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Foto: Les Anderson/Unsplash

Studie der Pflegekammer Rheinland-Pfalz

Einspringen aus dem Frei immer noch gang und gäbe   

Wie zufrieden sind Pflegekräfte mit ihrer Arbeitssituation? Antworten auf diese Frage gibt eine große Studie der Landespflegekammer (durchgeführt vom Allensbach-Institut) unter ihren Mitgliedern

Dieser Artikel erschien zuerst im Januar 2021 und wurde am 11. Juni 2022 aktualisiert.

Keine Frage, Pflege ist ein Beruf von hohem Wert: Er schafft einen Sinn, er ist relevant, er ist erfüllend. Letzteres zumindest gaben drei Viertel der Pflegefachpersonen (75 Prozent) an, die an einer Studie der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz Ende 2019 noch vor der Corona-Krise teilgenommen hatten. Im Auftrag der Landespflegekammer hatte das Institut für Demoskopie Allensbach (IfD) rund 2.660 Pflegefachpersonen nach der Einschätzung ihrer beruflichen Situation befragt. Später, im Herbst 2021, hat es noch eine weitere ganz ähnliche Befragung gegeben, um Vergleiche ziehen und den Einfluss der Pandemie auf die Arbeitszufriedenheit zu ermitteln.   

Nur mäßige Arbeitszufriedenheit

Die Ergebnisse sind an vielen Stellen alarmierend: 78 Prozent der Befragten sagen, der Beruf mache ihnen Freude – glücklich sind die beruflich Pflegenden mit ihren Arbeitsbedingungen noch lange nicht. Im Gegenteil: Befragt nach der Zufriedenheit mit ihrer beruflichen Lage – auf einer Skala von 1 (überhaupt nicht) bis 10 (völlig zufrieden) –, wurde lediglich ein Wert von 5,3 erreicht. Der bundesweite Durchschnitt in allen Berufen liegt bei 7,0.

75 Prozent ächzen unter dem Verwaltungsaufwand

Was paradox klingt – Freude an der Tätigkeit bei zugleich niedrigem Zufriedenheitsscore –, löst sich auf bei einem Blick auf die Umstände, unter denen Pflegefachpersonen ihren Beruf ausüben: So geben 78 Prozent der Teilnehmer an, beruflich „stark“ bis „sehr stark“ belastet zu sein. Sie berichten etwa von einem hohen Zeitdruck (73 Prozent) und einem hohen Verwaltungsaufwand (72 Prozent – in der Befragung von 2021 waren es sogar 75 Prozent). Aber auch organisatorische Mängel belasteten die Hälfte der Befragten (52 Prozent).

‘Aus dem Frei einspringen müssen fast zwei Drittel sehr oft oder oft, 2019 waren es 57 Prozent der BEfragten, zwei Jahre später sogar 58 Prozent. Das Problem: Die verlässliche Planung des Freizeitlebens – ob nun Verabredungen zum Abendessen oder die regelmäßige Teilnahme an einem Fitnesskurs – wird so erschwert; Ruhepausen, dringend nötig, um wieder Kraft zu schöpfen, seine Resilienz aufzubauen für die nächsten Arbeitsstunden, werden empfindlich gestört.

[Darf man auch Nein sagen, wenn man gebeten wird, aus dem Frei einzuspringen? Was ist die beste Reaktion? Lesen Sie dazu auch unseren Artikel Schluss mit Einspringen aus dem Frei!

Bei über der Hälfte leidet das Privatleben

Um Familie und Beruf im Berufsfeld der Pflegenden vereinbaren zu können, werden bedarfsorientierte und flexible Personaleinsatzpläne benötigt. Die Vereinbarkeit von Privat- und Berufsleben ist eingeschränkt, das bestätigen 2019 mehr als die Hälfte aller Befragten (56 Prozent) und sogar zwei Drittel derjenigen, die im Schichtdienst arbeiten.

Nahezu alle in der Studie befragten Pflegefachpersonen (97 Prozent) haben, auch das wenig überraschend, Überstunden angehäuft, manche sogar in hoher Zahl: Ein Fünftel der Studienteilnehmer schob zum Zeitpunkt der Befragung 50 bis 100 Überstunden vor sich her, ein weiteres Fünftel sogar mehr als 100 Überstunden. Die durchschnittliche Zahl der Überstunden ist während der Pandemie laut Befragung allerdings gesunken – und zwar von 74 auf 65.   

Viele Teilnehmer wirken deutlich verärgert

In einem bewusst offen gelassenen Kommentarfeld, eingeleitet mit der Frage, was die Studienteilnehmer gern noch loswerden möchten, übten die Pflegefachpersonen 2019 Kritik an ihren Arbeitsumgebungen: Vor allem ihrem Ärger über die ständige Rufbereitschaft oder die durch häufiges Einspringen bedingte Arbeitszeitverdichtung machten sie Luft. Dass die Pflegefachpersonen hier in Fülle Kommentare hinterließen, sei als Zeichen zu werten, dass ihnen das Thema Belastung wirklich „unter den Nägeln brennt“.

Über 70 Prozent überlegen ihre Arbeitszeit zu reduzieren

Die Unzufriedenheit mit der eigenen Arbeitssituation hat Folgen. Schon überlegen 71 Prozent der Pflege Vollzeitbeschäftigten, ihre Arbeitszeit aufgrund der hohen Arbeitsbelastung zu reduzieren; unter jenen Pflegefachpersonen, die im stationären Pflegedienst in Kliniken arbeiten, liegt dieser Anteil sogar bei 76 Prozent. Dies hängt bei weiterer Analyse unmittelbar mit dem Schichtdienst zusammen: Vollzeitbeschäftigte, die in drei Schichten arbeiten, sagten zu 75 Prozent, sie hätten schon daran gedacht, ihre Arbeitszeit zu reduzieren; von jenen Pflegefachpersonen, die nicht im Schichtdienst arbeiten, gaben immerhin zehn Prozentpunkte weniger diese Antwort.

Pflegekammer: „Ausbluten der Pflege verhindern!“

„Zumindest manchmal“, so ein weiteres, ebenso alarmierendes Ergebnis der Studie, dächten Pflegefachpersonen daran, aufgrund der Belastungen sogar komplett aus ihrem Beruf auszusteigen; 42 Prozent der Befragten gaben dies an. Die Arbeitsbedingungen in der Pflege müssten daher „deutlich verbessert“ werden, sagt Dr. Markus Mai, Präsident der rheinland-pfälzischen Landespflegekammer, in Reaktion auf die Studienergebnisse. Er warb für neue Arbeitszeitmodelle, eine moderne Organisationskultur sowie die Neuorganisation der interprofessionellen Aufgabenteilung, „um ein Ausbluten der professionellen Pflege in Deutschland zu verhindern“.

Es scheint bitter nötig. Denn mag eine große Mehrheit vielleicht nur „manchmal“ mit einem Ausstieg aus ihrem Beruf liebäugeln, dieser Option eher als Traum nachhängen, gibt es noch die anderen: Ganze 30 Prozent denken laut Befragung tatsächlich „öfter“ daran, die Pflege zu verlassen. Sie demnächst zu verlieren, ist also mehr als wahrscheinlich – so relevant und erfüllend der Beruf sonst auch sein mag.

Was die Landespflegekammer fordert

„Die Befragung zeigt deutlich, dass die überwiegende Mehrheit der Pflegefachpersonen ihrem Beruf positiv gegenübersteht und sie pflegerische Tätigkeiten gern ausüben. Neben dem Gehalt müssen sich aber die Arbeitsbedingungen deutlich verbessern, damit Pflegende so arbeiten können, dass sie sich auf das Wesentliche in der professionellen Pflege konzentrieren können“, sagt der Präsident der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz Dr. Markus Mai. Die Landespflegekammer Rheinland-Pfalz fordert unter anderem:

eine Personalausstattung, die den pflegewissenschaftlichen Standards entspricht neue Arbeitszeitmodelle, die die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erleichtern eine moderne Organisationskultur, damit Überstunden und ständiges Einspringen aus dem Frei ein Ende haben die Neuorganisation der interprofessionellen Aufgabenteilung ein Mindesteinstiegsgehalt von 4.000 Euro für alle Pflegefachpersonen (sprich, für alle Pflegenden mit einer dreijährigen Ausbildung) – dies wäre auch ein wichtiger Schritt, um die Ungleichheit zwischen Kranken- und Altenpflege aufzubrechen

Ranking: Was Pflegekräfte am meisten stört

Antworten (2019) auf die Frage: „Was belastet Sie in Ihrer Arbeit besonders?“

Platz 1: „Zeitdruck, dass ich nicht genügend Zeit für die Patienten bzw. Klienten habe“ (73 Prozent)

Platz 2: „Hoher Verwaltungsaufwand, viel Bürokratie“ (72 Prozent)

Platz 3: „Organisatorische Mängel“ (52 Prozent)

Platz 4: „Mangelnde Wertschätzung durch Vorgesetzte“ (49 Prozent)

Platz 5: Schlechte Bezahlung (48 Prozent)

Platz 6: „Körperliche Belastung zum Beispiel durch Tragen und Heben“ (45 Prozent)

Platz 7: Aggressive Patienten bzw. Klienten oder Angehörige (34 Prozent)

Platz 8: Mangelnde Wertschätzung durch Patienten, Klienten oder Angehörige (33 Prozent)

Platz 9:Dass ich den eigenen Ansprüchen an den Beruf nicht genüge (28 Prozent)

Platz 10:Fehlende oder mangelhafte technische Ausstattung (28 Prozent)

Platz 11:Die hohe Verantwortung (27 Prozent)

Platz 12:Konflikte mit Kollegen am Arbeitsplatz (22 Prozent)

Platz 13:Dass ich so viel Leid erlebe (6 Prozent)

Platz 14: Ekel (3 Prozent)

Autorin: Romy König/kig

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