Pflegedienst

Freiberufler mischen die ambulante Pflege auf

Freiberuflichkeit ist ideal für Pflegekräfte wie Klienten und aktiviert die Stille Reserve, meint Thomas Müller. Mit Curassist hilft er Pflegekräften bei bürokratischen Hürden mit den Kassen.

Inhaltsverzeichnis

Das Potenzial ist gewaltig. Es schwankt ja nach Art der Berechnung. Aber es ist gewaltig, da ist sich Thomas Müller sicher. Mittlerweile hätten schon so viele Pflegekräfte ihrem Job den Rücken gekehrt, ohne in Rente zu gehen. „Wir können eigentlich nicht von einem Pflegenotstand sprechen“, sagt der Gründer und Geschäftsführer von Curassist (zu seinen Kunden zählen auch Anke und Sabrina Femmer oben auf dem Foto oben).

Müller: Stille Reserve beträgt mehrere 100.000 Pflegekräfte

Mehrere Hunderttausend Pflegekräfte müssten in Deutschland demnach verfügbar sein – ausgebildet, einsatzbereit – wenn nur die Rahmenbedingungen stimmen würden. Für Müller ist die Lösung klar: Freiberuflichkeit. „Wenn die Krankenkassen sich nicht so gegen Einzelpflegekräfte wehren würden, könnten wir auf einen Schlag 3.000 bis 5.000 Freiberufler für die ambulante Pflege auf den Markt bringen.“

Mit seinem Koblenzer Start-up zertifiziert der 44-Jährige deutschlandweit Pflegekräfte und ihre Qualifikation und unterstützt sie auf dem Weg in die Selbstständigkeit. Er nimmt ihnen Verwaltungsarbeit ab und ermöglicht die digitalisierte Pflegedokumentation. Gleichzeitig bringt er die Pfleger online mit potenziellen Patienten und deren Angehörigen zusammen.

Curassist verlangt regelmäßige Fortbildung

Dabei tritt Curassist nicht als Vermittler auf, sondern sieht sich als Vernetzer und Qualitätssiegel. Das Prädikat „Curassist geprüfte Pflegekraft“ erhalte nur, wer alle gesetzlich geforderten Nachweise über seine Qualifikation und regelmäßige Fortbildungen erbracht habe. „Alles wird fachlich, rechtlich und mit Blick auf die notwendigen Versicherungen geprüft“, betont Müller, der selbst Altenpfleger ist und vorher im IT-Bereich gearbeitet hat.

Eine Art KV für Pflegekräfte

Freiberuflichkeit in der Pflege ist bislang kaum verbreitet. Nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes von 2015 liegt der Anteil selbstständiger Pflegekräfte bei unter 1,2 Prozent. Thomas Müller will das ändern. Sein Anfang 2015 gegründetes Start-up hilft nicht nur bei der aufwendigen Zulassung als Einzelpflegekraft: Es schreibt auch Rechnungen und Leistungsnachweise und rechnet für die Pflegekräfte direkt mit den Pflegekassen ab – ähnlich wie dies die Kassenärztlichen Vereinigungen für die niedergelassenen Ärzte tun. „Auf diesem Weg verdienen sie tatsächlich 100 Prozent des gesetzlichen Pflegesatzes“, verspricht der Firmenchef, „das Geld kommt direkt von der Pflegekasse, ohne dass jemand mitverdient.“

Curassist-Mitglieder können ihre Arbeitszeiten selbst wählen

Gut 300 Pflegekräfte sind mittlerweile Mitglied bei Curassist, sagt Müller. Die meisten hätten sich über die Rahmenbedingungen geärgert, unter denen sie als Angestellte gearbeitet haben. Darüber, dass Zeit für individuelle Pflege fehlte, die Arbeit kaum wertgeschätzt wurde und zudem die Bezahlung gering ausfiel. Andere wollten oder konnten nicht mehr im Schichtdienst oder in Spät- und Nachtdiensten arbeiten – zum Beispiel weil sie ihre Kinder betreuen oder einen Angehörigen pflegen.

Müllers wichtigste Argumente: Freiberufliche Pflegekräfte können die Rahmenbedingungen für ihre Tätigkeit selbst schaffen. „Sie entscheiden über ihre Arbeitszeiten, ihren Einsatzort, ihren Einsatzplan und darüber, wie viele Patienten sie versorgen.“ Wann und wie lange jeweils gepflegt wird, sprechen sie selbst mit ihren Patienten und den Angehörigen ab.

Arbeitszufriedenheit bei Freiberuflern hoch

Davon profitieren beide Seiten, ist der Gründer überzeugt. Die Pfleger genießen die Flexibilität, Patienten und Angehörigen gefällt, dass sie eine einzige feste Bezugsperson haben. Während Pflegedienste durch die Organisation im Schichtdienst häufig andere Mitarbeiter schicken müssen, kommen die Freiberufler immer selbst und haben zudem mehr Zeit. So steige die Qualität, unter anderem auch weil es keine Übergabe-Verluste mehr gebe, betont Müller: „Viele Pfleger sind fast so etwas wie ein Familienmitglied.“

Ein Curassist-Mitglied erzählt

Sabrina Femmer hat sich 2017 direkt nach ihrer Ausbildung zur Altenpflegerin für die Selbstständigkeit entschieden und dabei auf Curassist gesetzt. Das Stellenangebot des Heims, in dem sie lernte, hat sie abgelehnt: „Ich wollte gerne ganz nach meinen eigenen Vorstellungen pflegen“, sagt die 23-Jährige.

Mutter und Tochter als Team

Mit ihrer Mutter Anke führt sie in der nordrhein-westfälischen Gemeinde Steinhagen bei Gütersloh jetzt den Seniorenzirkel Anke und Sabrina Femmer. Dort betreuen sie auch 98-jährigen Wilhelm Mährle (Foto oben – mit Mutter und Tochter Femmer). Dabei profitiert sie von den Erfahrungen der Älteren, die seit fast zehn Jahren selbstständig in der Altenbetreuung tätig ist. Die 51-Jährige hat ihre Schwiegereltern gepflegt, anschließend einen Betreuungskurs gemacht und bietet seitdem Betreuungs- und Entlastungsleistungen an. Mittlerweile beschäftigt sie dafür auch drei 450-Euro-Kräfte.

Maximal zwei Mitarbeiter für einen Klienten

Seit dem Einstieg der Tochter gehören zusätzlich Grund- und Behandlungspflege zum Angebot. Derzeit betreuen die Femmers mit ihrem kleinen Team 21 Kunden, und „wahnsinnig viel mehr sollen es auch nicht werden“, sagt Anke Femmer, denn dann wären wechselnde Pfleger nicht mehr zu vermeiden. „Doch alte Leute können sich nur schwer umstellen“, betont Femmer. Momentan kümmern sich maximal zwei Mitarbeiter um einen Kunden, so dass auch für Urlaubs- und Krankheitsvertretungen gesorgt ist.

„Wir haben mehr Zeit für die Klienten“

Das gute Feedback gibt Mutter und Tochter Recht. Fast alle Kunden hätten Erfahrung mit Pflegediensten und wüssten den Unterschied in der Betreuung zu schätzen – „vor allem, dass wir mehr Zeit haben, weil wir weniger Kunden betreuen und nicht nach Leistung berechnen“, erklärt Sabrina Femmer. Sie verdiene jetzt etwas mehr als ihr im Pflegeheim angeboten wurde, sei „dafür allerdings auch von morgens bis abends unterwegs – doch Geld ist eben nicht alles“.

Bis zu 5.000 Euro im Monat

Bereits mit zwei bis drei Patienten lasse sich ein „sehr gutes Gehalt“ erzielen, sagt Curassist-Chef Müller. Die große Mehrheit der Curassist-Mitglieder pflege drei bis fünf Patienten und verdiene zwischen 4.000 und 5.000 Euro. Dafür fehlen den Freiberuflern Vorteile wie der Urlaubsanspruch und die Lohnfortzahlung bei Krankheit. Auch müssen sie sich selbst kranken- und rentenversichern. Zudem muss eine Vertretung für Ausfallzeiten organisiert werden, Versicherungsfragen sind zu klären, und die Bürokratie ist zu bewältigen. „Ein eigener Charakter ist ohne Frage nötig und Ehrgeiz. Aber Freiberufler müssen keine Kaufleute sein“, betont Müller.

Klienten aus der Nachbarschaft

Sabrina Femmer in Steinhagen gibt die Unterstützung aus Koblenz gerade in der Startphase Sicherheit. „In Fragen der Abrechnung kenne ich mich noch nicht so aus, doch gerade dabei ist es wichtig, dass wir rechtlich alles richtig machen“, sagt die 23-Jährige. Wie die Femmers arbeitet der Großteil der Freiberufler im eigenen Wohnort oder in der nahen Umgebung. Ohnehin laufe es für sie im ländlichen Bereich noch besser, sagt Thomas Müller. Sie profitierten von nachbarschaftlichen Strukturen und weniger Konkurrenz – „in vielen Gebieten kann ein Pflegedienst gar nicht wirtschaftlich arbeiten“.

Irre Bürokratie für Einzelpflegekräfte

Mittlerweile weise selbst die Gemeindeverwaltung auf das Angebot der Femmers hin. „Immer wieder müssen wir sogar Patienten ablehnen, weil wir nicht größer werden wollen.“ Auch deshalb will Curassist-Gründer Müller mehr Pflegekräften den Weg in die Selbstständigkeit erleichtern. Bislang sei allein für die Zulassung als Einzelpflegekraft ein beachtlicher Aufwand nötig. Und auch danach müsse, anders als bei Pflegediensten, für jeden neuen Patienten ein individueller Antrag auf einen Versorgungsvertrag gestellt werden – immer wieder samt Nachweis der Qualifikation.

„Bei einer durchschnittlichen Pflegekraft, die vier bis fünf Patienten versorgt, umfasst die komplette Korrespondenz 600 bis 1000 Seiten“, sagt Müller. „Bis ein Antrag genehmigt ist, vergehen für jeden einzelnen Pflegefall im Durchschnitt zwei Monate.“ Ohne Hilfe schrecke das viele Pfleger ab oder lasse sie irgendwann genervt aufgeben. Zudem sei die Möglichkeit, freiberuflich als Einzelpfleger zu arbeiten, unter den Pflegkräften noch „nahezu unbekannt“, sagt Müller.

So viel kostet der Service von Curassist

Seinen Mitgliedern berechnet Curassist je nach gewähltem Leistungspaket monatlich 9,90 Euro, 49,90 Euro oder 219 Euro für die Premium-Variante. Letztere umfasst auch die Rechnungserstellung und Verwaltung für bis zu fünf Patienten, für die in den beiden anderen Paketen zusätzliche Kosten entstehen. Dokumente zur Patientenverwaltung können ausgedruckt oder digital geführt werden, auch die Spracheingabe über das Smartphone ist möglich.

Coaching für Einsteiger

Zudem bieten die Koblenzer eine Rechtsberatung und ein Coaching für den Start in die Freiberuflichkeit an und bleiben dauerhaft ein Ansprechpartner: „In unserem Büro ist immer eine Krankenschwester oder eine PDL erreichbar“, versichert Müller.

Müller auch mit Gesundheitsministerium im Gespräch

Um für seine Dienstleistung zu werben, ist er viel unterwegs. Müller verhandelt nicht nur mit Krankenkassen, sondern auch mit dem Gesundheitsministerium in Berlin und mit Vertretern von Landkreisen, um sie als Förderer freiberuflicher Pfleger zu gewinnen. Der 44-Jährige, der gerade wieder Vater geworden ist, will die Pflege verändern und es Pflegekräften ermöglichen, eigene Ideen zu entwickeln und zu verwirklichen.

Ideen gegen die Einsamkeit

Eine alternative Demenzbetreuung zum Beispiel, bei der die Patienten im Wohnzimmer der Pflegekraft betreut werden. Oder ein Modell, bei dem sie mit zwei Klienten in die Wohnung eines dritten fährt, wo gemeinsam gekocht und gespielt wird. „Und am nächsten Tag trifft man sich dann in der Wohnung eines der anderen Patienten“, beschreibt Müller. Solche Ideen hat er noch viele.

Autor: Jens Kohrs

Foto: Femmer

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