Sterbebegleitung

Gespräche mit Sterbenden: Was Pflegekräfte wissen müssen

Mit Sterbenden zu sprechen ist für jede Pflegekraft eine Herausforderung. Hilfreich sind hier die Kommunikationsregeln von Jürgen Wingchen.

Inhaltsverzeichnis

Sterben, Tod und Trauer sind für viele Pflegekräfte ein großes Problem. Eine Befragung der Uni Freiburg ergab, dass es Pflegekräften bei der Verarbeitung hilft, einen Patienten bestmöglich begleitet zu haben. Zu dieser Begleitung gehört auch die empathische Kommunikation mit dem Schwerkranken und Sterbenden.

Genau diese Gespräche mit Sterbenden stellen aber ganz besondere Herausforderungen an die Pflegekraft. Der Kölner Pädagoge Jürgen Wingchen hat Kommunikationsregeln für solche Gespräche erarbeitet, die Ihnen in Ihrem beruflichen Alltag ganz entscheidend helfen können.

Kommunikation mit Sterbenden - das Phasenmodell des Sterbens

Die Grundlage für Wingchens Kommunikationsregeln bildet das Phasenmodell des Sterbeprozesses, wie es etwa von Elisabeth Kübler-Ross erarbeitet wurde. Die amerikanisch-schweizerische Sterbeforscherin erkannte als erste: Sterben verläuft in Phasen, die sich deutlich voneinander unterscheiden, vom „Nicht-Wahrhaben-Wollen“ bis zur „Annahme“.

Jürgen Wingchen hat das Phasenmodell des Sterbens um konkrete Anregungen zur Kommunikation ergänzt, die ganz einfach umzusetzen sind. So können Sie empathischer, sensibler und achtsamer mit Schwerkranken und Sterbenden sprechen.

Gespräche mit Sterbenden - die wichtigsten Kommunikationsregeln

Für jede Sterbephase können Sie sich an bestimmten Kommunikationsregeln orientieren, die wir Ihnen hier gerne vorstellen möchten:

1. Phase: Nicht-Wahrhaben-Wollen: „Nicht ich!“

Gesprächsbereitschaft signalisieren (Türöffner).

  • Das Verhalten aushalten und akzeptieren.
  • Zuhören, da sein, sprechen lassen.
  • Rationale Argumente vermeiden (Entweder stärken sie die Angst oder sie werden nicht zur Kenntnis genommen).
  • Auf jeden Fall vermeiden: „Reißen Sie sich zusammen!“

2. Phase: Zorn und Auflehnung: „Warum ich?“

Aggressive Äußerungen nicht persönlich nehmen (Reaktionen Sterbender sind nicht persönlich gegen die Pflegenden gerichtet).

  • Ruhig bleiben.
  • Nicht mit gleicher Münze zurückzahlen.
  • Akzeptanz demonstrieren, nicht allein lassen, keine Abwendung, kein Liebesentzug.
  • Verständnis für die Verzweiflung entwickeln und dieses widerspiegeln (Empathie).

3. Phase: Verhandeln mit dem Schicksal: „Vielleicht doch nicht!“

Billigen Sie dem Sterbenden sein Recht auf Hoffnung zu, ohne ihn in unrealistischen Illusionen zu bestärken.

  • Überfordern Sie Sterbende nicht durch direkte Konfrontation mit der Wahrheit.

4. Phase: Schwere Depression, Regression

Gestehen Sie dem Sterbenden sein Recht auf Traurigkeit zu.

  • Lassen Sie Zeichen der Trauer, wie Tranen des Sterbenden, zu. (Kein: „…doch nicht weinen!“)
  • Aufmuntern ist vollkommen fehl am Platz.
  • Strahlen Sie durch ihr Auftreten Ruhe aus.
  • Seien Sie einfach da.
  • Demonstrieren Sie Ihre Bereitschaft zuzuhören. (Türöffner)
  • Schaffen Sie eine Atmosphäre der Wärme und Geborgenheit. (Akzeptanz)
  • Haben/Zeigen Sie Verständnis. (Empathie)

5. Phase: Innere Ruhe: „Wenn es sein muss: Ja!“

Demonstrieren Sie, dass sie da sind. (z. B. die Hand halten)

  • Demonstrieren Sie die Ernsthaftigkeit ihres Zuhörens dadurch, dass Sie die Regelungen, die Sterbende wünschen, schriftlich festhalten.
  • Hören Sie zu, wenn ein Mensch vor Ihnen sein Leben bilanziert.
  • Halten Sie sich Bewertungen und kurzen Bestätigungen zurück.

6. Phase: Offene Annahme: „Ich will!“

Helfen Sie dem Sterbenden dabei, seine innere Ruhe zu finden.

  • Schaffen Sie eine Atmosphäre, in der Sterbende Unterstützung erfahren und Gefühle aussprechen können.

Denken Sie immer daran: Das Sterben ist so individuell wie das ganze Leben. Auch das Sterben gehört zum Leben, ist integrativer Bestandteil des Lebens. Und so einzigartig, wie das Leben gelebt wird, so einmalig ist auch der Sterbeprozess, den jeder Mensch auf seine Weise vollzieht.


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