St. Marienkrankenhaus (Ludwigshafen)

Hausverbot bei rassistischen Sprüchen

Nach Halle und Hanau stellt sich auch die Frage, wie konsequent Arbeitgeber gegen Rassismus vorgehen. Wir möchten positive Beispiel präsentieren und starten mit dem St. Marien- und St. Annastiftskrankenhaus in Ludwigshafen

Inhaltsverzeichnis

„Darf man nicht so ernst nehmen.“ „Der ist durcheinander, der weiß nicht, was er sagt.“ „Der ist manchmal komisch drauf, aber im Grunde ganz nett.“ Wer Zielscheibe rassistischer Sprüche wird, muss noch immer mit Beschwichtigungen dieser Art rechnen - mit Arbeitgebern und Kollegen, die nicht einschreiten und ihre Loyalität versagen, die meinen, es reiche zu beteuern, selbst („persönlich“) schließlich nicht Rassist zu sein.

Aber es gibt auch Kliniken und Heime, die ihre Leitbilder leben und Rassismus nicht tolerieren. Wir möchten über solche Einrichtungen berichten und beginnen mit dem Porträt eines Teams im St. Marien- und St. Annastiftskrankenhaus in Ludwigshafen. Die Kollegen kommen aus Rumänien, Litauen, aus der Türkei, aus Bolivien, Griechenland, Kamerun und Südkorea. Das Porträt ist zuerst (November 2019) im Magazin der Pflegekammer Rheinland-Pfalz erschienen - als Teil der Serie „Das perfekte Team“.

Das perfekte Team

Die junge Frau am Stationstresen drückt den Rücken durch, reckt das Kinn etwas höher, ihre Stimme klingt bestimmt: „Nein, das tut mir leid“, sagt sie und schaut ihrem Gegenüber, einer Kollegin, direkt in die Augen, „ich darf Ihnen keine Kopfschmerztablette geben.“ Keine Medikamente an Mitarbeiter, das wurde ihr beigebracht, das hat sie sich gemerkt. Erst seit Kurzem arbeitet die Pflegefachperson auf der Station, Schritt für Schritt wird sie in die Leitlinien eingewiesen, doch neben den wichtigsten Regeln hat sie eines besonders verinnerlicht: sicher aufzutreten, ihre Position zu vertreten.

Die Stationsleitung ist die gebürtige Südkoreanerin

Die „eigene Souveränität im Handeln und Sein“, so nennt es ihre Vorgesetzte Sun Young Yang-Scharf, „die will ich meinem Team vermitteln“. Die 46-Jährige leitet die Station B0 des St. Marien-und St. Annastiftskrankenhauses, einer konfessionellen Einrichtung, die zur St. Dominikus Krankenhaus und Jugendhilfe GmbH gehört. Die gebürtige Südkoreanerin führt ein streng-herzliches Regiment auf ihrer Station, ist mit „Herz und Verstand“ dabei, wie die Stationsleitung selber von sich sagt.

Es war kein leichter Start für sie, als sie im Januar 2016 die Verantwortung für die B0 übernahm, eine Station der Inneren Medizin mit Schwerpunkten Kardiologie, Pulmonologie, Angiologie und Notfallmedizin. Einige Pflegekräfte gingen in den Mutterschutz, andere in den Ruhestand, wieder andere kündigten gemeinsam mit Yang-Scharfs zeitgleich ausscheidender Amtsvorgängerin. „Der Pflegekräftemangel zeigte sich uns damals allzu deutlich“, erinnert sich Rita Schwahn, Leiterin Pflegemanagement.

„Die halbe Welt blätterte sich vor uns auf“

Und dann stand Yang-Scharf vor ihr. „Ich mach das, ich baue die Station neu auf“, sagte sie. Und legte los. Vier Jahre war sie bereits stellvertretende Stationsleiterin der Gynäkologie gewesen, seit 2007 zudem Praxisanleiterin.

Im Rekrutierungsprozess neuer Pflegekräfte „blätterte sich die halbe Welt vor uns auf“, sagt Rita Schwahn. Für Sun Young Yang-Scharf war bald klar: Aus all diesen Menschen – so sie fachlich geeignet sind, die B2-Qualifikation und entsprechende Sprachkenntnisse haben und zum Haus passen – würde sie ihr Team bauen.

10 von 16 Pflegekräften haben Migrationshintergrund

Heute arbeiten 16 Pflegekräfte auf ihrer Station, zehn davon haben einen Migrationshintergrund. Sie kommen aus Rumänien, aus Litauen, der Türkei, aus Bolivien, Griechenland und Kamerun. Yang-Scharf selbst kam vor 20 Jahren, ausgebildet als Registered Nurse, nach Deutschland, in Osnabrück studierte sie Gesundheitswissenschaften. Sie weiß, was es bedeutet, aus einem anderen Pflegesystem zu kommen. „Je nach Herkunftsland sind die Pflegenden einen anderen Stellenwert ihres Berufes gewohnt.“

Die Pflege in Deutschland ist für manche ein Kulturschock

Hierzulande sei der „Fokus der pflegerischen Versorgung kaum auf Edukation oder systemische Risikoeinschätzung“ ausgerichtet. Manche Mitarbeiter mit einer Auslandsqualifikation erlebten den Wechsel deshalb als Kulturschock.

Yang-Scharf sagt, dass sie damals keine gezielte Managementstrategie aufgestellt habe. Trotzdem – sie erfindet etwa ein Patenmodell: Jeder, der neu auf Station anfängt, wird von einem Kollegen unter die Fittiche genommen. Sie schickt ihre Schützlinge regelmäßig in Kurse: Kommunikation, Sprache, Umgang mit Patienten, erweitertes Pflege-Know-how. Yang-Scharf glaubt an die Kraft von Bildung, das hat sie von ihrer Mutter gelernt, die in Südkorea heute ihre Memoiren schreibt. Ein Bild der älteren Dame hängt an Yang-Scharfs Bürotür.

Wie die Mitarbeiter Angst vor sprachlichen Fehlern überwinden

Einigen Mitarbeitern gibt Yang-Scharf alle drei Monate eine kleine Aufgabe, zum Beispiel eine schriftliche Anamnese zu formulieren oder die vollständige Pflegeplanung eines Fallbeispiels vorzunehmen. Die Ergebnisse – von ihr korrigiert oder ergänzt – werden in der monatlichen Teamsitzung vorgestellt. „Damit will ich den Mitarbeiterinnen helfen, Angst und Hemmungen vor sprachlichen Fehlern zu überwinden und Präsentationsmethoden zu lernen.“

Yang-Scharf bezeichnet ihren Führungssstil als Angeltechnik

Ihren Führungsstil bezeichnet Yang-Scharf als partizipatorisch. „Ich begleite mehr, als dass ich bestimme.“ „Angeltechnik“ nennt sie das: den Mitarbeitern „nicht das fertige Fischgericht vorsetzen“, sondern ihnen beibringen, selber zu angeln. In Teamsitzungen kommt es vor, dass sie sich an den Rand setzt, ihre Mitarbeiter diskutieren lässt, etwa, ob statt einer examinierten Kraft eine MFA eingestellt werden soll. „Das können die gut unter sich ausmachenund eine Vorabwahl treffen.“

Kollektives statt rein individualistisches Denken

Dass die Kollegen unterschiedliche Herkunftsgeschichten haben, prägt das Miteinander – im Guten, wie Yang-Scharf schwärmt: „Mitarbeiter, die aus anderen Ländern als aus Deutschland kommen, haben oftmals ein kollektives statt ein rein individualistisches Denken, sind zum Beispiel sehr loyal ihren Kollegen gegenüber.“

Außerdem: „Je inhomogener ein Team ist, desto vielfältiger sind die Ideen und die innovative Kreativität infolge unterschiedlicher Erfahrungen oder Betrachtungsperspektiven.“

„Lasst euch nicht von unfreundlichen Bemerkungen verunsichern“

Anders sind die Erfahrungen manchmal mit Patienten. Es gibt einige, wenn auch nicht oft, die nicht damit zurecht kommen, von einer Pflegekraft behandelt zu werden, die ein Kopftuch trägt, deren Hautfarbe etwas dunkler ist oder deren Namen fremd klingt. „Macht euch bewusst, was ihr alles wisst, was ihr alles könnt“, rät sie dann. „Ihr seid wer, ihr arbeitet hier, weil ihr qualifiziert seid, lasst euch deshalb nicht von unfreundlichen Bemerkungen verunsichern.“ Allein das helfe oft schon, sicherer aufzutreten, meint Fatma Yilmaz. „Frau Yang-Scharf bestärkt uns sehr. Und wir bestärken uns gegenseitig.“

Rassistische Sprüche toleriert die Geschäftsführung nicht

Aber die Mitarbeiter stehen ohnehin nicht alleine da. „Da greift im Bedarfsfall bei uns die Eskalation nach oben“, versichert Rita Schwahn. „Solche Anfeindungen muss sich bei uns niemand gefallen lassen, da steht die Geschäftsführung voll hinter ihren Mitarbeitern.“ So sei auch schon vorgekommen, dass ein Patient wegen rassistischer Bemerkungen das Haus verlassen musste.

Doch solche Anfeindungen seien selten. Und so ist die Station B0 beliebt. Auszubildende wünschen sich nach dem Examen hier anfangen zu können, die Mundpropaganda spült weitere Bewerber her. Fatma Yildiz hat sogar ihre Schwester

ermuntert, sich zu bewerben. Seit zwei Wochen ist sie nun also hier, die junge Zehra Yildiz, als sie von einer Kollegin um Kopfschmerztabletten gebeten wird und sie abweist. „Wissen Sie“, erklärt sie ihr freundlich, „es ist einfach zu riskant, wenn wir Ihnen hier Kopfschmerztabletten aushändigen, schließlich könnten Sie allergisch darauf reagieren.“ Auch diese Begründung hat sie vor Kurzem noch gelernt. Sie schickt ihre Kollegin also in die Apotheke und macht weiter ihre Arbeit – die Haltung gerade, der Rücken gestärkt.

Autorin: Romy König

Kennen Sie auch ein Krankenhaus oder ein Pflegeheim, das Rassismus konsequent begegnet? Dann rufen Sie uns an (030 208 888 256) oder schreiben Sie (pflege@schluetersche.de)!

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