Pflege als Beruf

Gerald Hüther über die Würde von Pflegekräften

Wie Pflegekräfte ihre Würde im oft ökonomisch orientierten Arbeitsalltag bewahren können, beschreibt der prominente Neurobiologe im Interview mit pflegen-online

Inhaltsverzeichnis

„Würde. Was uns stark macht – als Einzelne und als Gesellschaft“ - spätestens mit diesem 2018 erschienenen Buch ist der Neurobiologe und Potenzialforscher Gerald Hüther zum Experten für Würde geworden. Ein Thema, das auch Pflegekräfte umtreibt, denn manche können nicht so arbeiten, wie es ihren Ansprüchen entspricht - die Arbeitsverhältnisse rauben ihnen, so kann man es ausdrücken, ihre Würde (und nicht nur den Patienten oder Bewohnern). Aber was tun, wenn man um seine Würde fürchtet?

pflegen-online: Was macht eine rein wirtschaftliche Sicht im Gesundheitswesen mit dem Selbstverständnis, der Psyche, der Konzentration, der Motivation, dem Selbstwertgefühl des Pflegepersonals?

Gerald Hüther: Das menschliche Gehirn strukturiert sich entlang dessen, was wir für besonders bedeutsam halten und von dem wir glauben, dass es genau darauf im Leben ankommt. Damit wir mit all den Erwartungen des Arbeitsumfeldes, den wirtschaftlichen Zwängen und fachlichen Anforderungen mithalten und alle Vorgaben erfüllen können, müssen wir jegliche Regung unterdrücken, die uns aus unserem eigenen Innersten heraus lebendig macht: Freude am eigenen Gestalten, Mitgefühl, das Bedürfnis, sich um andere zu kümmern, sich für etwas einzusetzen, das dem eigenen Leben einen Sinn verleiht – all das, was unsere Autonomie und Kreativität schließlich ausmacht, muss weichen, damit wir so funktionieren können, wie es von uns erwartet wird.

Ob wir das dann tun, ist letztendlich eine Gewissensfrage. Der damit verbundene Druck geht nur weg, indem wir über unsere eigenen Bedürfnisse im Gehirn hemmende Netzwerke legen. Das müssen wir aber aktiv tun.

pflegen-online: Wird das auf Dauer nicht furchtbar anstrengend, ständig so gegen die eigenen Neigungen und Empfindungen zu leben?

Gerald Hüther: Anstrengend ist das nur so lange, bis wir am Ende hinreichend unempfindsam, gleichgültig und achtlos geworden sind. Dann melden sich irgendwann von innen her auch keine Regungen mehr, wenn wir uns selbst und andere zum Objekt wirtschaftlicher Zwänge und Erwartungen, von Belehrungen und Bewertungen gemacht haben.

pflegen-online: Hat die Pflege ihren inneren Kompass verloren?

Gerald Hüther: Im heutigen Arbeitsumfeld ist es nicht so leicht, das eigene, höchste Bemühen auf die Umsetzung von Werten wie Wertschätzung, Würde, Selbstachtung, Respekt und Solidarität zu konzentrieren in einer Welt, in der diese Werte kaum oder keine Rolle spielen. Diese Werte in der heutigen Arbeitswelt trotzdem als das wichtigste Bemühen zu betrachten und diese auch umzusetzen, kann eine einzelne Person kaum durchhalten. Das geht nur, wenn sich ein ganzes Team auf diese Grundhaltung verständigt und es gemeinsam versucht.

Wenn das aber gelingt, ist das Ergebnis sehr bemerkenswert: Es geht plötzlich allen besser. Die Teammitglieder empfinden dieses gemeinsame Bemühen als sehr erfüllend, sinnstiftend und beglückend. Menschen sind eben keine optimierbaren Maschinen.

pflegen-online: Pflegekräfte, die ihrer Berufsethik treu bleiben, haben es in einem wirtschaftsorientierten Gesundheitswesen sehr schwer. Halten sie die, als Berufsstandard verbindlichen Expertenstandards ein und zeigen sie Mitgefühl im Umgang mit Patienten und Bewohnern, erfahren sie oft Schikanen von den eigenen Vorgesetzten und Kollegen. Was passiert da eigentlich mit der Würde des Menschen insgesamt?

Gerald Hüther: Nur wenn sich ein Bewusstsein für die eigene Würde bereits heraus bilden und im Gehirn verankern konnte, werden solche Schikanen aufhören. Wer sich der eigenen Würde einmal bewusst geworden ist, mobbt keine anderen Kollegen. So ein Mensch ist nicht mehr verführbar und wird auch niemals andere als Objekt zum Erreichen von eigenen Absichten und Zielen benutzen, denn dies wäre „unter seiner Würde“. Anders, wem sein beruflicher Erfolg und seine Karriere wichtiger sind als die Vorstellung und das Bewusstsein von der eigenen Würde.

pflegen-online: Die Pflege steckt schon seit längerer Zeit in einer Krise der Grundhaltung. Was könnte Ihrer Einschätzung nach da der richtige Weg sein, wieder zu mehr Selbstbewusstsein und Würde zu gelangen?

Gerald Hüther: Es ist nicht möglich, einen anderen Menschen mit all seinen Erfahrungen und den daraus entstandenen inneren Einstellungen und Haltungen zu verändern. Auch wenn es dem noch so schlecht zu gehen scheint und er auch anderen damit schadet. Ändern kann sich ein Mensch immer nur selbst und eben auch nur dann, wenn er selbst es wirklich will. Und wollen kann er es nur, wenn ihm das, was aus ihm wird, attraktiver erscheint, als das, was er war und was er jetzt ist. Manchmal wird ein solcher Prozess auch angestoßen, wenn die betreffende Person aus irgendeinem Grund wieder mit den eigenen, inneren, lebendigen Anteilen in Berührung kommt, die sie so lange und so tapfer zu unterdrücken versucht hat.

Es ist durchaus möglich, sich auch allein tiefgreifend zu verwandeln. Wenn aber alle anderen in einem Team weitermachen wie gewohnt, hält man dieses „Anderssein“ nicht mehr allzu lange aus: Entweder man sucht sich andere Menschen, die mit einem diesen anderen Weg gehen, oder man wird sehr einsam.

pflegen-online: Werden solche Menschen ihren Arbeitgebern nicht „gefährlich“, weil sie dann auch den Widerspruch wagen?

Gerald Hüther: „Befreite“ Menschen sind tatsächlich dazu bereit, dafür zu sorgen, dass die Würde der Menschen nicht länger mit Füßen getreten, verletzt und untergraben wird. Mit der Bewusstwerdung ihrer eigenen Würde sind sie nicht mehr manipulierbar und scheuen sich auch nicht, sich zu zeigen, wie sie sind. Das ist der erste und entscheidende Schritt in die Freiheit. Wie befreiend dieser Schritt ist, bemerkt man aber erst, wenn man diesen Weg bereits einmal begonnen hat.

pflegen-online: Pflegekräfte, insbesondere in der ambulanten und stationären Altenpflege, fühlen sich nicht ausreichend wertgeschätzt. Was wäre zu tun?

Gerald Hüther: Führungskräfte könnten auf allen Ebenen dafür sorgen, dass in ihrem Team und in den betreffenden Einrichtungen ein guter Geist erwachen kann. Es gibt schon einige Einrichtungen, in denen das gelingt. Von diesen Einrichtungen ließe sich lernen, wie es geht. Wenn sich jedoch nichts tut und alles so weitergeht, wie bisher, werden solche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wohl über kurz oder lang eine andere Einrichtung oder Tätigkeit suchen, in der sie sich besser weiterentfalten können. Kein Mensch hält es über eine längere Zeit aus, wie ein „Objekt“ behandelt zu werden. Entweder er wird krank, oder er findet irgendeinen Weg, das weiter auszuhalten, indem er seine wahren Bedürfnisse und seine Lebendigkeit unterdrückt und die von anderen.

Interview: Melanie Klimmer

Zur Person

Gerald Hüther ist Neurobiologe mit langjähriger Erfahrung in der experimentellen Medizinforschung. Heute versteht er sich überwiegend als Übersetzer wissenschaftlicher Erkenntnisse in die praktische Welt. Er ist Vorstand und Federführung der 2015 gegründeten „Akademie für Potentialentfaltung“. Dort stößt er individuelle und gesellschaftliche Denk- und Gestaltungsprozesse an. Auch ist er Autor zahlreicher wissenschaftlicher und populärwissenschaftlicher Bücher: „Männer – das schwache Geschlecht und sein Gehirn“ (2009), „Raus aus der Demenzfalle“ (2017), „Würde. Was uns stark macht – als Einzelne und als Gesellschaft“ (2018) und aktuell „Education for Future – Bildung für ein gelingendes Leben“ (2020)

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