Serie Kämpfernaturen

Gehalt 30 Prozent unter Tarif – da muss man was tun!

Melanie Hentschel erlebt an ihrem Arbeitsplatz in Chemnitz, dass es sich lohnt zu kämpfen. Jetzt möchte sie auch Kollegen überzeugen.

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Die Aufforderung, jeder müsse etwas opfern, um das Unternehmen zu retten, hat Melanie Hentschel mittlerweile zu oft gehört. „Irgendwann ist Schluss“, sagt die 31-Jährige: „Wir haben jahrelang zu viel getan. Es sind nicht die Mitarbeiter, die finanzielle Defizite ausgleichen müssen.“

Melanie Hentschel macht jährlich rund 100 Überstunden

Seit ihrer Ausbildung zur Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin vor fast elf Jahren arbeitet Hentschel für die Heim gGmbH, einer Tochtergesellschaft des Klinikums Chemnitz. In der Intensivpflege betreut sie körperlich und geistig behinderte und schwerstkranke Kinder. Zurzeit arbeitet sie mit drei Kindern, die sie unterschiedlich lange kennt, einige begleitet sie jahrelang. Nach vier Jahren im Unternehmen hatte Hentschel mehr als 400 Überstunden angesammelt.

Sie besucht Netzwerktreffen in Sachsen

Als der Betriebsrat vor drei Jahren die Gewerkschaft Verdi mit ins Boot holte, war sie sofort Feuer und Flamme. Hentschel will etwas verändern und ist seitdem ehrenamtlich sehr engagiert, wie sie selbst sagt. Sie besucht die monatlichen Sitzungen und die Netzwerktreffen mit Kollegen aus anderen Häusern in Sachsen. Sie arbeitet an Flyern mit, und sie spricht mit den Kollegen im Betrieb, um herauszufinden, was sich aus ihrer Sicht ändern müsste.

Ihr Gehalt ist kaum höher als das einer Pflegehilfskraft

Dazu gehört auch, dass sie in den Tarifvertrag zurück wollen. Seit 2004 habe es keine Lohnsteigerungen mehr gegeben, „und vom Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst sind wir 30 Prozent entfernt“, sagt Hentschel. Viele Kollegen seien frustriert, wenn sie hören, was in anderen Häusern verdient wird und wie die Bedingungen woanders sind. Ihre Mutter etwa bekomme als ungelernte Pflegehilfskraft bei einem anderen Unternehmen fast das gleiche Gehalt wie sie.

Kollegen hoffen auf einen Manteltarifvertrag

Mittlerweile hat sich einiges getan. Seit Mitte 2015 sind aus 55 Gewerkschaftsmitgliedern 260 geworden. Rund 800 Mitarbeiter zählt die Heim gGmbH insgesamt. „Derzeit wird über einen Tarifvertrag verhandelt, und die Kollegen hoffen, dass zum Ende des Sommers ein Manteltarifvertrag steht. Die ersten Gespräche lassen hoffen, dass auch der Arbeitgeber bemüht ist, sich für einen guten Manteltarifvertrag einzusetzen."

Geschäftsführung reagierte auf Demo und Streik-Drohung

„Dazu haben wir die Arbeitgeber gezwungen.“ Jahrelang seien Gesprächsaufforderungen immer wieder abgeschmettert worden, „doch alleine erreicht man nichts“. Umso stärker wiegt jetzt das Gemeinschaftsgefühl: Eine Demonstration und die Drohung mit Streiks halfen schließlich, die Unternehmensleitung an den Verhandlungstisch zu holen. Im vergangenen Dezember ist bereits ein Vorschalt-Tarifvertrag in Kraft getreten, der unter anderem fünf Prozent mehr Lohn für alle und einen Nachtdienst-Zuschlag festlegt.

Viele seien mutlos, sagt Hentschel

Auch deshalb will Hentschel weitere Kollegen davon überzeugen, dass es sich lohnt, sich zu engagieren. Viele hätten nicht den Mut, sich zu wehren. „Sie glauben, dass sich ja sowieso nichts ändert. Sie nehmen die Arbeitsbedingungen hin und melden auch Probleme nicht.“ Sie sei aber nicht mehr bereit, ihre Gesundheit zu gefährden, erklärt die 31-Jährige, die sich in diesem Jahr erstmals zur Betriebsratswahl hat aufstellen lassen und auch gewählt wurde: „Viele brauchen einen Ansporn – jemanden, der sie mitzieht.“

„Viele Azubis sind überfordert und brechen ab“

Den Verdienst zu erhöhen, sei ein wichtiges Ziel, um Kollegen zu halten und mittelfristig auch wieder mehr Bewerber für freie Stellen zu finden. Momentan komme häufig niemand nach, wenn Personal das Unternehmen verlasse, sagt Hentschel. Doch ihr geht es nicht nur ums Geld. „Es wird von den Arbeitnehmern heute zu viel verlangt“, ärgert sie sich. Schichten mit bis zu zehn Arbeitsstunden seien mittlerweile die Regel, in Notfällen werden es häufig zwölf.

„Unser Beruf ist nicht mehr attraktiv.“ Oft würden etwa schon Azubis als vollwertige Mitarbeiter eingesetzt. „Viele sind überfordert und brechen ab“, sagt Hentschel: „Das ist einfach zu viel Verantwortung.“

Autor: Jens Kohrs

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