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David-Ruben Theis vor den Waldkliniken Eisenberg 

Mitarbeiterzufriedenheit

Filmreif: ein kommunales Krankenhaus mit 4 Sternen 

Wie hat der Chef der Waldkliniken Eisenberg (Thüringen), David-Ruben Thies, das nur geschafft? Das verrät er, der früher Krankenpfleger war, im Dokumentarfilm „4 Sterne Plus“ (ab 14. April im Kino) – und vorab auf pflegen-online 

pflegen-online: Herr Thies, es klingt ja geradezu unglaublich: Ihre Klinik, eine Fachklinik für Orthopädie,  bekommt vom DEHOGA Sterne verliehen. Wie schafft man das? Gab es das überhaupt schon einmal in dieser Form?

David-Ruben Thies: Tatsächlich sind wir das erste Krankenhaus in Europa, das vier beziehungsweise fünf Hotelsterne verliehen bekommen hat. Wie wir das geschafft haben, ist eine lange Geschichte, die vor etwa zehn Jahren begann. Als wir damals vor der Frage standen, wie wir den Neubau unseres Hauses gestalten wollen, hatten wir schnell die Einsicht: Wir wollen alles anders machen als andere Krankenhäuser in Deutschland – wir wollen zeigen, dass Krankenhaus in Deutschland auch etwas anderes sein kann als ein praktisch-quadratischer Funktionsbau. Wir wollten dabei vor allem die Aufenthaltsqualität für unsere Patienten steigern und das Krankenhaus in ein gesundes Haus verwandeln. Und so entwickelten wir unter anderem die Idee eines „Patienten-Hotels“. Unsere Haltung ist die, dass unsere Patienten Gäste sind – und so empfängt sie unser Neubau. Und so gehen wir auch als Mitarbeitende der Waldkliniken Eisenberg mit unseren Patienten = Gästen um. 

Wo sehen Sie den Hauptgrund für das „Wunder von Thüringen“?

In einer starken Vision und in einem starken Team. Von Anfang an waren in unseren Prozess des „Neu-Denkens“ und „Neu-Bauens“ unsere Mitarbeitenden einbezogen. Gleich zum Start machten wir eine Großgruppenveranstaltung, bei der unsere Mitarbeitenden rund 1.200 Anmerkungen und Ideen zu den ersten Plänen des Neubaus hatten. Wir haben jede dieser Anmerkungen ernst genommen und weiterverfolgt und viele neue Ideen der Mitarbeitenden umgesetzt.

Ein weiteres Beispiel: Wir haben in unserem Krankenhausgarten ein 1:1-Modell von zwei Krankenhauszimmern und dem Krankenhausflur gebaut. Das war nicht günstig – hat uns aber Millionen gespart. Und die Mitarbeiter haben in diesem Modell jede Faser geprüft und weiterentwickelt. Vom Lichtschalter über die Tapete und den Boden bis zur Außenfassade. So waren die Mitarbeiter stets Beteiligte am Neubau und haben dann im Oktober 2020 ein fertiges Haus betreten, das sie selbst mitgedacht und mit entwickelt hatten.

Was machen andere Kliniken denn falsch, die tief in den roten Zahlen stecken und nicht so erfolgreich sind wie Sie?

Grundsätzlich sollten wir sehen, dass in unserem deutschen Gesundheitssystem Milliarden von Euro unterwegs sind. Das Geld ist also da. Trotzdem haben wir beim Thema Gesundheit einen sehr schlechten Output im weltweiten Vergleich. Von den Unsummen, die wir als Beitragszahler in das System geben, fließt leider zu viel in unsinnige Strukturen: Beispielsweise haben wir derzeit 103 Krankenkassen in Deutschland. Dänemark hat nur eine einzige. Oder die doppelte Facharztstruktur… da wird Geld verbrannt.

Bevor wir also über defizitäre Krankenhäuser sprechen, sollten wir über ein krankes Gesundheitssystem sprechen. Hier brauchen wir den vollständigen Systemwechsel: Wenn man allein das dänische oder holländische Gesundheitssystem auf Deutschland übertragen würde, würden Misswirtschaft und rote Zahlen sofort verschwinden. Und wenn man dieses System dann noch mit deutscher Gründlichkeit und unseren Geldern und unserem tollen Personal optimiert, hätten wir endlich ein System, das tatsächlich gesund ist und gesund macht.

Funktioniert Ihre Vision vielleicht nur für eine orthopädische Klinik, in der ausschließlich planbare OP stattfinden, und nicht für eine Universitätsklinik oder ein anderes allgemeines Krankenhaus, wo auch viele Notfallpatienten versorgt werden müssen?

Ich möchte die Frage anders herum stellen: Was glauben Sie, wie viele Leute uns vor zehn Jahren gesagt haben: Das klappt nie! Fast alle haben uns das gesagt. Wir haben gezeigt, dass „es“ geht! Es geht, den Menschen wieder in den Mittelpunkt der Medizin zu stellen und bei aller Wirtschaftlichkeit „patienten-zentriert“ ein Krankenhaus aufzubauen und zu betreiben. Es geht, die Pflege neu zu organisieren und den Mitarbeitenden wieder den Sinn an ihrer Arbeit zurückzugeben. Es geht, über Berufsgruppen hinweg – Ärzte, Pflegekräfte, Verwaltung, Küche und Reinigungskräfte – viele Interessen in die Planung eines neuen Krankenhauses einzubeziehen und eine gemeinsame Vision eines gesunden Hauses zu verwirklichen.

Es geht also, ein Krankenhaus gesund zu machen. Und wenn das bei einem kommunalen Kreiskrankenhaus in der Provinz geht: Warum sollte das dann nicht auch bei anderen Häusern gehen? Oder bei unserem Gesundheitswesen? Wir müssen nur sagen: Wir tun das jetzt! Und zwar von Grund auf…

Wie schätzen Sie den Effekt Ihres Kinofilms ein: Werden die Menschen wirklich in die Kinos strömen, um sich dort einen Abend lang mit dem Gesundheitswesen zu befassen? Krankheit ist doch kein Thema für einen entspannten Kinoabend, oder?

Unsere Zielgruppe wäre groß: Jeder, der schon mal im Krankenhaus war – als Patient, als Angehöriger, als Mitarbeiter – müsste sich angesprochen fühlen. Das deutsche Gesundheitswesen hat rund vier Millionen Mitarbeiter. Wenn davon nur ein Viertel käme, wäre „4 Sterne Plus“ ein Blockbuster (lacht). Nein, im Ernst: Dokumentarfilme fristen in Deutschland ein Nischendasein. Sie laufen, genau wie „4 Sterne Plus“, im Programmkino mit entsprechendem Publikumserfolg.

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Die Filmemacher und der Verleih sind aber bisher mit der Premierentour durch 16 deutsche Städte sehr zufrieden und für den deutschlandweiten Kinostart am 14. April recht zuversichtlich. Und das Medienecho ist groß. Bei der Hälfte der Premierenveranstaltungen waren die Gesundheitsministerinnen und -minister der jeweiligen Länder dabei und mit auf der Bühne, um zu diskutieren. Ich bin mir sicher: Der Film wird einen Beitrag leisten, neu zu denken und neue Wege zu gehen. Und darauf kommt es an.

Sie sind selbst gelernter Krankenpfleger. Was läuft in der Pflege-Branche konkret schief? Welche Defizite ließen sich am ehesten beheben?

Ich habe Anfang der 1990er Jahre in der Pflege gelernt und gearbeitet. Und die damaligen Probleme sind auch die heutigen: Bezahlung, Wertschätzung, Mangel. Warum das in 30 Jahren nicht behoben wurde? Weil sich die Pflege in einer Vielzahl von Gremien mit einer Vielzahl von Forderungen komplett verzettelt hat. Wäre ich heute Gesundheitsminister, wüsste ich erst einmal auch nicht, was die Pflege eigentlich im Kern von mir verbessert haben möchte – es liegen einfach zu viele Forderungen von unterschiedlichen Organisationen auf dem Verhandlungstisch. Ich wünschte, die Pflege würde sich heute trauen, gemeinsam, solidarisch, stark und vielleicht auch konfrontativ für Veränderung eine oder zwei ganz konkrete Maximal-Forderungen einzustehen. Wenn das gelänge, dann würde aus meiner Einschätzung auch die Politik sofort mitziehen.

 Autorin: Birgitta vom Lehn

Über David-Ruben Thies

Der Chef der Waldkliniken Eisenberg GmbH ist außerdem Geschäftsführer der Meine Polikliniken GmbH. Als Krankenpfleger in München begann seine Karriere im Gesundheitswesen. Nach seinem Diplom zum Krankenhausbetriebswirt wurde er nach weiteren Positionen in München und Suhl 2008 CEO der Waldkliniken Eisenberg.

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David-Ruben Thies 
Foto: René Loeffler
David-Ruben Thies 

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