Pflege und Praxis

Erhalten Ihre Demenzkranken zu oft und zu lange schädliche Psychopharmaka?

Demenzkranke in deutschen Pflegeheimen erhalten zu häufig und zu lange Psychopharmaka, die ihrer Gesundheit schaden können.

Laut dem Pflege-Report 2017 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) wird fast jeder zweite der rund 500.000 stationär betreuten Demenzpatienten fälschlicherweise mit Neuroleptika gegen Wahnvorstellungen versorgt. Dauerhaft nehmen 43 Prozent der demenzkranken Heimbewohner mindestens ein Neuroleptikum ein, berichtete die Klinische Pharmakologin Prof. Dr. Petra Thürmann bei der Vorstellung der Studie. Zudem erhalten 30 Prozent auch Medikamente gegen Depressionen, so die Direktorin des Philipp-Klee-Instituts für klinische Pharmakologie am Helios Universitätsklinikum Wuppertal.

Allerdings seien nur ganz wenige Neuroleptika-Wirkstoffe zur Behandlung von Wahnvorstellungen bei Demenz zugelassen - und das nur für eine kurze Therapiedauer von sechs Wochen. „Der breite und dauerhafte Neuroleptika-Einsatz bei Pflegeheimbewohnern mit Demenz verstößt gegen die Leitlinien", kritisierte die Sachverständige zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen.

Nebenwirkungen von Psychopharmaka

Die vielen unerwünschten Nebenwirkungen von Neuroleptika stünden ihrem geringen Nutzen für demenzkranke Heimbewohner gegenüber. Ein höheres Risiko für Stürze, Schlaganfälle, Thrombosen, Gangstörungen und eine eingeschränkte geistige Leistungsfähigkeit nähmen sie dafür in Kauf. – Ganz offensichtlich setzten Heime im europäischen Ausland auf sinnvolle Alternativen: In Schweden erhalten nur zwölf Prozent der Heimbewohner Neuroleptika, in Frankreich 27 Prozent und in Finnland 30 Prozent.

Die 2.500 vom WIdO befragten Pflegekräfte bestätigten das hohe Ausmaß an Psychopharmaka-Verordnungen in Heimen. Im Schnitt erhalten über die Hälfte der Pflegeheimbewohner Psychopharmaka, gaben sie an. Fast zwei Drittel der einbezogenen 850 Bewohner erhielten diese Medikamente länger als ein Jahr. Trotz der auch im internationalen Vergleich hohen Verordnungsraten halten vier von fünf der befragten Pflegekräfte dies für angemessen.

Nicht-medikamentöse Ansätze wirksam

Den Pflegefachkräften komme eine Schlüsselrolle beim Psychopharmaka-Einsatz zu, betonte Dr. Antje Schwinger, Leiterin des Forschungsbereichs Pflege im WIdO und Mitherausgeberin des Pflege-Reports. Einerseits wirkten die meisten Pflegekräfte (84 Prozent) darauf hin, dass Ärzte Psychopharmaka verordnen, mehr als ein Viertel sogar regelmäßig. Andererseits hielten die meisten Befragten nicht-medikamentöse Ansätze für wirksam.

Gut zwei Drittel der Pflegenden berichteten von Pflegekonzepten in ihren Heimen, bei denen das Verstehen und die Wertschätzung von Bewohnern mit herausforderndem Verhalten im Mittelpunkt steht. Rund die Hälfte setzt spezielle Assessmentinstrumente bei Demenzkranken ein. Fallbesprechungen, Biografiearbeit, sensorische Verfahren wie die Basale Stimulation, Beschäftigung und Bewegungsförderung nutzen sie häufig bei Betroffenen.

Ihr Zeitdruck führe dazu, teilweise zu wenig nicht-medikamentöse Methoden einsetzen zu können, berichteten über die Hälfte der befragten Pflegenden. Dazu die Mitherausgeberin des Pflegereports: „Pflegekräfte müssen noch stärker für eine leitliniengerechte Gabe von Psychopharmaka sensibilisiert werden." Nicht-medikamentöse Ansätze sollten fest im Arbeitsalltag verankert sein.

Pflegekräfte besser schulen

Pflegekräfte besser zur Wirkung von Psychopharmaka und zum Umgang mit herausforderndem Verhalten zu schulen, forderte Prof. Thürmann. Heimversorgende Apotheker könnten dazu beitragen. Ärzte müssten sensibler mit der Verordnung von Psychopharmaka umgehen und sich besser untereinander abstimmen. Die klinische Pharmakologin: „Spätestens nach zwei bis vier Wochen sollte überprüft werden, ob Psychopharmaka abgesetzt werden können." Laut internationale Studien ließen sich Psychopharmaka bei bis zu zwei Dritteln der Bewohner nach gewisser Zeit wieder absetzen.

Der Vorstandchef des AOK-Bundesverbandes sieht vor allem die behandelnden Ärzte und die Heimbetreiber in der Verantwortung für eine leitliniengerechte Medizin. Martin Litsch: „Ärzte sind verpflichtet, Neuroleptika bei demenzkranken Heimbewohnern nur dann einzusetzen, wenn es nicht anders geht und auch nur so kurz wie möglich." Pflegeheime müssten ergänzend für den verstärkten Einsatz nicht-medikamentöser Versorgungsansätze sorgen.

Neuroleptika und Antidepressiva

Durch die Studie fühlten sich Kritiker bestätigt. Durch den unangemessenen Einsatz von Psychopharmaka wie Neuroleptika und Antidepressiva würden Demenzkranke oft „einfach ruhiggestellt, weil Personal fehlt“, bemängelte Eugen Brysch, Vorstand der Stiftung Patientenschutz. Zwar lehnten die meisten Pflegekräfte Fixierungen heute ab. Doch nun übernähmen Psychopharmaka vermehrt die Aufgabe, die Patienten ruhig zu halten. Brysch: „Das ist Freiheitsberaubung.“

„Die Studie belegt die Erfahrungen aus der Praxis und die Ergebnisse älterer Untersuchungen“, reagierte Manfred Borutta, Professor für Gerontologie an der Katholischen Hochschule in Aachen. Der Experte gegenüber der „Aachener Zeitung“: „Wir wissen aus der Forschung, dass Neuroleptika gegen Demenz völlig unangemessen sind.“

Psychopharmaka bei herausforderndem Verhalten

Doch warum werden Neuroleptika zu häufig und zu lange für Demenzkranke in Heimen eingesetzt? Dafür macht Prof. Borutta „erhebliche Wissensdefizite bei den Hausärzten“ in der Diagnostik sowie die mangelnde Zusammenarbeit zwischen Pflegeheimen und Fachärzten wie Neurologen verantwortlich. Die für Demenzkranke sinnvolleren Antidementiva, die die Krankheitssymptome lindern und bremsen, würden von Ärzten oft aus Budgetgründen nicht verschrieben. Borutta: „Sie kosten doppelt bis fünfmal so viel wie die eingesetzten Psychopharmaka.“

Mehr als die Pflegekräfte sieht der Gerontologe ihre Heimleitungen in der Pflicht zu handeln. Die Pflege sei für die Mitarbeitenden oft belastend, sie würden häufig beschimpft oder gar bespuckt. Patienten würden daher auch aus Selbstschutz ruhiggestellt. Das müsse sich dringend ändern: „Ich fordere seit Jahren Rückzugsräume für Pflegekräfte.“

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