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Ignorieren ist keine Option: Für die Geschäftsführungen in den Kliniken gibt es einige Möglichkeiten, der Gewalt zu begegnen.  

Pflege und Management

Gewalt: Lassen Kliniken Pflegekräfte allein?

Der Umgang werde rauer, berichten Pflegekräfte. Trotzdem lassen sich Krankenhäuser wenig Neues zur Prävention einfallen. Das möchte die Pflegekammer Nordrhein-Westfalen ändern     

Wenn Pflegekräfte aus der Notaufnahme von eskalierenden Situationen erzählen, versetzen sie ihre Umgebung gewöhnlich ins Schaudern. Doch Dominik Stark (32) schildert keine randalierenden Patienten, keine Fachhiebe – trotzdem, sagt er etwas, das düster stimmt: „Es ist normal, dass ich verbal beleidigt werde. Man sei nur Pflege, man könne nichts – solche Beschimpfungen sind in der Notaufnahme Alltag.“

Seit zehn Jahren arbeitet der examinierte Krankenpfleger in der Notaufnahme und auf der Intensivstation – und jetzt außerdem im Vorstand der Pflegekammer Nordrhein-Westfalen (NRW). Dort steht Gewalt augenblicklich ganz oben auf der Agenda. Denn dass Gereiztheit, Aggression und Gewaltbereitschaft im Krankenhaus zugenommen haben, ist nicht nur der persönliche Eindruck von Dominik Stark.

92 Prozent der Pflegekräfte haben Gewalt erlebt

Laut einer Befragung des Gewaltpräventionsprojekts PEKo (Partizipative Entwicklung und Evaluation eines multimodalen Konzepts zur Gewaltprävention) haben 92 Prozent der 819 Teilnehmer (aus zwölf Krankenhäusern, 42 Pflegeheimen und sechs Pflegediensten) innerhalb eines Jahres Gewalt erlebt. Tatsächlich handelte es sich häufig um verbale Gewalt. Das heißt aber nicht, dass körperliche Gewalt ein Randproblem ist: Mehr als zwei Drittel der Befragten – 69 Prozent – gaben an, körperliche Gewalt erlebt zu haben.

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Hinter dem Projekt PEKo steht ein Verbund aus vier Hochschulen: Die Universität zu Köln, die Universität zu Lübeck, die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und die Hochschule Fulda. Unterstützt von der Techniker Krankenkasse setzen sie Gewaltpräventionsmaßnahmen um. Für eine intensivere Prävention möchte sich auch die Pflegekammer Nordrhein-Westfalen stark machen. Sie appelliert an die Krankenhäuser, aber auch an die Betreiber von Pflegeheimen und ambulanten Diensten, ihre Prävention zu überdenken. Dominik Stark, der Mitglied der Arbeitsgruppe der Pflegekammer NRW zum Thema Gewalt ist, formuliert, was sich konkret unternehmen lässt:

1. Deeskalationskurse modernisieren

Kurse zur Gewaltdeeskalation überdenken: „Normalerweise geht es in den Kursen darum, eine eskalierende Situation zu deeskalieren und um die Frage der Selbstverteidigung in einer solchen Situation.  Es fehlt völlig der präventive Blick auf Patientinnen und Patienten mit beispielsweise demenziellen und psychiatrischen Erkrankungen, aber auch auf Menschen mit Erkrankungen wie ein Alkoholentzugssyndrom oder generellen Suchtproblemen. Wie kann ich Menschen mit solchen Krankheitsbilder besser einschätzen? Wie gehe ich ins Gespräch rein? Dies alles sollte ebenfalls Teil der Schulungen sein“, sagt Dominik Stark.

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2. Deeskalationskurse verpflichtend machen

Wichtig sei auch, die Fortbildung zur Gewaltprävention in den Betrieben zur Pflicht zu machen. Gewalt betreffe nicht nur die Notaufnahme und die Psychiatrische Abteilung. Sie könne überall auftreten, wie die PEKo-Umfrage zeige, zumal der Gewaltbegriff heute weiter gefasst werde. Angehörige, die die Kompetenz von Pflegefachkräften infrage stellen und sie herablassend behandeln, gebe es nicht nur auf der Intensivstation oder in der Notaufnahme: Auch Pflegefachkräfte in der Altenpflege könnten davon ein Lied singen.

Hinzu kommt: Auch Pflegekräfte geraten in Situationen, in denen sie – oft aus einem aus einem durch Personalnot entstandenem Dilemma heraus – Gewalt anwenden, etwa, wenn es (besonders im Krankenhaus) um Freiheitsentziehende Maßnahmen (FEM) geht. Auch Vernachlässigung, die ebenfalls als eine Form der Gewalt gilt, passiert in ganz unterschiedlichen Settings.

3. Pflegekräfte nach Gewalt-Ereignis unterstützen

Wenn Pflegekräfte Gewalt erfahren, sei es für sie häufig schwer, Unterstützung im Krankenhaus oder in der Pflegeeinrichtung zu erhalten. Es fehle oft ein etablierter Ablauf und ein fester Ansprechpartner, sagt Dominik Stark. Vielleicht werde das Ereignis noch als Fall für die Berufsgenossenschaft gemeldet. Oft versande der Gewaltvorfall aber. „‘War jetzt auch wieder nicht so schlimm‘, heißt es, ‚ist ja nur eine geschwollene Lippe.‘ Die Hürde den Vorfall offiziell zu melden, ist dann doch zu hoch“, sagt Dominik Stark. Doch Gewaltvorfälle sollten nicht versanden:

  • Das Ereignis kann weiterhin psychisch belasten, auch wenn es angeblich nur eine geschwollene Lippe ist.
  • Der Klinik- oder Altenpflegebetreiber erfährt nichts über die Art und das Ausmaß der Gewalt in seiner Einrichtung oder seinen Einrichtungen. Er wird somit auch nicht erfahren, welche Schritte sinnvoll wären. Möglicherweise verliert er sogar Mitarbeiter, ohne zu erfahren, dass Gewalterfahrungen zur Kündigung geführt haben.

4. Gewalt-Meldesysteme einführen 

Die Pflegekammer NRW schlägt Einrichtungen ein Meldesystem vor, damit sie auf Gewalt angemessen reagieren können. Auch anonyme Meldungen sollten mit dem System möglich sein.

Die Kammer wiederum plant ein Meldesystem für Fälle, in denen Pflegekräfte Gewalt anwenden. Sie plant dies im Zusammenhang mit Berufspflichtverletzungen, denen nachzugehen ihre Pflicht ist. „Zu den Aufgaben der Pflegekammer zählt die Berufsaufsicht über unsere Profession. Ein sogenanntes ‚Whistleblower-System’ soll es Pflegefachpersonen ermöglichen, auf pflegefachliche Gefahren hinzuweisen“, sagt Vorstandsmitglied Sonja Wolf, die die Ressortverantwortliche für das Projekt ist. Berufspflichtverletzungen könnten auch anonym gemeldet werden. „Das soll helfen, mögliche Hemmschwellen abzubauen. Denn es ist davon auszugehen, dass die Dunkelziffer an beobachteten Fällen sehr viel größer ist. Hier müssen wir einen niedrigschwelligen Meldeweg etablieren.“

Autorin: Kirsten Gaede

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