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Krankenpflege

Hitze: 6 Tipps, die Bewohner vor Klinikeinweisung schützen

Eine Hitzewelle gefährdet besonders alte Menschen. Was Pflegekräfte gegen eine drohende Austrocknung (Dehydratation) tun können und wie Pflegeheime sich jetzt auf den Klimawandel vorbereiten müssen

Hitzschlag, Hitzeerschöpfung, Austrocknung – hohe Temperaturen gefährden vor allem alte Menschen. Durch den Klimawandel steigen die Temperaturen nachweislich an. Tage mit über 30 und Nächte mit über 20 Grad werden immer häufiger. Von einer Hitzewelle spricht man, wenn diese Temperaturen drei Tage und länger anhalten.

Kaum Klimaanlagen in Pflegeheimen

Trotz steigender Temperaturen sind Pflegeheime nur schlecht auf künftige Hitzewellen vorbereitet. „Mir ist kein Heim bekannt, das eine Klimaanlage hat“, sagt Ugur Cetinkaya, der die SenVital Senioren- und Pflegezentrums in Ruhpolding und eine weitere Einrichtung in Bad Aibling leitet. „An das Thema Klimawandel hat damals, als gebaut oder umgebaut wurde, keiner gedacht.“

Schon vor drei Jahren hatte der damalige SPD-Gesundheitsexperte und jetzige Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach diesen Zustand auf seinem Twitter-Kanal beklagt: „Es kann nicht sein, dass jeder Supermarkt auf Kühlschrankniveau gekühlt ist und gleichzeitig die Menschen in Altenheimen und Krankenhäusern sterben, weil es dort kaum Klimaanlagen gibt.“ Denn die Zahl der Todesfälle in Verbindung mit Hitzewellen ist hoch. Im Sommer 2018 wurden laut dem Statistischen Bundesamt allein im Land Berlin und Brandenburg mehr als 800 Todesopfer aufgrund der Hitze beklagt.

Dehydratation: altersspezifische Risikofaktoren

Ein besonderes Hitzerisiko ist die Dehydratation. Unbehandelt kann sie lebensbedrohlich werden. Besonders ältere Menschen sind gefährdet, weil das Durstgefühl im Alter abnimmt und der Körper weniger Wasser speichert.

Es ist nicht ratsam, eine Dehydratation über die sogenannte stehende Hautfalte zu prüfen.

Eine Dehydratation lässt sich vermeiden und gut behandeln – wenn sie rechtzeitig erkannt wird. Eine hohe Aufmerksamkeit der Pflegekräfte ist hier oft entscheidend.

Tipp 1: Schmackhafte Getränke in Gesellschaft

Der Pflegeexperte Siegfried Huhn empfiehlt, dass Bewohner bei anhaltender Hitze mindestens 2 bis 2,5 Liter pro Tag trinken sollten, sofern keine Erkrankungen dagegensprechen. „Am besten nehmen sie tagsüber stündlich ein Getränk zu sich. Sinnvoll ist, Lieblingsgetränke vorzubereiten und diese gut sichtbar in Reichweite zu platzieren, damit die Bewohner ans Trinken erinnert werden.“ Suppen und Kaltschalen, aber auch wasserhaltiges Obst und Gemüse wie Gurken oder Melonen können das Angebot ergänzen. Auch alkoholfreies Bier wird gerne genommen. In Gesellschaft klappt es mit dem Trinken oft besser, als wenn die Bewohner allein auf ihrem Zimmer sitzen.

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Bei Bewohnern mit hohem Risiko kann ein Trinkprotokoll hilfreich sein. Jedoch ist die Aussagekraft oft eingeschränkt, da es sehr sorgfältig geführt und regelmäßig überprüft werden muss. „Ein Trinkprotokoll kann aber sinnvoll sein, damit die Pflegenden aufmerksam für eine ausreichende Flüssigkeitsaufnahme bleiben“, sagt Huhn.

Tipp 2: Es so machen wie die Italiener und Spanier    

Außerdem empfiehlt Siegfried Huhn: 

  • Während der heißesten Tageszeit Ruhe zu halten und sich wenig zu bewegen. Aktivitäten können in die kühleren Morgen- oder Abendstunden verschoben werden.
  • Tagsüber sollten die Fenster geschlossen, die Vorhänge zugezogen oder die Rollläden heruntergelassen werden. Nachts könne gelüftet und Durchzug gemacht werden.
  • Helle Kleidung aus Baumwolle. „Angenehm für die Bewohner sind kalt-feuchte Tücher auf Stirn und im Nacken“, sagt Huhn. Auch kühlende Arm- und Fußbäder sind zu empfehlen.

Tipp 3: Krankenbeobachtung ist alles – Dehydratation früh erkennen

Erste Anzeichen einer Austrocknung sind meist:

  • Kopfschmerzen
  • Schwindel
  • Kreislaufprobleme
  • verminderte Leistungsfähigkeit
  • Muskelschwäche/-schmerzen

Absolute Alarmzeichen sind:

  • plötzlich auftretende oder extremer werdende Verwirrtheit
  • fehlende Speichelsee unter der Zunge. „Wenn die Schleimhäute unter der Zunge sowie zwischen Lippen und Zahnreihen trocken sind, ist das ein Alarmzeichen“, erläutert Huhn. Pflegefachkräfte sollten deshalb bei Bewohnern mit erhöhtem Risiko täglich eine Mundinspektion machen.

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  • trockene Haut zwischen den Zehen und unter den Achseln
  • stechender Uringeruch beim Toilettengang
  • verminderte Urinausscheidung

Huhn rät davon ab, eine Dehydratation über die sogenannte stehende Hautfalte zu prüfen – also Hautfalten, die sich beim Abheben der Haut bilden und nicht direkt wieder zurückgehen. „Das wird in vielen Lehrbüchern noch empfohlen, hat aber keine Aussagekraft.“

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Tipps 4: Bei Dehydratation subkutane Infusionen in Erwägung ziehen

Erste Maßnahmen bei einer Dehydratation richten sich nach dem Zustand des Bewohners. „Ist die Person noch orientiert und zeigt keine Balancestörungen, sollte man schnell Flüssigkeit geben“, rät Huhn. Das können Getränke sein, aber auch Brühe oder Joghurt. „Gerade eine Nudelsuppe wird oft gerne angenommen, da die Bewohner sie von früher kennen.“

Bei Risikobewohnern oder wenn die Person nicht trinkt, können subkutane Infusionen indiziert sein. „Der Vorteil von subkutanen Infusionen ist, dass sie recht schnell eingesetzt werden können und relativ komplikationsarm sind. Über Nacht angelegt, stören sie nicht im Tageslauf und sind gleichwertig mit anderen Formen der Flüssigkeitssubstitution.“

Auch im SenVital Senioren- und Pflegezentrums in Ruhpolding wird im Bedarfsfall mit subkutanen Infusionen gearbeitet. Der Heimleiter Ugur Cetinkaya hat damit sehr gute Erfahrungen gemacht. Über den Umgang mit Hitze existiert in seiner Einrichtung auch ein Notfallplan. „Wenn man in einer solchen Situation schnell reagiert, ist das gut in den Griff zu bekommen“, sagt er. „Ich kann mich an keinen Bewohner erinnern, den wir aufgrund einer Dehydratation ins Krankenhaus einweisen mussten.“

Tipp 5: Notfallplan und gute Abstimmung mit dem Hausarzt

Mit dem verordnenden Arzt sollte festgelegt werden, welche Trinkmenge als kritisch zu bewerten ist und wann die subkutane Verabreichung angezeigt ist, empfiehlt Cetinkaya. Eine subkutane Infusion muss ärztlich verordnet werden. Sie wird über die Kasse abgerechnet, Pflegefachkräfte können sie anlegen.

Zur Abstimmung mit dem Hausarzt gibt es zwei Möglichkeiten: „Wir nehmen die Anordnung telefonisch entgegen und setzen die subkutane Infusion direkt um. Oder der Hausarzt kommt selbst vorbei und verschafft sich ein Bild vor Ort“, sagt Cetinkaya. Die erste Variante sei aber die deutlich schnellere Lösung und könne dazu beitragen, einen für den Heimbewohner belastenden und darüber hinaus teuren Klinikaufenthalt zu vermeiden.

Eine schwere Austrocknung gilt hingegen immer als Notfall und muss ärztlich behandelt werden. „Dann sind die Bewohner schon kognitiv auffällig, also schläfrig, teilnahmslos oder akut verwirrt“, erläutert Pflegeexperte Huhn. Bei Menschen mit Demenz müsse beurteilt werden, ob sich die Symptome stärker oder anders darstellen als bisher.

Tipp 6: Gebäudetechnik unter die Lupe nehmen

Ein weiterer wichtiger Punkt sind bauliche Maßnahmen. „Wir müssen uns Lösungen überlegen, die die Bewohner besser vor Hitze schützen“, sagt Huhn. Er empfiehlt dazu den Einsatz von mobilen Klimaanlagen, die je nach Bedarf in den Aufenthalts- und Speiseräumen eingesetzt werden können. Grundsätzlich müsse auch an fest installierte und leicht bedienbare Klimaanlagen in weiteren Räumen gedacht werden bedienbar. „Wenn Rollläden oder entsprechende Vorhänge fehlen, können Sonnenschutzfolien an den Fenstern angebracht werden“, rät Huhn. Und wenn Fassaden- oder Gebäudesanierungen anstehen, sollten Geschäftsführung oder Heimleitung unbedingt den Aspekt des Wärmeschutzes einbeziehen.    

Heime müssen sich systematisch auf Hitzewellen vorbereiten

Es gilt, sich auf den Klimawandel und mehr Hitzewellen vorzubereiten. Auf den Weg gemacht hat sich auch die Evangelische Heimstiftung in Stuttgart in ihren Einrichtungen. „Dazu erarbeiten wir gerade in Kooperation mit Experten ein Klimaanpassungskonzept, um Schäden vorzubeugen, die durch den Klimawandel entstehen können“, erläutert Alexandra Heizereder, Pressesprecherin der Evangelischen Heimstiftung. Dazu gehören zum Beispiel Verschattung wie Rollläden und Jalousien oder der Einbau von Lüftungsanlagen. Heizereder hält es für wichtig, dass die Politik Investitionen in bauliche Klimamaßnahmen gezielt fördert. „Damit können akute Belastungen in Pflegeeinrichtungen abgemildert und besonders gefährdete Menschen besser geschützt werden. Wir müssen uns dringend schon jetzt auf die zukünftigen klimatischen Veränderungen vorbereiten.“

Autorin: Brigitte Teigeler

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