Standards in der Pflege

Expertenstandards – 7 Tipps für den Pflegealltag

Bei der Lektüre von Expertenstandards stellt sich immer mal wieder die Frage: Wie lassen sich die vielen Vorgaben praktisch umsetzen? Eigentlich recht einfach, wenn man genau überlegt.

Inhaltsverzeichnis

Was bedeuten die Expertenstandards des Deutschen Netzwerks für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) für die Praxis? Wie lassen sie sich in den Alltag integrieren? Schlütersche-Autorinnen Sandra Masemann und Barbara Messer geben in ihren Büchern „Standards für wahre Experten“ und „100 Tipps zur Umsetzung der Expertenstandards“ Antworten auf diese Frage. pflegen-online hat erneut die Bücher gesichtet und einige Tipps zusammengetragen – mit Blick auf einzelne Expertenstandards (nicht dabei: Demenz und Mobilität).

Tipp 1 – Dekubitusprophylaxe: Jede Gelegenheit zur Bewegung nutzen

Nachdem Sie das individuelle Dekubitusrisiko Ihres zu Pflegenden eingeschätzt haben: Fördern Sie dessen Bewegung, arbeiten Sie auch mit Maßnahmen der Kinästhetik und der basalen Stimulation. „Der Alltag ist voller Möglichkeiten, um die Bewegung zu fördern“, schreiben die Pflegeexpertinnen. „Pflegekräfte können dies schon tun, wenn sie einem Klienten das Trinken im Bett anreichen, dort wird schon aktiv bewegt.“ Auch sollte der Druck reduziert werden, zunächst durch Positionswechsel oder, wenn das nicht reicht, durch spezielle Matratzen. Extra-Hinweis: Prüfen sie immer wieder die Indikation für die ausgewählte Matratze, da sich die Situation der Klienten immer wieder ändert.

Tipp 2 – Entlassungsmanagement: Netzwerken mit Kliniken

Gerade im Entlassungsmanagement ist es wichtig, als Pflegeeinrichtung oder ambulanter Dienst sein Leistungsspektrum darzulegen: Was kann das Haus bieten, was unter Umständen nicht? Bauen Sie Kooperationen mit Krankenhäusern auf, stimmen Sie Überleitungsbögen ab; überlegen Sie, ob Sie in gemeinsamen Gremien arbeiten können. Machen Sie Ihre Einrichtung bekannt, besuchen Sie den Tag der offenen Tür der nächstgelegenen Krankenhäuser oder laden Sie deren Ansprechpartner in Ihre Einrichtung ein. Können Sie künftige Bewohner oder Pflegeklienten im Krankenhaus besuchen? Dann nutzen Sie diese Möglichkeit! Sandra Masemann und Barbara Messer haben die Erfahrung gemacht: „Die Zeit, die Sie anfangs in die Kontaktaufnahme zum neuen Klienten investieren – inklusive der Erhebung erster Daten zur Informationssammlung –, zahlt sich hinterher tausendfach aus.“

Schließlich: Lernen Sie Assessmentinstrumente kennen, machen Sie sich mit dem Barthel-Index und Fachbegriffen wie FIM, NNAI oder RAI vertraut; verwenden Sie einheitliche Formulare und geben Sie wichtige Informationen weiter.

Tipp 3 – Schmerzmanagement: Einheitlich definieren, mehr Kriterien hinzuziehen

Das Schmerzmanagement war in Deutschland lange Zeit mangelhaft, sagen die zwei Autorinnen: Zuviel Irrglauben herrschte im Pflegesektor, und zu viele falsche Grundannahmen wurden kolportiert. Umso wichtiger sei heute, den Begriff des Schmerzes einheitlich für die Einrichtung zu definieren und die Schmerzen nach den gängigen Instrumenten und Skalen (NRS, VRS, VAS und SAS, zudem die BESD-Skala oder BISAD) einordnen zu können. Doch die Pflegetrainerinnen gehen noch weiter und empfehlen, zusätzliche Kriterien zu erfassen. Dazu zählen sie die Lokalisation und Intensität der Schmerzen sowie die zeitliche Dimension und die Auswirkungen auf das Alltagsleben des Pflegebedürftigen.

Tipp 4 – Sturzprophylaxe: Beraten Sie Klienten aktiv

Die Zahl der Stürze kann durch die Umsetzung des Expertenstandards reduziert werden, darin sind sich die Autorinnen einig. Neben der Erfassung aller Risikofaktoren – solcher, die mit dem Pflegebedürftigen direkt zusammenhängen wie Erkrankungen und Sehbeeinträchtigungen wie jener, die von Hilfsmitteln, Schuhen, Kleidung oder der Umgebung ausgehen – ist es wichtig, ins Gespräch mit dem Bewohner oder Patienten zu gehen: Beraten Sie ihn, wie er selbst sein Sturzrisiko verringern kann, stellen Sie ihm Möglichkeiten und Interventionen wahrheitsgemäß vor, erläutern Sie die Vorteile, klammern aber auch die Nachteile nicht aus.

Die Losung muss lauten: Beraten Sie aktiv. Masemann: „Die Beratung des Klienten ist dann besonders erfolgreich, wenn der Betroffene das Sturzrisiko nicht als Einschränkung seiner Unabhängigkeit wahrnimmt, sondern aktiv in die Entscheidungsprozesse eingebunden wird.“ Übrigens: Freiheitsentziehende Maßnahmen gehören für die zwei Expertinnen nicht zu den akzeptablen Lösungen. Dabei beziehen sie sich auch auf das DNQP, das betont, dass Personen, die fixiert werden, sogar ein etwa doppelt so hohes Risiko haben zu stürzen.

Tipp 5 – Harninkontinenz: Kontinenzprofil schreiben, sensibel informieren

Die wenigsten Pflegebedürftigen werden plötzlich inkontinent; bei den meisten geht der Prozess schrittweise vonstatten – was zudem oft ganz nebenbei geschehe, gar als normal betrachtet werde. „Der Expertenstandard macht damit Schluss“, so die Autorinnen. Da sich die Auswahl der Maßnahmen (etwa Gewichtsreduktion, Beckenboden- oder Toilettentraining oder auch ableitende Hilfsmittel) stark nach dem Klienten richtet, ist eine ordentliche Bestandsaufnahme Pflicht: Zunächst: Wie groß ist das Risiko einer Harninkontinenz? Welche Symptome liegen vor? Die Kriterien gehen laut Standard sehr in die Tiefe, beziehen Fragen nach Leidensdruck oder Bereitschaft zur Therapie mit ein. Der Tipp der Autorinnen daher: ein Kontinenzprofil erstellen und anschließend den Klienten sehr sensibel beraten. „Nutzen Sie dabei Schaubilder, anatomische Modelle und Hilfsmittel.“ Und geben Sie dem Klienten etwas Zeit, lassen Sie ihm etwa Broschüren und Materialien zu dem Thema da, damit er sich in Ruhe nochmal dem Thema widmen, es sacken lassen kann. Und prüfen Sie bei der Gelegenheit mal Ihre Einrichtung: Sind eigentlich Ihre Toiletten ausreichend ausgeschildert?

Tipp 6 – Chronische Wunden: Am besten einen Experten dazuholen!

Auch hier fasst der Expertenstandard nicht nur den Gegenstand selbst – die chronische Wunde – in den Blick, sondern auch das Leben des Klienten. Eine solche Wunde kann dazu führen – ob durch ihr Aussehen oder ihren Geruch –, dass Mitmenschen auf Abstand gehen. Aufgabe der Pflegekraft ist daher, verständnisvoll und einfühlsam die Einschränkungen zu erfragen, die die Wunde für den Klienten mit sich bringt. Als Assessmentinstrumente bieten sich hier die Pflegeanamnese, der Würzburger Wundscore oder der Wittener Aktivitätenkatalog der Selbstpflege bei venös bedingten offenen Beinen (WAS-VOB) an.

Tipp der Autorinnen: Stehen Sie das nicht allein durch; holen Sie sich einen Wundexperten ins Boot. Schon das Assessment könne viele Pflegekräfte überfordern. Oder, besser noch: Bilden Sie Pflegekräfte intern zu Wundexperten weiter. Dann haben Sie die Expertise immer im Haus – und manch eine weitergebildete Pflegekraft wird für das in sie gesetzte Vertrauen dankbar sein.

Tipp 7 – Ernährungsmanagement: Essenssituation in den Blick nehmen

Das Wichtigste zuerst: Beenden Sie die Mangelernährung. Hoch sei der Prozentsatz derer, die unterernährt ins Krankenhaus kommen (25 Prozent), in Altenheim liege er mit 60 Prozent sogar noch höher, berichten Masemann und Messer. Stellen Sie also fest, ob der Ihnen anvertraute Mensch gefährdet ist, indem Sie alle Risikofaktoren durchgehen, krankheits- oder altersbedingte ebenso wie psychosoziale oder umgebungsbedingte. Gibt es etwa unflexible Essenszeiten? Unruhe während der Mahlzeiten oder Unterbrechungen durch Visiten? Ist der Mensch depressiv, sozial isoliert, was sich auf das Ernährungsverhalten auswirken könnte?

Die Expertinnen raten dazu, die Prozesse des Ernährungsmanagements gewissenhaft zu koordinieren, eine Verfahrensanweisung zu erstellen, die klar festlegt, dass eine Pflegefachkraft Sorge für alle Maßnahmen trägt und dafür, dass die jeweils verantwortlichen Berufsgruppen diese auch rechtzeitig einleiten. Außerdem ermutigen die zwei Pflegeberaterinnen zu Kreativität: Denken Sie ruhig mal an neuere Essensformen, bieten Sie Fingerfood an oder führen sie, wo es passt, „eating by walking“ ein, eine Art Essen im Gehen. Dabei gleich noch für Bewegung zu sorgen, kann so verkehrt ja auch nicht sein.

Text: Romy König

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