Foto: Tina Hartung

Seelische Gesundheit

Führungskräfte, redet über den Ukraine-Krieg!  

Sicherlich, die Arbeit von Pflegekräften hat nichts mit dem Ukraine-Krieg zu tun. Trotzdem ist es für sie wichtig, im Team ausführlich darüber zu sprechen – ein Appell von Birgit Hahn vom Evangelischen Klinikum Bethel in Bielefeld           

Birgit Hahn, Absolventin des Bachelor-Studiengangs Psychiatrische Pflege, ist eine Art hauseigene Beraterin: Gemeinsam mit einem Kollegen unterstützt sie die 17 psychiatrischen Stationen des Evangelischem Klinikums Bethel dabei, eigene Projekte und Veränderungswünsche umzusetzen. Beim digitalen Treffen des Frauennetzwerkes Top-Management Pflege am Donnerstagabend, dem Tag des Kriegsausbruchs, sagte sie ganz zum Schluss, dass in den Teams ganz schnell etwas passieren müsse. Aber was genau? Wir haben nachgefragt, hier ihre Antwort:           

Schon am Abend des 24. Februars stand für mich fest: Es muss etwas geschehen und zwar schnell. Dieser Ukrainekrieg ist für uns alle ein immenser Belastungsfaktor, er versetzt uns in Anspannung. Ich weiß aber von den Pflegefachkräften auf den psychiatrischen Stationen, dass sie während ihrer Arbeit immer ganz auf das Pflege-Geschehen konzentriert sind, aber nur selten ihre eigene psychische Verfassung in den Blick nehmen. Da musste ich einfach handeln, schließlich ist die psychische Gesundheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in unserem Klinikum ein zentrales Thema. Es wäre völlig falsch, über den Krieg in der Ukraine nicht zu sprechen, nur weil er unsere Arbeit nicht tangiert. Sicherlich: Objektiv betrachtet spielt der Krieg in der Ukraine in unserem Klinikalltag keine Rolle, subjektiv aber eben doch, weil er alle, die hier arbeiten, bedrückt und viele weitere Fragen aufwirft.

Eigentlich habe ich dann etwas ganz Einfaches gemacht: Ich bin auf die drei Stationen gegangen, zu denen ich gerade in regelmäßigem und engerem Kontakt stehe, habe mich zum Beispiel in die Mittagsübergabe gesetzt und die Kolleginnen und Kollegen gefragt: „Wie geht es euch mit dem Krieg in der Ukraine? Welche Fragen beschäftigen euch?“ Auf diese Weise wollte ich einfach Raum schaffen, damit sie sich auch auf der menschlichen Ebene begegnen können.

Es geht um die seelische Gesundheit der Mitarbeiter

Wir haben dann über vieles gesprochen: Wie geht es weiter mit dem Krieg? Was können wir von hier aus tun? Wohin kann man sich wenden, wenn man spenden möchte? Wie gehen wir mit der eigenen Angst um? Kann ich noch gut schlafen? Darüber offen und transparent zu sprechen, so meine Hoffnung, kann manchen dazu bringen, mehr auf sich selbst zu achten.

Nun kann man einwenden, dass die Teams auch ohne meine Initiative über den Ukraine-Krieg sprechen. Das stimmt. Aber es ist noch einmal etwas anderes, wenn jemand von außen kommt, jemand, die den Arbeitgeber repräsentiert – als solche werde ich jedenfalls wahrgenommen, auch wenn ich für das Team keine direkte Führungskraft darstelle. Das signalisiert: Der Arbeitgeber unterstützt es, wenn die Mitarbeiter die eigene Unsicherheit und Angst durch den Ukraine-Krieg zum Arbeitsthema machen – sie können sich ruhig hinsetzen und über alles, was mit dem Krieg in Zusammenhang steht, sprechen. Der Arbeitgeber interessiert sich dafür, wie es der Mitarbeiterin, dem Mitarbeiter als Mensch geht.

Gibt es Patienten, auf die wir achten müssen?

Wir haben jedoch darüber hinaus noch überlegt, wie wir auf die Patientinnen und Patienten beim Thema Ukraine-Krieg zugehen können. Wer benötigt etwa besondere Unterstützung und Ansprache, weil er mit einer eigenen früheren Kriegserfahrung belastet ist? Oder: Gibt es Patienten, auf die wir achten müssen, weil sie ihre eigenen Gefühle nicht gut wahrnehmen können und dabei Ansprache und Anleitung benötigen?    

In einem Team mit einer sehr jungen Stationsleitung bin ich täglich, weil sich das auch die sehr junge Stationsleitung dort wünscht. In dem Team gibt es auch eine Pflegekraft aus der Ukraine, die am ersten Kriegstag nicht arbeiten konnte. Danach, so sagte sie mir, sei die Arbeit aber hilfreich gewesen, weil sie sie vorübergehend abgelenkt hat. Ich spreche jeden Tag kurz mit ihr. Es tue ihr sehr gut, meint sie, dass sie Solidarität erlebe, und der Krieg auch an ihrem Arbeitsplatz Thema sein darf.

Protokoll: Kirsten Gaede

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Foto: privat
Birgit Hahn 

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