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Digitalisierung

Geht Pflegeberatung bald ohne FB und Google?   

Pflegeberaterinnen müssen viele Details in Erfahrung bringen. Details, die oft mit aufwendiger Suche verbunden sind. Eine neue, spezialisierte Social-Media-Plattform könnte den Beratern die Arbeit erleichtern     

Michaela Graner war 27, als ihr Vater sehr krank und pflegebedürftig wurde. Als einziges Kind geschiedener Eltern musste sie plötzlich Dinge entscheiden, mit denen sie sich nicht auskannte. Sie war hilflos, überfordert und meint heute, dass sie ihrem Vater nur mit Hilfe von medizin-pflegerisch gebildeten Freunden ein „menschenwürdiges Leben“ habe sichern können. Damals, Ende der 90er, war gerade die Pflegeversicherung eingeführt, eine Pflegeberatung gab es noch nicht. Die hätte sie sich  gewünscht – so sehr, dass die Pflegeberatung, die es nun seit zwölf Jahren gibt, zu einem entscheidenden Thema in ihrem Leben geworden ist. Die heutige IT-Expertin hat – zusammen mit Stephan Jonas, der aus der Theoretischen Medizin kommt – Künstliche-Intelligenz-Anwendungen für die Pflegeberatung entwickelt. Denn aus der Pflegeberatung, so meint sie, lässt sich für die Klienten noch viel mehr rausholen, wenn es nur gelingt, Pflegefachkräfte mit ihrem Wissen und ihrer Erfahrung raffiniert digital zu vernetzen.

Pflegeberater sind gut ausgebildet …

Künstliche Intelligenz in der Beratung – ist das nicht übertrieben? Gibt es wirklich einen Bedarf? Schließlich stolpern Pflegefachkräfte nicht in Beratung, sie müssen, wenn sie für einen Pflegestützpunkt oder eine Pflegekasse arbeiten eine Weiterbildung absolvieren. Sie sind auch meistens recht erfahren, weil sich Beratung besonders für ältere Pflegekräfte anbietet, die nach jahrzehntelangem Schichtdienst eine gesundheitsförderlichere Alternative suchen.               

Jürgen Link, Autor von Beratungskompetenz in der Altenhilfe, bestätigt das: „Die lokalen Pflegestützpunkte machen wirklich gute Arbeit: Die Pflegefachkräfte besitzen alle Zertifikate, sind regional gut vernetzt und kennen die Einrichtungen und ambulanten Dienste in ihrer Gegend. Da habe ich wirklich ein gutes Gefühl.“ Ein gutes Gefühl, das der Betriebswirt, der in Baden-Württemberg als Sozialdezernent und in Leitungspositionen in der Altenhilfe gearbeitet hat, bei seinen gelegentlichen Hausbesuchen von Pflegebedürftigen bestätigt sieht.

… trotzdem ist es schwierig, immer aktuell informiert zu sein

Dennoch, so Link, wird Wissens- und Informationsmanagement immer wichtiger in der  Pflegeberatung: „Die Rechtslage wird immer komplizierter, die Gesetze und Verordnungen immer zahlreicher. Auch wächst das Informationsbedürfnis der Klienten mit der Angebotsvielfalt. Als Bürger bekomme ich den Eindruck, dass es wahnsinnig viel Information gibt, die aber gar nicht so richtig konkret ist. Wenn ich google, hilft mir das meistens auch nicht beim Strukturieren. Deshalb ist es grundsätzlich eine gute Idee, das Wissen zu kanalisieren.“

[Lesen Sie auch das Interview mit Jürgen Link Pflegebedürftige beraten: die wichtigsten Tipps]

Compass bietet Intranet mit Fachforen

Die private Pflegeberatung Compass macht dies bereits für ihre rund 500 Mitarbeiterinnen, von denen bis auf wenige Ausnahmen alle aus dem Pflegeberuf kommen. „Wir haben ein sehr lebendiges Intranet, das auch ein Fachforum enthält. Über dieses werden die Kolleginnen und Kollegen frühzeitig und laufend über Aktualisierungen der gesetzlichen Regelungen auf dem Laufenden gehalten“, sagt Compass-Sprecherin Mareike Schiffels. Gerade während der Pandemie habe es enorme Vorteile gehabt, auf diesem Wege die neuen und oft kurzfristig aktualisierten Verordnungen und Vorgaben an die Pflegeberaterinnen weiterleiten zu können.    

Care Talk funktioniert mit Künstlicher Intelligenz (KI) und filtert

Für Pflegeberater, die nicht bei Compass arbeiten, gibt es diverse Pflege-Foren auf Facebook. „So gesehen ist es nichts absolut Neues, was wir machen“, sagt Michaela Graner. „Doch auf Facebook und in anderen Internetforen, ist es extrem schwierig, sich eine Übersicht zu verschaffen und schnell eine konkrete Antwort auf eine drängende Frage zu bekommen.“ Der Care Talk hingegen, den das Team der Betriebswirtin entwickelt hat, besitzt eine Filterfunktion und ist in der Lage, sehr spezielle Frage einer Nutzerin – etwa die Qualität der Tagespflege-Angebote in einer bestimmten Region – nur an diejenigen zu senden, die mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit in der Lage sind, sie Frage zu beantworten. Auch sehr fachliche Fragen, etwa zur Wundversorgung, werden in erster Linie an die Wundexperten geschickt und nicht ans gesamte Forum.

Die Experten auf Care Talk werden bewertet 

Für den Nutzer bedeutet dies, dass er den Antworten ein gewisses Vertrauen entgegenbringen kann. Hinzu kommt: Alle Teilnehmer können die Antworten bewerten (Daumen hoch, Damen runter), so dass sich mit der Zeit zeigen wird, welche Experten dem Forum besonders vertrauenswürdig scheinen. Auch investieren Michaela Graner und  ihr Geschäftspartner Stephan Jonas in Moderatoren. „Das ist tatsächlich unser größter Kostenpunkt“, sagt Jonas. Die beiden hoffen, dass sich im Laufe der Zeit mit wachsender Nutzerzahl im Forum Experten finden, die bereit sind, für eine gewisse Zeit einen bestimmten Forum-Kanal zu moderieren. „Das wäre ideal, dann können wir tatsächlich von Schwarmintelligenz sprechen.“

Der Care Talk wird kostenlos sein für die Nutzer, er wird sich – so der Plan – über Studien und Cross-Selling mit weiteren Produkten querfinanzieren. Graner und Jonas sehen die wirtschaftliche Entwicklung ihres Projekts entspannt. Sie sind kein Start-up – obgleich die Vermutung beim Thema IT, App & Co. naheliegt – und stehen somit nicht unter Druck, in kürzester Zeit profitabel werden zu müssen. Sie investieren ihr eigenes Geld, das sie zurzeit noch in ihrem bisherigen Job verdienen.

Das Digitalgesetz DVPMG knöpft sich auch die Pflegeberatung vor 

Außerdem haben die beiden Vorstände in ihrem Unternehmen Care Digital noch ein Standbein, das für Nutzer kostenpflichtig ist: der Care Pilot, der die Pflegeberaterinnen durch Erst- und Folgegespräch führt. „Er strukturiert den Gesprächsverlauf, bietet an passender Stelle Hinweise auf Gesetzesänderungen und Antworten auf mögliche Fragen. Der Versorgungsplan fasst die wichtigsten Ergebnisse des Gesprächs übersichtlich zusammen und schafft mit seiner integrierten Dokumentation somit einen hohen Nutzen für den Pflegebedürftigen beziehungsweise die Angehörigen“, verspricht Michaela Graner. Der Preis für den Care Pilot steht noch nicht fest, irgendwo zwischen 5 und 25 Euro pro Monat wird er liegen, inklusive der datengeschützten Videosprechstundenfunktion.

Ja, und sicherlich: Graner und Jonas versprechen sich etwas vom gerade verabschiedeten Digitalgesetz in der Pflege (Digitale–Versorgung–und–Pflege–Modernisierungs–Gesetz), durch das auch die Pflegeberatung einen Schub erfahren soll. Doch, ob es Förderprogramme geben wird, und wenn ja, ob Care Digital davon profitieren wird – das alles ist ungewiss. Doch sie preschen vor – angetrieben, so sagt Michaela Graner, auch von einer persönlichen Mission: „Ich wünsche mir, dass Angehörigen erspart bleibt, was ich damals mit meinem Vater erlebt habe und ich heute im Pflegefall mit meiner 88-jährigen Mutter immer noch erlebe.“             

Hier geht es zum Care Talk 

Autorin: Kirsten Gaede

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Foto: Jens Schünemann

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