Vor-Ort-Besuch

Digitalisierung - hat schon mal jemand die Bewohner gefragt?

Zu technisiert, da geht das Zwischenmenschliche verloren? Von wegen. Manche Digital-Produkte rufen regelrecht Begeisterung hervor - zumindest im Pflegeheim Haus Gartenstadt in Berlin-Rudow

Inhaltsverzeichnis

Frau Krebs ist skeptisch. Der leuchtende Ball, den sie etwas unsicher in den Händen hält, verwirrt die alte Dame ein wenig. Als sie ihn bewegt, ändert sich seine Farbe, und Frau Krebs‘ Augen weiten sich – „Rot“, sagt sie und lächelt. Ziel erreicht, gleich dreifach. Frau Krebs, die an Demenz erkrankt ist, redet, sie erinnert sich an Farben, und sie bewegt sich in ihrem Rollstuhl.

Selbst beim Mobilisieren hilft die Digitalisierung

Genauso stellen sich Anja Auberg und Daniela Thimm (Foto, Mitte) das vor. Sie wollen die Bewohner im Pflegeheim Haus Gartenstadt in Berlin-Rudow mobilisieren, sie fordern und fördern, wo immer das geht. Technische Hilfsmittel wie der interaktive Ball des Duisburger Start-ups Ichó sind da willkommen. Thimm leitet die Soziale Betreuung in dem 195-Betten-Haus, das zur Korian-Gruppe gehört, Auberg ist die Pflegedienstleitung.

Kordula Schulz-Asche (Grüne) fordert 40 Millionen für Innovationen

Digitalisierung ist hier alles andere als ein Fremdwort. Nichts, was irgend jemandem Sorgen macht. Hier sehen sie die Chancen. Und nutzen sie. Wollen dabei sein bei dem Neuen. Genau deshalb ist Kordula Schulz-Asche (Foto, rechts) nach Rudow gekommen, die Sprecherin für Pflegepolitik der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen. Ihre Fraktion fordert einen 40 Millionen Euro schweren Innovationsfonds für die Pflege, der digitale Neuerungen fördert, und Schulz-Asche macht sich gerne selbst ein Bild.

Das Pflegeheim in Berlin-Rudow ist Pilothaus für Digitalisierung

„Ich muss die Dinge sehen, um sie mir wirklich vorstellen zu können“, sagt sie. In Rudow, im tiefen Süden Berlins, bekommt sie einiges zu sehen. Bei Anja Auberg und ihrem Team rennen die Verantwortlichen in der Korian-Zentrale gerne die offenen Türen ein. Immer wieder ist das Heim Pilothaus für neue Angebote, die Korian testet, bevor sie in allen Häusern einsetzt werden. Insgesamt betreibt das Unternehmen in Deutschland 236 Pflegeeinrichtungen mit 27.000 Betten.

Heimbewohner mögen digitale Gadgets

Für die Kollegen in Rudow sind die Tests eine beliebte Bestätigung ihrer Arbeit. „Wir werden gehört und können mitgestalten“, sagt Auberg. Das kommt gut an im Team. Zwar sind nicht alle Neuerungen eine direkte Entlastung für die Pflegekräfte. Doch sie geben neue Impulse für die Beschäftigung mit den Bewohnern. „Mobilisation ist das A und O in der Pflege“, betont Auberg, „und alles, was die Beweglichkeit der Bewohner erhält, erleichtert auch unsere Arbeit.“

Mobilisation per Smartphone beliebter als Gymnastikkurse

Viele ließen sich von einem technischen Gerät eher motivieren als etwa in einem Gymnastikkurs, ergänzt Korian-Sprecherin Tanja Kurz. Zudem komme jetzt „die Generation in die Heime, die es gewohnt ist, mit Smartphones und Tablets umzugehen. Die sind begeistert, wenn wir damit arbeiten“, sagt Daniela Thimm. Sie haben hier viele Gründe, sich den digitalen Möglichkeiten nicht zu verschließen.

Interaktives Trainingsgerät: Korianfit

Korianfit ist gewissermaßen eine Wii für Senioren, ein interaktives Trainingsgerät, das Daniela Thimm mobil einsetzen kann – im Gruppenraum, in der Cafeteria oder direkt am Bett. Eine Kamera fängt die Bewegungen ein, mit denen die Senioren spielerische Übungen auf einem großen Bildschirm ausführen. Zur Wahl stehen zahlreiche Spiele, die entweder die Konzentration oder die Bewegungsfähigkeit fördern.

Bingo am Bildschirm mit virtueller Lostrommel

Frau Schalowsky hat sich für Bingo entschieden. Der Bildschirm zeigt ihren Spielschein und eine virtuelle Lostrommel, die nach und nach Zahlen auswirft. Wann immer eine mit ihrem Spielschein übereinstimmt, muss Frau Schalowsky den Oberkörper nach vorn beugen. Die Kamera beobachtet sie dabei. Passen Zahl und Bewegung überein, wird die Zahl abgehakt, und Frau Schalowsky hört Applaus vom Band – und von den anderen Bewohnern, die sie beim Spielen beobachten und anspornen.

Kommunikation kommt nicht zu kurz

Frau Schalowsky hat Spaß. Manchmal spielen auch zwei Senioren gegeneinander, manchmal treten die Betreuungskräfte an. „Teilweise entstehen richtige kleine Wettbewerbe“, erzählt Thimm, „und alle wollen ihren Highscore vom letzten Training verbessern.“ Korianfit ist Teil des Projekts „Positive Care“, bei dem das Unternehmen auf nicht-medikamentöse Therapieverfahren setzt, um den Einsatz von Psychopharmaka zu reduzieren.

Die Digitalisierung hat im Pflegeheim Haus Gartenstadt in Berlin-Rudow inzwischen in viele Lebens- und Arbeitsbereiche Einzug gehalten. Hier ein Überblick über die verschiedenen Instrumente:

1. Sturz-Präventions-App: Lindera

Das Rudower Heim war auch Testhaus für die Sturz-Präventions-App Lindera. Mithilfe eines Videos vom Gang eines Seniors und eines Fragebogens ermittelt die Lindera-Software das Sturzrisiko und gibt Handlungsempfehlungen – zum Beispiel welche Hilfsmittel sich anbieten oder welche Muskeln durch Physiotherapie gestärkt werden sollten.

„Das sind wertvolle Vorschläge für die Pflegekräfte“, sagt PDL Auberg. Zusammen mit den Lindera-Machern hat ihr Team die App weiterentwickelt – im Praxis-Einsatz. Und sie haben geholfen, die Fragebögen zu überarbeiten. Heute kommt die App in Rudow bei jedem Bewohner alle drei Monate zum Einsatz.

2. Einkaufsservice: BringLiesel

Die BringLiesel, eine Art Amazon für Senioren, versorgt die Bewohner individuell mit Alltagsprodukten wie Shampoo oder Creme, Süßwaren und anderen Dingen des täglichen Bedarfs. Bestellt wird über eine App im BringLiesel-Onlineshop. „Dabei tippen die Bewohner gemeinsam mit den Pflegekräften ihre Bestellung an und haben dabei richtig Spaß“, sagt Daniela Thimm.

Die Lieferungen kommen dann in kleinen mit den Bewohner-Namen beschrifteten Tütchen ins Heim – „für manche ist das, als würden sie Post erhalten“, erzählt Tanja Kurz. Und die Pflegekräfte werden von zeitaufwendigen Einkäufen entlastet.

3. Training fürs Gedächtnis: Demenz-Tablet

Herr Jautzke muss nicht lange überlegen. Das Foto, das er auf dem Tablet sieht, zeigt Pedale, keine Röhren. Herr Jantzke tippt seine Lösung an. „Richtig“, erscheint auf dem Bildschirm. Weiter, nächstes Bild.

Herr Jautzke löst Worträtsel an einem speziellen Demenz-Tablet des Berliner Unternehmens „Media4Care“, das Korian bundesweit einsetzt. Das Tablet enthält Medien zur Beschäftigung und Aktivierung, neben Spielen auch Lieder und Filme. Sie lassen sich für jeden Nutzer individuell zusammenstellen und können positive Erinnerungen wecken und das Gedächtnis trainieren.

4. Ball, der aktiviert und fördert: Ichó

Der Ball Ichó soll wie bei Frau Krebs die Motorik und das Erinnerungsvermögen der Senioren stärken. Sensoren im Ball nehmen wahr, ob er geworfen, gedrückt, gestreichelt oder hochgehoben wird. Darauf reagiert Ichó. Er vibriert, leuchtet in verschiedenen Farben oder spielt Musik ab. Sobald ein Bewohner ihn in der Hand hält, tut sich etwas.

5. Elektronische Dokumentation seit 15 Monaten

Seit 15 Monaten wird im Haus Gartenstadt auch elektronisch dokumentiert. Die SIS erfolgt EDV-gestützt, alle Protokolle füllen die Pflegekräfte am Computer am Stützpunkt aus. „Das ist eine enorme Erleichterung“, sagt PDL Anja Auberg. Gegenüber den handschriftlichen Pflegevisiten spare ihr Team erheblich Zeit. Zudem profitiere man von Extras wie der Erinnerungsfunktion.

Bald auch Tablets oder Smartphones für Doku im Zimmer

Möglichst bald soll die Erfassung über mobile Geräte auch direkt im Bewohnerzimmer möglich sein. Zudem wünschen sie sich eine Vernetzung mit Ärzten, Krankenhäusern und den Physiotherapeuten. Bislang werden Unterlagen noch immer ausgedruckt mitgegeben. Oder es kommen Daten auf Papier zurück, die im Haus von Hand eingetippt werden müssen. Die entsprechende Papierablage für die Physiotherapie könnte nach Aubergs Geschmack gerne verschwinden. Aus dem Wunsch ließe sich auch ein Pilotprojekt entwickeln – wäre ja nicht das erste in Rudow.

Autor: Jens Kohrs

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