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Professor Helga Rübsamen-Schaeff

Interview mit einer Virologin

Heime, legt die Masken noch nicht zur Seite!

Die Virologin und Chemikerin Helga Rübsamen-Schaeff über Virusmutationen, Impfungen, Herdenimmunität und die Vorteile der Digitalisierung für Pflegeheime in der Pandemie   

pflegen-online: Wie wahrscheinlich ist es nach aktueller Studienlage, sich nach einer Impfung gegen SARS-CoV-2 zu infizieren oder schwerer an Covid-19 zu erkranken?  

Helga Rübsamen-Schaeff: Die Wahrscheinlichkeit hängt etwas vom Impfstoff ab und bezieht sich auch nur auf die ersten sechs Monate nach Impfung, weil längere Beobachtungszeiten noch fehlen. Nach Erstimpfung rechnet man mit einem circa 50-prozentigen Schutz vor einer eigenen Ansteckung und mit einem circa 50 bis 70-prozentigen Schutz vor einem schweren Krankheitsverlauf. Nach der Zweitimpfung liegt der Schutz vor Infektion oder einem schweren Krankheitsverlauf insgesamt für Geimpfte bei circa 85 bis 95 Prozent.

Wie hoch ist das Risiko, das Virus als geimpfte Person an andere Personen weiterzugeben?

Das Risiko, das Virus an eine andere Person weiterzugeben, ist nach Erst- und Zweitimpfung vorhanden, allerdings geringer als bei nicht Geimpften.

Und wie hoch ist das Risiko für Genesene, sich erneut zu infizieren?

Genesene können sich schon nach wenigen Monaten wieder anstecken. Deswegen wird für diese Personengruppe die Verabreichung einer Impfdosis empfohlen. Dass Menschen ein zweites Mal an Covid-19 erkranken ist selten, kommt aber vor. Für die sogenannte Siren-Studie wurden in England alle zwei bis vier Wochen rund 20.000 MitarbeiterInnen des britischen Gesundheitswesens gescreent. Ihr Blut wurde auf Corona-Antikörper untersucht; ein PCR-Test prüfte, ob eine Corona-Infektion vorliegt. Die bisherigen Auswertungen zeigen: Bei weniger als einem Prozent kam es zu einer Zweitinfektion. Allerdings lag der Stichtag vor dem Auftreten der neuen, britischen Variante B.1.1.7.

Gibt es Hinweise darauf, ob man bei einer zweiten Infektion, zum Beispiel mit einer solchen Mutante, einen schwereren Krankheitsverlauf nehmen kann, als noch bei der ersten Infektion? 

Die Frage, ob Mutanten in einer solchen Situation zu schweren Erkrankungen führen, ist eindeutig mit ,Ja’ zu beantworten. Auch führen Mutanten zu deutlich mehr Infektionen. Ein Beispiel ist Manaus in Brasilien: Die Einwohnerinnen und Einwohner der Stadt hatten im vergangenen Jahr eine Epidemie durchgemacht, bei der sich 50 bis 60 Prozent ansteckten. Nun breitete sich in diesem Jahr in Manaus die (brasilianische) Virus-Variante P1 aus, die unter den bereits 2020 Genesenen zu sehr vielen Infektionen und Krankheitsfällen führte.

Manaus ist ein Beispiel dafür, dass SARS-CoV-2 sehr wandlungsfähig und nicht zu unterschätzen ist. Wie wahrscheinlich ist es, dass unsere derzeitigen Diagnostika (Tests), Präventiva (Impfungen) und manche Therapeutika (Medikamente) bald schon wieder überholt sind?

Das kann niemand so genau sagen, wenngleich die Impfstoffe, manche Medikamente und die Diagnostika bisher noch gut funktionieren. Aber die Welt ist erst am Anfang der Pandemie.

Auf den Intensivstationen liegen derzeit mehr jüngere PatientInnen – häufig auch ohne Vorerkrankungen. Kann man nach aktuellem Stand der Forschung noch an den bisherigen Risikogruppen mit einem voraussichtlich schweren Krankheitsverlauf festhalten?

Statistisch gesehen hatten Ältere ein höheres Risiko zu erkranken, ebenso Menschen mit Vorerkrankungen wie Diabetes, Übergewicht, Herzerkrankungen et cetera. Nachdem die älteren Gruppen mit dem höchsten Risiko nun weitestgehend geimpft sind und sich das Virus stark ausgebreitet hat, liegt es auf der Hand, dass auf den Stationen nun jüngere Menschen liegen. Dass auch Jüngere ohne Vorerkrankungen ernsthaft krank werden können, ist auch bekannt, nur ist dafür die Wahrscheinlichkeit geringer. Wenn sich jetzt viele Jüngere anstecken, zeigt uns dieses Bild eben nur eine Folge der Impf-Priorisierung und der weiteren Ausbreitung des Virus.

[Lesen Sie dazu auch unseren Artikel Weniger Pflegekräfte mit Corona infiziert]

Wie hoch müsste der Prozentsatz der Geimpften und Genesenen sein, damit man von einer Herdenimmunität sprechen kann? Welchen Anteil daran haben Kinder unter 12 Jahren ohne Impfangebot, die zum Beispiel die Großmutter wieder im Seniorenheim besuchen möchten?

Sobald der Impfstoff für Kinder zugelassen ist, sollte mit der Impfung begonnen werden. Die ,Herdenimmunität’ nach Impfung scheint zumindest ab einer Impfquote von 60 Prozent zu helfen. Allerdings haben Länder wie Großbritannien oder Israel trotzdem Neuinfektionen, wenngleich auf niedrigem Level. Dass eine ,Herdenimmunität’ durch die natürliche Infektion eine Illusion ist, wenn sich eine Variante ausbreitet, ist durch die Situation in Manaus, wie eben gesagt, gut belegt.

Träger, wie die Evangelische Heimstiftung Baden-Württemberg fordern schon jetzt, dass die Masken fallen. Wie stehen Sie als Virologin zu solchen Forderungen?

Da noch nicht deutlich weniger ,Virus’ in der Gesamtbevölkerung ,in Umlauf’ ist und noch keine 60 Prozent der Menschen eine Erstimpfung erhalten haben, würde ich das nicht befürworten. Die Maskenpflicht sollte aufrechterhalten bleiben.

Bis 2015 waren Sie die wissenschaftliche und exekutive Geschäftsleitung der Anti-Infektiva-Firma AiCuris GmbH Co.KG, einer Ausgründung der Bayer AG. Damit haben Sie nicht nur Expertise in der Virologie, sondern auch in der Führung von MitarbeiterInnen. Welche Handlungsempfehlungen für die Gestaltung der Übergangszeit im praktischen Alltag von Klinik-, Pflege- Behinderten- und Betreuungseinrichtungen können Sie mit auf den Weg geben, um vulnerable Personengruppen weiterhin bestmöglich vor Ansteckung zu schützen?

Um die Abläufe nicht unnötig zu verkomplizieren, würde ich bis auf Weiteres die Maskenpflicht beibehalten. Je mehr Menschen geimpft sind, umso besser wird die Situation. Das sehen wir in Ländern wie Israel oder Großbritannien, die bei circa 60 Prozent (Erst)Impfungen liegen. Da sind die Infektionszahlen zumindest bislang stabil niedrig: In Deutschland sind wir Stand 19. Mai 2021, erst bei 37 Prozent Erstgeimpften und zwölf Prozent mit einer Zweitimpfung. Ich würde also dafür plädieren, dass wir mit Lockerungen für Innenbereiche noch so lange warten, bis auch bei uns 60 Prozent eine Erstimpfung erhalten haben und noch dazu die Inzidenz deutlich niedriger ist.

[Sie vertragen FFP2-Masken nicht so gut? Dann empfehlen wir Ihnen  unsere Artikel 6 Tipps, die FFP2-Masken erträglicher machen und 8 Stunden mit Maske: Was tun, wenn die Haut leidet?]

Würden Sie Unterschiede machen zwischen geimpften, genesenen und nicht jeden Tag getesteten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Arbeitsalltag?

Es sollten die gleichen Regeln für alle gelten, und diese sollten eher auf der sichereren Seite sein, zum Beispiel sollte bis auf Weiteres eine Maskenpflicht bestehen.

Welche Hygieneschutzmaßnahmen sollten Gesundheitseinrichtungen generell vorhalten, um gegen Pandemien in Zukunft besser gerüstet zu sein?

Grundsätzlich sollte immer die entsprechend notwendige Schutzausrüstung vorgehalten werden. Sinnvoll wäre es außerdem, digitale Akten der zu  Pflegenden und des Personals zu führen, um die Infektionsnachverfolgung zu erleichtern.

Wie sicher schätzen Sie den AstraZeneca-Impfstoff ein?

Man muss hier immer das Positive sehen, dass viele, schwere Erkrankungen vermieden werden können, und dies gegen ein extrem seltenes und mögliches Risiko abwägen. Das spricht nach Einschätzung der Behörden auch für die Weiterverwendung des Impfstoffes. Zwingen sollte man niemanden, einen bestimmten Impfstoff zu nehmen.

Sie haben schon früh davor gewarnt, nur auf Impfstoffe zu setzen und die Entwicklung von Medikamenten zu vernachlässigen.

Ich bin überzeugt, dass man gegen Corona alle drei Strategien weiterverfolgen muss: (Schnell)Tests, Medikamente und Impfstoffe.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Über Helga Rübsamen-Schaeff

Die Professorin sitzt aktuell im Aufsichtsrat der AiCuris, einem von ihr 2006 gegründeten und bis 2015 als Geschäftsführerin geleitete Biopharma-Unternehmen. Außerdem ist sie Mitglied des Aufsichtsrats und des Gesellschafterrats der Merck KGaA und Aufsichtsrätin der 4SC. Bei der Bayer AG war sie von 1994 bis 2006 Leiterin der Erforschung von Medikamenten gegen Infektionskrankheiten, von 1987 bis 1993 leitete sie das Frankfurter Chemotherapeutische Forschungsinstitut Georg-Speyer-Haus.

Die Chemikerin wurde im März 2020 mit der Löffler-Frosch Medaille der Gesellschaft für Virologie ausgezeichnet. 2019 erhielt sie den Innovationspreis des Landes NRW. Die Gesellschaft Deutscher Chemiker verlieh ihr die Ehren-Mitgliedschaft, sie ist Mitglied der Leopoldina und wurde 2018 mit dem Deutschen Zukunftspreis ausgezeichnet.

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