben und Schwule fordern jetzt spezielle Konzepte.

Inhaltsverzeichnis

Es sind besondere Biografien, die sie mitbringen, und sie sorgen für besonderen Pflegebedarf. Menschen mit einer sexuellen und geschlechtlichen Identität, die von den Normen abweicht, stellen auch Pflegende vor eine echte Herausforderung, betonte Markus Schupp von der Bundesinteressenvertretung schwuler Senioren (BISS) auf dem Pflegetag in Berlin.

Neues Netzwerk queer*pflegen

Lesbisch, schwul, bisexuell, transgeschlechtlich, intersexuell oder queer – die vielfältigen Einzigartigkeiten, für die die Abkürzung LGBTIQ* steht, seien auch in der Pflege relevant, mahnt Klaus Müller, Professor für pädagogische Aufgaben in der Pflege an der Frankfurt University of Applied Sciences. „Wir dürfen keinen Anteil einer Persönlichkeit ignorieren oder übergehen“, betont Müller, der sich auch im neuen Netzwerk queer*pflegen engagiert. Da viele Betroffene ihr gesamtes Leben mit Stigmatisierung kämpfen, gelte es, besonders sensibel zu sein: „Die Frage ist, wie sich eine angstfreie Pflege- und Betreuungsumgebung schaffen lässt, in der jeder so sein und bleiben kann, wie er ist.“

Viele sind durch Stigmatisierung geprägt

Viele Lesben und Schwule haben eine teilweise oder ganz versteckte Lebensart entwickelt. Schuld- und Angstgefühle bis hin zur Selbstverachtung seien nicht selten, erklärt Markus Schupp, der Homosexuelle, Bisexuelle, Intersexuelle und Transsexuelle befragt und sich mit Angeboten für die Zielgruppe beschäftigt hat. Als Reaktion auf ihre Umwelt hätten die meisten einen besonderen Umgang mit der verbreiteten Stigmatisierung entwickelt. Erfahrungen, wie Pflegende auf all das reagieren können, seien aber meist marginal, sagt Schupp.

Schwule und lesbische Pflegekräfte stärken

„Sie wissen nichts über das immer wieder nötige Coming-Out, über das Bedürfnis, unter Gleichgesinnten zu sein, oder über doppelt stigmatisierte Schwule mit HIV“, beschreibt Schupp einige Probleme: „Dafür müssen wir in der Aus-, Fort- und Weiterbildung sensibilisieren.“ Allerdings gehe es nicht nur um die Aneignung von Wissen – „das Thema muss in die Pflegekonzepte einfließen“. Dazu zähle auch, dass schwule Pflegekräfte ihre Sexualität offen leben können und die Einrichtungen ein entsprechendes Krisenmanagement dafür entwickeln, sagt Schupp. Er weiß von Betroffenen, die ihr gesamtes Leben versteckt lebten und sich erst outeten, weil in ihrem Heim ein offen schwuler Pfleger arbeitete.

„Lesben sind unsichtbar“

Für lesbische Frauen malt Gabi Stummer vom Netzerk lesbischer Pflegeexpertinnen ein besonders dramatisches Bild. „Pflege findet ohne lesbische Lebensrealitäten statt“, klagt die Aktivistin: „Lesben sind in Pflegewissenschaft, -management, -pädagogik und -praxis unsichtbar.“ Vor allem ältere und hochbetagte Lesben würden nicht wahrgenommen. Dass viele Frauen in ihrem Leben Unverständnis, Ablehnung, Ausgrenzung bis hin zu Verfolgung erlebt hätten und spezielle Bedürfnisse und Bedarfe haben, sei im Bewusstsein der Pflege nicht verankert.

Pflegekräfte wissen kaum etwas über lesbische Sexualität

Derzeit müssten Betroffene alle für Lesben relevanten Informationen noch selbst geben, damit die professionelle Pflege sie berücksichtigen könne, kritisiert Stummer, die auch im Lesbenring aktiv ist: „Dabei liegt es in der Verantwortung der Pflegenden, die sexuelle Identität wahrzunehmen, um professionell arbeiten zu können.“ Meist jedoch sei nicht einmal Grundlagenwissen vorhanden. Deshalb bleibe es bislang dem Zufall überlassen, ob eine Lesbe auf eine Pflegekraft treffe, die ihre speziellen Bedürfnisse im Blick habe und das in die Arbeit einbeziehe.

Lesben fühlen Heterosexuellen nicht immer wohl

Im Pflegealltag würden Reaktionen der Frauen häufig missverstanden, und es werde falsch reagiert, weiß Stummer und nennt ein Beispiel: „Wenn sich Lesben zurückziehen und auch nicht mehr an Angeboten des Pflegeheims teilnehmen, wird das oft als Mobilitätsproblem gesehen, und die Pfleger versuchen, die Beweglichkeit der Frauen zu verbessern.“ Dabei liege das eigentliche Problem meist eher darin, dass Lesben unter Heterosexuellen keine Anknüpfungspunkte haben, dass adäquate Angebote und die richtige Ansprache fehlen.

„Die Pflege muss erkennen und verstehen, dass die Art, wie eine Lesbe sich verhält und kommuniziert, Teil ihrer lesbischen Identität ist, und entsprechend reagieren“, fordert Stummer. Das Thema gehöre zu jedem Pflegeaspekt und müsse deshalb auch in der Ausbildung in allen Bereichen berücksichtigt werden.

Transsexuelle fühlen sich von Pflege oft diskriminiert

Dass es neben der traditionellen Zwei-Geschlechter-Ordnung zudem eine Vielfalt von Identitäten und Lebensweisen gibt, betonen Simone Roth und Katrin Drevin, die sich für Diplomarbeiten mit Transgender beschäftigt haben. Die Betroffenen leben im falschen biologischen Körper, ihre geschlechtliche Identität und Präsentation unterscheiden sich von dem bei ihrer Geburt zugewiesenen Geschlecht. „Und das fühlen sie nicht nur, sondern es ist wirklich ihre Identität“, betont Roth. Unterschiedlichen Schätzungen zufolge lebten in Deutschland zwischen 160.000 und 1,4 Millionen Transmenschen, und ein Großteil habe sich durch Personal im Gesundheitswesen schon persönlich diskriminiert gefühlt.

Bei Transsexuellen fragen: Wie möchten Sie angesprochen werden?

Im Umgang stellen sich Pflegenden viele Fragen, weiß Katrin Drevin, die selbst als Gesundheits- und Krankenpflegerin und als freiberufliche Pflegedozentin in Leipzig arbeitet: „Das beginnt schon bei der Anrede – welches Pronomen wähle ich? – und geht mit der Belegung des Zimmers weiter.“ Grundsätzlich appelliert Drevin an ihre Kollegen, direkt nachzufragen, insbesondere, wenn das empfundene Geschlecht des Gegenüber nicht eindeutig erkennbar ist: Wie möchten Sie angesprochen werden?

Gekicher und Getuschel sind tabu

„Dabei ist es egal, was ich persönlich denke“, betont Drevin: „Der Wunsch sollte konsequent eingehalten werden, etwa auch im Stationszimmer, und er muss in der Akte notiert und markiert sein, damit andere Mitarbeiter später nicht in eine vermeidbare Falle tappen.“ No-Gos seien beispielsweise neugierige Blicke, Gekicher und Getuschel, intime Fragen und auch, bei persönlichen Pflegemaßnahmen Praktikanten oder Kollegen aus anderen Bereichen als „Zaungäste“ mitzunehmen, weil der Fall exotisch und interessant sei – „das ist unheimlich diskriminierend“.

Allen Fettnäpfchen zum Trotz sieht Drevin gerade die Unsicherheit als große Chance: „Wir Pflegenden können aus erster Hand lernen und haben gleichzeitig die Verpflichtung, das Gelernte auch nach außen weiterzugeben – mit dem Ziel einer Gesellschaft, die offen ist für Transpersonen.“

Autor: Jens Kohrs

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