Schnell mal die zehntausenden Einrichtungen im Gesundheitswesen miteinander verbinden? Ganz so einfach geht das nicht mit der Telematikinfrastruktur.    
Foto: Jens Schünemann
Schnell mal die zehntausenden Einrichtungen im Gesundheitswesen miteinander verbinden? Ganz so einfach geht das nicht mit der Telematikinfrastruktur.    

Digitalstrategie des BMG

Digitalisierung: Was 2024 auf Pflegekräfte zukommt

Bald gibt es die elektronische Patientenakte (ePA) für alle. Was das für Patienten bedeutet, können wir uns vorstellen. Aber wie werden die ePA und die damit verbundene Telematikinfrastruktur unsere Arbeit beeinflussen?

Wie eine elektronische Gesundheitskarte eingelesen wird, das hat wohl jeder schon einmal gesehen – als Patient in der Praxis oder im Krankenhaus. Die Gesundheitskarte enthält die Stammdaten der Patienten, ermöglicht die Abrechnung mit den Krankenkassen – und ist seit wenigen Jahren auch den Schlüssel zu den Anwendungen der Telematikinfrastruktur, wie der elektronischen Patientenakte (ePA). Auf der ePA sollen, grob gesprochen, medizinische Informationen wie Diagnosen, Medikation und Befunde des jeweiligen Patienten eingestellt werden und einsehbar sein, um beispielsweise

  • im Notfall schneller gezielte Hilfe zu ermöglichen
  • um Doppeluntersuchungen zu vermeiden
  • Wechselwirkungen von Medikamenten zu vermeiden

3 Gründe, weshalb die ePA bisher wenig verbreitet ist

Es geht um eine bessere und sektorenübergreifende Versorgung, ums große Ganze, um die Gesundheitsversorgung insgesamt. Die Entwicklung der ePA ist vor gut zwei Jahrzehnten gestartet – strauchelte, stockte und hat seit 2021 durch das Patientendaten-Schutz-Gesetz an Dynamik gewonnen: Grundsätzlich haben seither alle Patienten die Möglichkeit, ihre medizinischen Daten auf der ePA speichern zu lassen. Doch die Situation ist unbefriedigend, die ePA spielt in der Versorgung bisher keine große Rolle – aus drei Gründen:

Jobportal pflegen-online.de empfiehlt:

  • Patienten müssen Ärzte etc. berechtigen, wenn sie möchten, dass ihre Daten auf der ePA gespeichert werden, es passiert nicht automatisch.
  • Viele Arztpraxen kennen sich mit der ePA nicht aus und bieten ihren Patienten die Speicherung der Gesundheitsdaten nicht an. Das bedeutet, für Patienten, die eine Datenspeicherung wünschen, geht es oft gar nicht um Zustimmung: Sie müssen die Speicherung auf der ePA geradezu fordern, was nicht immer klappt. Es fehlen die technischen Voraussetzungen. Das hat auch zur Folge, dass der Datenaustausch etwa zwischen Praxis und Klinik nicht besonders gut funktioniert.
  • Es sind bisher nur die medizinnahen Akteure des Gesundheitswesens beteiligt, die Pflegeheime fehlen sowie die ambulante Pflege und die häusliche Intensivpflege.

Die 3 Kernelemente des Digital-Gesetzes

Mit einer komplexen Digitalisierungsstrategie plant Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) die Hindernisse abzubauen. Zu dieser Strategie gehört ein ganzes Bündel an Gesetzen, unter anderem das im Dezember 2023 beschlossene Digital-Gesetz; sie zielt auf die drei genannten Hindernisse:

  • Ab Anfang 2025 erhalten grundsätzlich alle Versicherten eine ePA, es sei denn sie widersprechen (Opt-out-Lösung), eine Zustimmung ist nicht mehr nötig.
  • Alle Einrichtungen im Gesundheitswesen sind verpflichtet sich technisch auf den Datenaustausch, die Telematik, bis Mitte 2025 einzustellen – und selbstverständlich auch die Soft- und Hardwarehersteller. Die Standards für die Telematik gibt die Gematik, als Nationale Agentur für Digitale Medizin, vor. Gesellschafter der Gematik sind das Bundesgesundheitsministerium für Gesundheit und die Spitzenorganisationen des Gesundheitswesens wie die Bundesärztekammer, der Spitzenverband der Krankenkassen und die Deutsche Krankenhausgesellschaft.
  • Auch die pflegerisch orientierten Einrichtungen des Gesundheitswesens, überhaupt alle Heilberufe (Pflegefachkräfte, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten etc.), werden in die Telematikinfrastruktur einbezogen.

Dass nun alle Einrichtungen in die Telematik integriert werden, bedeutet für Pflegefachkräfte: Sie brauchen grundsätzlichen Zugang zur ePA der Bewohner, Klienten oder Patienten. Den erhalten sie über einen persönlichen elektronischen Heilberufsausweis (eHBA). Beantragen können sie diesen ab sofort über das elektronische Gesundheitsberuferegister (eGBR) bei der Bezirksregierung Münster.

Tipp für Pflegekräfte: Jetzt den Heilberufsausweis beantragen   

Da Pflegefachkräfte aus ganz Deutschland den Ausweis beantragen müssen, ist es ratsam, sich schon bald darum zu kümmern – bis Ende Juni 2025 sollte man ihn in Händen halten. Das gilt jedoch nicht für Pflegefachkräfte, die in Krankenhäusern, Rehakliniken oder Arztpraxen arbeiten: „Dort organisieren die autorisierten Personen, die Ärzte, den Zugriff für die anderen Beschäftigten“, sagt Peter Tackenberg, stellvertretender Geschäftsführer des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe (DBfK) in Berlin. Für den Krankenpfleger und Pflegewissenschaftler sind die ePA und die Telematikinfrastruktur vertraute Themen: Er sitzt seit 2016 im Fachbeirat zum elektronischen Gesundheitsberuferegister, der die Ausgabe der Heilsberufsausweise begleitet (hat).

Telematik verbindet zehntausende Einrichtungen miteinander

Peter Tackenberg hat Respekt vor der Digitalisierungsstrategie des Gesundheitsministeriums. Als  Kenner der Gesundheitsbranche und der komplexen Anforderungen an die IT weiß er, dass es um sehr viel mehr geht, als alles „irgendwie miteinander zu verbinden“. „Wir haben so viele verschiedene Informationssysteme, so unterschiedliche Niveaus der Digitalisierung: Einige erfassen bereits Vitalzeichen digital, die dann direkt in die elektronische Patientenakte fließen, andere dokumentieren noch komplett handschriftlich. Sie alle  müssen sich jetzt innerhalb von eineinhalb Jahren an die Telematikinfrastruktur anpassen.“ In Zahlen ausgedrückt: 1.900 Kliniken mit jährlich 19,5 Millionen Fällen pro Jahr, 30.000 Altenpflegeeinrichtungen, 18.000 Apotheken, 27.000 Physiotherapiepraxen, knapp 100 gesetzliche Krankenkassen, Rehakliniken und viele mehr müssen demnächst digital so verbunden sein, dass sie alle Zugriff auf dieselben Dokumente haben, an ihnen arbeiten und sie untereinander austauschen können.

Telematik: Tipps für Pflegeheime und ambulante Dienste 

Peter Tackenberg spricht von Interoperabilität, Konnektivität, MIO (Medizinisches Informationsobjekt) und PIO (Pflegerisches Informationsobjekt) – alles Dinge, mit denen sich die Träger der ambulanten Dienste und der Heime sehr bald auseinandersetzen und sich technisch darauf einstellen müssen. Hinzu kommt die Schulung der Mitarbeiter. Zur Orientierung empfiehlt der DBfK-Mann die Websites der Gematik, der ZTG (Zentrum für Telematik und Telemedizin), des eGBR, der MIO42 bei der Kassenärztlichen Bundesvereinigung oder auch die Fachbroschüre des Paritätischen Wohlfahrtsverbands „Die Einbindung der Pflegeeinrichtungen in die Telematikinfrastruktur“ – und dazu eine Podcast-Empfehlung: Entlassmanagement, Telematik & Online-Pflegebörse.

Wie Pflegekräfte sich auf die Telematik vorbereiten können

Und was empfiehlt Peter Tackenberg den Pflegekräften? „In jedem Fall muss man sich mit der geplanten Telematikinfrastruktur auseinandersetzen – wirklich bereit sein, sich darauf einzulassen. Ich muss die neue Technik in jedem Fall beherrschen, denn sie kommt ja in jedem Fall – vielleicht ein wenig später, aber sie kommt. Ich rate dringend dazu, bei Arbeitgeber auf Schulungen zu pochen und Veranstaltungen zum Thema zu besuchen.“

Telematik-Veranstaltung speziell für Pflegekräfte am 23. Februar

Eine Veranstaltung, die sich ausdrücklich an Pflegeeinrichtungen, Pflegekräfte und alle anderen richtet, die bisher noch nicht in die Telematik einbezogen waren, ist die „Therapie und Reha digital“. Sie findet am 23. Februar 2024 in Essen im Congress Center von 10 bis 17 Uhr statt. Veranstalter sind das ZTG Zentrum für Telematik und Telemedizin sowie das Sozial- und Gesundheitsministerium von Nordrhein-Westfalen. Mit dabei sind unter anderem Abteilungsleiter aus der Gematik und des nordrhein-westfälischen Gesundheitsministeriums, der Geschäftsführer eines Pflegedienstes (Pflegedienst Wiemer) und Rainer Beckers, ZTG-Geschäftsführer. 

Der Eintritt kostet 99 Euro, für Auszubildende 29 Euro. Mitglieder der kooperierenden Verbände zahlen 69 Euro Die kooperierenden Verbände sind: DBfK, Deutscher Hebammen Verband, Deutscher Verband Ergotherapie, Bundesinnung der Hörakustiker, VPT – Verband für Physiotherapie), Logo Deutschland – Selbstständige in der Logopädie,  Deutscher Berufsverband für Logopädie.

In der Pause ist es auch möglich, sich am Stand der Bezirksregierung Münster über das Heilberufsregister zu informieren. Die Mitarbeiter erklären Besuchern genau, wie die Registrierung funktioniert und welche Schritte nach der Anmeldung folgen. Pflegedienstleitungen und Geschäftsführungen erfahren auch, wie sie eine SMC-B Karte beantragen, die jede Einrichtung braucht, um sich für den Konnektor zu autorisieren und schließlich die Telematikinfrastruktur nutzen zu können.     

Autorin: Kirsten Gaede

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