Fieber ist eine normale Reaktion des Körpers, trotzdem macht es vielen Menschen – vor allem Eltern – Angst. 
Foto: jens schuenemann - jps-berlin.de
Fieber ist eine normale Reaktion des Körpers, trotzdem macht es vielen Menschen – vor allem Eltern – Angst. 

Leitlinie

Fiebermedikament schon bei 38,5 Grad Celsius?

Im vergangenen Winter waren Fiebermedikamente wie Ibuprofen knapp. Und auch in diesem Jahr werden Engpässe befürchtet. Nicht nur vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage: Wann sollte Fieber gesenkt werden?

Winterzeit ist auch Grippe- und Erkältungszeit – oft begleitet von Fieber mit Kopf- und Gliederschmerzen sowie Erschöpfung. Man fühlt sich wie gerädert und bekommt – außer im Bett zu liegen – eigentlich nichts auf die Reihe. Da verwundert es nicht, dass viele schnell zum Medikament greifen oder versuchen, das Fieber auf anderem Wege zu senken. Doch ist das zu empfehlen?

Von Fieber spricht man, wenn die Körperkerntemperatur über 38 Grad Celsius steigt und von hohem Fieber, wenn die Temperatur zwischen 39 und 41 Grad Celsius liegt (rektal gemessen). Die meisten Menschen und selbst Pflegekräfte und Ärzte nehmen Fieber als hilfreich wahr – aber auch als bedrohlich. Denn wir wissen, dass Fieber die Immunabwehr steigert und beispielsweise auf Viren hemmend wirken kann. Wir wissen aber auch, dass der Energieverbrauch deutlich steigt und es bei sehr hohem Fieber zu Krämpfen, Organschäden oder schlimmstenfalls sogar zum Tod durch Hitzschlag kommen kann. Die Frage – Wann ist Fiebersenken sinnvoll? – ist daher medizinisch mehr als berechtigt.

Weniger schwere Komplikationen durch Fieber senken?

Eine große aktuelle Metaanalyse ist dieser Frage bei fiebernden erwachsenen Patienten nachgegangen. Hier wurde geschaut, wie sich eine Fiebertherapie im Vergleich zu einer Therapie ohne Fiebersenkung auswirkt. Untersucht wurden fiebersenkende Maßnahmen

Jobportal pflegen-online.de empfiehlt:

  1. mit Medikamenten
  2. mit physikalischer Kühlung (etwa Wadenwickel) oder
  3. mit beidem.

Fiebertherapie eignet sich offenbar nicht als Prophylaxe  

Mehr als 5.000 fiebernde Menschen wurden in die Metaanalyse einbezogen, von denen 3.007 kritisch und 1.892 nicht kritisch erkrankt waren. Die Hypothese, dass Fieber senken das Risiko von schweren Komplikationen reduzieren kann, konnte anhand der Daten verworfen werden. Das Fazit der Autoren lautet vielmehr: „Die Fiebertherapie scheint keinen Einfluss auf das Risiko von Tod und schwerwiegenden unerwünschten Ereignissen zu haben.“

Metaanalyse: Keine Wadenwickel, Antipyretika nur in Ausnahmen

Das Netzwerk Evidenzbasierte Medizin (EBM) hält aufgrund dieser Metaanalyse fest: „Die Datenlage rechtfertigt es, auf eine physikalische Fiebersenkung regelhaft zu verzichten und die antipyretische Medikation je nach Allgemeinzustand der fiebernden Person erst bei höherer Körpertemperatur und Erkrankungsschwere einzusetzen.“ Kurz bedeutet das für Fieber um 38 oder 38,5 Grad Celsius, wie es in der Metaanalyse bei den meisten Teilnehmern lag:

  • Keine Wadenwickel und kühlenden Körperwaschungen mehr
  • fiebersenkende Medikamente nur, wenn wirklich notwendig

Schneller gesund durch Fieber senken? Stimmt nicht! 

Aus der Praxis ist bekannt, dass fiebersenkende Maßnahmen oft auch schon bei geringem Fieber regelhaft in Kliniken eingesetzt werden. Bislang scheinen dabei laut dem Netzwerk EBM klare evidenz-basierte Behandlungskonzepte zu fehlen. Grundsätzlich sei Fieber eine sinnvolle Reaktion des Körpers bei Infektionen. „Fiebersenken macht nicht gesund und auch nicht schneller gesund. Auch hohes Fieber stellt in aller Regel keine Gefahr dar. Wichtiger als die Höhe des Fiebers ist, wie es der Person mit Fieber geht“, heißt es seitens des Netzwerks. Hinweise auf eine zugrundeliegende schwere Erkrankung dürfen keinesfalls übersehen werden.

Das Netzwerk EBM empfiehlt aber grundsätzlich eine Studie, in der erst bei sehr hohem Fieber oder bei klinischen Warnsignalen mit der Fiebersenkung begonnen wird.

Hilfe, mein Kind hat 39 Grad Fieber! Grund zur Sorge? 

Fieber bei Kindern ist oft von besonderen Sorgen begleitet und ein häufiger Grund, warum Eltern die Notaufnahme aufsuchen. Ab welcher Temperatur das kindliche Fieber gesenkt werden sollte, ist durch Studien nicht abgesichert. Allerdings gibt es weltweit rund 70 Leitlinien zur symptomatischen Behandlung von kindlichem Fieber, bei der es laut dem Netzwerk EBM „erschreckend viel widersprüchliche Empfehlungen“ gibt.

Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) empfiehlt keine absolute Grenze, ab der eine Fiebersenkung notwendig ist. Im Regelfall sollte aber kindliches Fieber über 40 Grad Celsius gesenkt werden. Wenn das Kind offensichtlich leide, könne eine Fiebersenkung auch bei niedrigen Temperaturen indiziert sein. In den meisten Fällen können Temperaturen von 38,5 oder sogar über 39 Grad Celsius akzeptiert werden, wenn das Kind munter und in gutem Allgemeinzustand ist. Wichtig ist dabei vor allem, dass das Kind ausreichen Flüssigkeit trinkt und dass es vor Überhitzung, aber auch übermäßiger Auskühlung geschützt wird.

Bitte keine Acetylsalicylsäure (Aspirin) für Kinder

Die DGKJ empfiehlt zur Fiebersenkung bei Kindern Paracetamol oder Ibuprofen – allerdings nicht in Kombination oder abwechselnd. Acetylsalicylsäure, vielen unter dem Produktnamen Aspirin geläufig, sollten fiebernde Kinder grundsätzlich nicht erhalten. Die früher geltende Empfehlung, bei Kindern, die zu sogenannten „Fieberkrämpfen“ neigen, schon sehr frühzeitig das Fieber medikamentös zu senken, gilt nicht mehr. Heute ist belegt, dass die frühe Fiebersenkung nicht verhindert, dass Fieberkrämpfe entstehen.

Wichtig: Patienten und Eltern gut beraten

Zurückhaltend sein mit fiebersenkenden Maßnahmen und gleichzeitig wachsam bleiben für Komplikationen– das ist das Fazit aus der gegenwärtigen Literatur. Häufig wird Fieber zu früh gesenkt, bei Kindern wie Erwachsenen.

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Das Wichtigste bei Fieber: gute Krankenbeobachtung

Allerdings sollte Fieber nicht bagatellisiert werden. Es kann immer auch ein Hinweis auf eine bedrohliche Infektionskrankheit sein – etwa eine Sepsis oder eine kindliche Meningitis. Gerade bei Kindern ist daher laut der DGKJ auf Warnzeichen zu achten wie:

  • Ist das Kind berührungsempfindlich?
  • Schreit es schrill?
  • Wirkt es insgesamt verändert und schwer krank?

Bei einem dieser Warnzeichen sollten Eltern direkt die Kinderarztpraxis oder den kinderärztlichen Notdienst aufsuchen.

Die Nachteile von fiebersenkenden Medikamenten 

Wichtig für Pflegekräfte und Ärzte ist vor allem, Patienten und Eltern über die Vor- und Nachteile der Fiebersenkung aufzuklären. Fieber ist eine sinnvolle Reaktion des Körpers bei Infektionen. Wird das Fieber gesenkt, täuscht dies dem Körper zwar eine Besserung der Erkrankung vor. Es verleitet die fiebernde Person aber auch dazu, sich möglicherweise zu übernehmen und körperlich zu sehr zu belasten. Auch verschwindet das Fieber nicht endgültig, es wird nur vorübergehend gesenkt. Wird es zu schnell gesenkt durch eine zu hohe Dosis, kann das auch den Kreislauf belasten. Fazit: Ein Infekt braucht seine Zeit und: Fiebernde Menschen sind am besten zu Hause und im Bett aufgehoben.

Text: Brigitte Teigeler

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