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Studien

Hundertjährige sind zufriedener als 85-Jährige

Drei Hundertjährigen Studien zeigen: Diese hochbetagten und oft sehr gebrechlichen Menschen sind selten depressiv und so zufrieden mit ihrem Leben wie 45-Jährige. Wie lässt sich das erklären?

Hundertjährige leiden fast ausnahmslos unter vier bis fünf Erkrankungen (starke Sehschwäche und Schwerhörigkeit eingeschlossen), die meisten ihrer Freunde sind verstorben, fast immer auch der Partner oder die Partnerin, manchmal sogar schon eines ihrer Kinder. Trotzdem sehnen nur wenige von ihnen (15 bis 25 Prozent) den eigenen Tod herbei. „Wenn Menschen erst einmal Hundert geworden sind, haben sie meistens keine Lust, gleich zu gehen“, sagt Daniela Jopp, Psychologie-Professorin an der Universität Lausanne. Sie war hauptverantwortlich für die Hundertjährigen-Studien in Deutschland (Heidelberg) und in den USA (New York) und betreut aktuell eine Hundertjährigen-Studie in der Schweiz.

Sind Hundertjährige besonders resilient?

Warum Hundertjährige so zufrieden wie 40 bis 45-Jähige und 70- bis 80-Jährige sind (je nach Studie) und optimistischer als die Gruppe der 80- bis 95-Jährigen – darauf hat auch Daniela Jopp noch keine endgültige Antwort gefunden. Genetische Faktoren spielen sicherlich Rolle. Eine darüber hinausgehende mögliche Erklärung wäre, dass Hundertjährige eine ungewöhnlich hohe psychische Widerstandskraft (Resilienz) besitzen, die ihnen den Umgang mit den Widrigkeiten des Alters erleichtert, sie weniger schnell verzweifeln und letztlich sterben lässt. „Wir untersuchen deshalb gerade, ob Hundertjährige eine lebenslange Resilienz für Depression haben. Schließlich verringern psychische Probleme die Chance, sehr alt zu werden“, sagt die Psychologin für Erwachsenenalter und sehr hohes Alter.

In den drei Studien von Daniela Jopp hat sich gezeigt, dass viele Hundertjährige bestimmte Gewohnheiten und Eigenschaften zeigen, die für die Resilienz-Erklärung sprechen:

  • Viele Hundertjährige haben Höhen und Tiefen erlebt. „Sie haben ihre Resilienz trainiert und gelernt, mit Schwierigkeiten umzugehen. Hundertjährige haben es nicht nur einfach im Leben gehabt.“
  • Ihre genetische Disposition schützt sie vor Erkrankungen, die mit hoher Mortalität einhergehen, etwa kardiovaskuläre Krankheiten.
  • Alterstypische Erkrankungen treten bei ihnen zehn Jahre später ein als im Durchschnitt.
  • In der aktuellen Swiss Centenarian Study (SWISS100), in der Hundertjährige in der gesamten Schweiz auch gefragt wurden, wie sie die Corona-Pandemie erlebt haben, zeigte sich, dass viele von ihnen intensiv an andere gedacht haben, etwa an Pflegekräfte. „Über die eigenen Belange hinausschauen – das ist eine ganz große Stärke, die viele Hundertjährige zeigen“, sagt Daniela Jopp.
  • Offenbar schaffen es Hundertjährige ihre Lebenssituation ins Verhältnis zu setzen. „Ältere Menschen finden eher kognitive Strategien, mit denen sie ein Problem umbewerten. Sie konzentrieren sich nicht auf ihren Gesundheitszustand, sondern eher darauf, dass sie am Leben sind – und schätzen dies.“
  • Viele Hundertjährige haben einen ausgeprägten Lebenswillen und betrachten ihr Leben als sinnvoll. „Die meisten haben für sie bedeutsame Leidenschaften: Kunst, etwa, Malen oder schöne Schürzen nähen, Politik oder Philosophie. Ich habe eine Frau in New York erlebt, die regelmäßig Freunde eingeladen hat, um mit ihnen über bestimmte Themen zu sprechen, einer hat einen Philosophenweg gepflegt, ein anderer war 80 Jahre Mitglied im Sportverein. Einige entdecken im Alter auch die Religion, allerdings nicht so häufig in Deutschland, dort haben viele in den Kriegsjahren den Glauben verloren“, sagt die Psychologie-Professorin.

Beim Vergleich der verschiedenen Hundertjährigen Studien wird auch deutlich, dass es den Hochbetagten heute besser geht als noch vor rund zehn Jahren. So zeigte sich in der zweiten Heidelberger Studie (2011 bis 2012), dass 94 Prozent der Hundertjährigen Seh- und/oder Hörprobleme haben, 72 Prozent Mobilitätserkrankungen und 60 Prozent muskuloskelettale Erkrankungen. Doch im Vergleich mit der ersten Heidelberger Studie (2001 bis 2002) waren die Teilnehmer trotzdem selbstständiger: So gaben zum Beispiel 83 Prozent an, eigenständig ihr Essen zu sich zu nehmen – zehn Jahre zuvor waren es noch 61 Prozent. Daniela Jopp: „Wir haben ebenfalls festgestellt, dass die kognitive Leistungsfähigkeit bei den heute Hundertjährigen besser ist. Somit scheinen heute nicht nur mehr Menschen die Möglichkeit zu haben, ein sehr hohes Altern zu erreichen, sondern sie sind dabei auch noch fitter – das sind gute Nachrichten!“

Autorin: kig

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Daniela Jopp, Professorin für Psychologie und hundertjährigen-Firscherin 
Foto: Raffler
Daniela Jopp, Professorin für Psychologie und Hundertjährigen-Forscherin 

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