Pflegefachkraft

Dos and Don'ts für Nachtwachen

Nachtdienst gefährdet die Gesundheit. Ein gesunder Lebensstil und einige leicht umzusetzende Gewohnheiten helfen gegen die Risiken. Lesen Sie, was Psychologen raten.

Inhaltsverzeichnis

Die Krankenschwester Anja Kranz hat alle Hände voll zu tun. Keine halbe Stunde konnte sie bisher in Ruhe arbeiten, weil die Patientin mit der Angina pectoris sie auf Trab hält. Mal ist ihr kalt, dann hat sie Durst, ihr ist das Kissen heruntergefallen oder der Rücken tut weh. Als Anja Kranz sich gerade an die Kurven setzen will, klingelt das Telefon. Die Notaufnahme kündigt einen neuen Patienten an. Als ihre Nachtschicht sich dem Ende zuneigt, fühlt sich Anja Kranz nur noch erschöpft.

Gefahr von Kopfschmerzen, Depressionen und Schlafstörungen

Anja Kranz ist eine fiktive Person – und doch gibt es in deutschen Krankenhäusern, ebenso wie in Altenheimen tausende von Anja Kranz‘: Sie fühlen sich morgens nach dem Nachtdienst ausgelaugt, fast zu kraftlos für den Heimweg. Kein Wunder: Das konzentrierte Arbeiten in der Nacht bedeutet Schwerstarbeit. Denn der Körper schaltet nachts eigentlich auf Ruhemodus: Puls und Blutdruck sinken, die Leistungsfähigkeit nimmt ab. Eine Störung des Tag-Nacht-Rhythmus reduziert die Ausschüttung des Hormons Melatonin, das unsere innere Uhr steuert. Es kann zu Kopfschmerzen, Depressionen und Schlafstörungen kommen. Auch Herz-Kreislauf- und Magen-Darm-Erkrankungen treten bei Schichtarbeitern häufig auf. In Pflegeberufen kommen Personalknappheit, Zeitdruck sowie hohe Anforderungen an Physis und Psyche noch hinzu. Dr. Vjenka Garms-Homolovà, Psychologin und emeritierte Professorin für Pflege- und Gesundheitsmanagement, kennt die Problematik: „Pflegende haben neben dem anstrengenden Schichtdienst mit einer enormen Arbeitsverdichtung zu kämpfen. Sie arbeiten häufiger an der Grenze ihrer Belastbarkeit als Beschäftigte in anderen Berufen. Das kann auf Dauer zu Lasten der Gesundheit gehen.“

Zu Fuß zur Arbeit – das macht den Kopf frei

Während des Nachtdienstes ist deshalb für Pflegekräfte ein gesunder Lebensstil mit viel Bewegung und ausgewogener Ernährung besonders wichtig. Doch der Besuch von Sportkurs oder Fitness-Center ist gerade dann schwierig. Was aber gut klappen kann: Die Bewegung in den Alltag integrieren. Fahren Sie, wenn möglich mit dem Rad zum Dienst oder gehen Sie zu Fuß. Nehmen Sie die Treppe statt den Fahrstuhl, steigen Sie früher aus dem Bus aus und laufen Sie den restlichen Weg. Die Bewegung hilft Ihnen, den Kopf frei zu kriegen und sich im Nachtdienst robuster zu fühlen. Schalten Sie den Schrittzähler Ihres Smartphones an, wenn es Sie motiviert.

Die Nachtwachen-Diät

Eine gesunde, ausgewogene Ernährung steigert zusätzlich das Wohlbefinden und die Leistungsfähigkeit. „Wichtig sind die richtigen Getränke und vollwertige Lebensmittel - auch im Nachtdienst“, betont Dr. Cornelia Sauter, Klinische Psychologin und Somnologin an der Charité. „Mahlzeiten sollten in der ersten Hälfte der Schicht eingenommen werden und leicht bekömmlich sein. Vermeiden Sie Schweres und Fettiges, besser sind mehrere leichte Speisen.“ Sie beugen Störungen des Verdauungstrakts vor und verhindern ein zu starkes Abfallen des Blutzuckerspiegels. Ein Zeitplan für Nachtdienstler könnte zum Beispiel so aussehen:

  • Vor dem Dienst zwischen 19 und 20 Uhr ein leichtes Abendbrot
  • eine warme Mahlzeit gegen Mitternacht
  • eine Zwischenmahlzeit gegen 4 Uhr
  • ein kleines Frühstück zu Hause um 7 Uhr

Die warme Mahlzeit in der Nacht hilft gegen Frieren und Müdigkeit und sollte aus magerem Fleisch oder Fisch, Kartoffeln oder Reis und Gemüse oder Salat bestehen. Als Zwischenmahlzeit eignet sich Quark, Joghurt, Obst oder Kompott. „Kaffee und schwarzen Tee sollte man in den frühen Morgenstunden meiden, da sonst das Einschlafen nach Schichtende erschwert sein kann“, empfiehlt Sauter. Greifen Sie besser zu warmen und kalten Getränken ohne Koffein. Gute Durstlöscher sind Leitungs- oder Mineralwasser, Saftschorle, Früchte- und Kräutertees.

Power Napping kann Wunder wirken

In stressigen Nachtdiensten hilft es, sich in der Pause oder nach Feierabend einen ruhigen Moment der Entspannung zu gönnen. Schließen Sie dazu die Augen, legen Sie eine Hand auf Ihren Bauch und atmen Sie ein paar Minuten ganz bewusst tief ein und aus. Wer ganz gezielt entspannen möchte, kann dazu bestimmte Techniken und Übungen erlernen, etwa autogenes Training, progressive Muskelentspannung, Yoga oder Meditation – sie alle helfen, um zur inneren Balance zu kommen. Sind Sie zu zweit auf Station, können Sie auch ein zehnminütiges Power-Napping in Ihre Pause integrieren. Danach fühlen Sie sich wieder frischer und kommen gut durch die restliche Nacht.

Wenn nichts mehr geht: Aufhören mit Nachtwachen

Mit dem Schichtsystem, speziell dem Nachtdienst, tun sich viele Pflegende schwer – und zwar quer durch alle Altersklassen. Doch Ältere empfinden ihn häufig als besonders belastend. Wer spürt, dass körperlich die Kräfte nachlassen, sollte dies bei der Stationsleitung offen ansprechen. Gemeinsam kann man nach einer passenden Lösung schauen. Entlastend wäre zum Beispiel, die Nächte zu reduzieren oder in andere Bereiche zu wechseln, in denen Schichtdienst und körperlich schwere Arbeit entfallen. Viele Pflegedienstleitungen und Pflegedirektorinnen sind inzwischen offen für flexible Lösungen, weil sie ihre erfahrenen Mitarbeiter in Zeiten des Fachkräftemangels halten wollen.

Die wichtigsten Tipps im Überblick

  • Achten Sie während der Nachtschicht auf leichte und ausgewogene Mahlzeiten zu festen Zeiten.
  • Trinken Sie während der Schicht regelmäßig, haben Sie am besten ein Glas in Reichweite.
  • Stehen Sie auf, wenn Sie müde werden und gerade über den Kurven sitzen. Strecken Sie sich. Machen Sie eine Runde durch die Zimmer. Gehen Sie, wenn möglich, kurz an die frische Luft.
  • Helfen Sie, Ihrem Körper wach zu bleiben, indem Sie im Stationszimmer für gute Beleuchtung sorgen.
  • Trinken Sie vor dem Einschlafen eine heiße Milch mit Honig oder einen Kräutertee mit Melisse und Baldrian. Auch ein warmes Bad beruhigt die Nerven.
  • Finden Sie Ruhe mit autogenem Training, Meditation, Yoga oder progressiver Muskelentspannung.
  • Vermeiden Sie, sich vor dem Schlafengehen körperlich anzustrengen. Das kurbelt zu stark den Kreislauf an.
  • Verzichten Sie vier Stunden vor dem Zubettgehen auf Kaffee und schwarzen Tee. Auch Alkohol und Nikotin mindern die Schlafqualität.
  • Schwere Patienten sollten Sie niemals alleine lagern. Holen Sie sich immer Hilfe – auch im Nachtdienst. Ihr Wohlbefinden geht vor Schnelligkeit.

Autorin: Julia Maier

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