MeToo in der Pflege

Diese 12 Tipps helfen Ihnen bei sexueller Belästigung

Noch immer akzeptieren viele Krankenschwestern und Altenpflegerinnen sexuelle Belästigung als Teil ihres Berufsalltags. Das muss aufhören, meinen Dr. Heike Schambortski und Jeannine Fasold.

Inhaltsverzeichnis

Dr. Heike Schambortski mag es nicht mehr hören: Noch immer heißt es in manchen Kreisen, Krankenschwestern und Altenpflegerinnen sollten schlüpfrige Bemerkungen über ihre Figur, ein Tätscheln des Pos oder der Innenseite des Oberarms „professionell wegstecken“.

Die Folgen: Nervosität, Schlaflosigkeit, Konzentrationsprobleme

Die ehemalige Krankenschwester und heutige Leiterin im Präventionsdienst bei der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (bgw) hat erst kürzlich im Magazin der Pflegekammer Rheinland-Pfalz (5/2017) wieder darauf hingewiesen, dass sexuelle Belästigung schwerwiegende Folgen haben kann: Stresssymptome wie ständiges Grübeln, Schlaflosigkeit, Nervosität und Konzentrationsprobleme. Alles dies hat die Arbeitspsychologin erfahren, als sie für ihre Diplomarbeit Interviews mit Betroffenen zu dem Thema führte – darunter auch eine Frau, die ihren Job kündigte, nachdem sie von einem Kollegen mit pornografischen Sprüchen traktiert worden war.

Der Selbstschutz steht deshalb an erster Stelle. Das sehen auch Praktiker wie die Kinderkrankenschwester Jeannine Fasold so, die im Krankenhaus Rummelsburg (Sana) in Mittelfranken arbeitet. Mit diesen Tipps der stellvertretenden Stationsleitung und der bgw-Expertin Heike Schambortski könne Sie sich schützen:

Tipp 1: Ignorieren Sie sexuelle Belästigung nicht

Über die Anmache oder unangemessene Berührung nicht hinweggehen und sie auch nicht wie einen Scherz behandeln!

Tipp 2: Wählen Sie deutliche Worte

Sprechen Sie den Patienten oder Bewohner klar und resolut an, rät Dr. Heike Schambortski. Sagen Sie: „Das wollen wir hier nicht“, „Das beleidigt mich, lassen Sie es sein“ oder: „Ich möchte nicht, dass Sie mich anfassen.“ Lassen Sie sich auf keine Diskussion ein. „Es ist unerheblich, wie der andere sein Verhalten gemeint hat, er hat es ganz einfach zu unterlassen.“

Tipp 3: Machen Sie eine abwehrende Bewegung

Wenn ein Patient oder Bewohner sich Ihnen nähert und versucht sie zu berühren, wehren Sie ihn körperlich ab: Strecken Sie ihm ihren Arm mit offener Handfläche entgegen. „Damit haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht“, sagt Jeannine Fasold, stellvertretende Stationsleitung im Krankenhaus Rummelsburg (Sana) in Oberbayern. Auf ihrer Station gibt es viele männliche neurologisch erkrankte Patienten mit Mehrfachbehinderung. Deren Hemmschwelle ist oft niedrig, auch reagieren sie nicht so leicht auf verbale Appelle. „Aber diese Handbewegung visualisiert die Abwehr, die Patienten verstehen sie und weichen instinktiv zurück, so dass man sich entfernen kann.“

Tipp 4: Bei Onanieren sofort das Zimmer verlassen

Leider kommt es immer wieder vor, dass Patienten oder Bewohner die Pflegesituation ausnutzen, um vor der – zumeist jungen – Kranken- oder Altenpflegerin zu onanieren. „In einer solchen Situation hilft nur: Sofort das Zimmer verlassen“, sagt Jeannine Fasold. Versuchen Sie unter keinen Umständen so zu tun, als bemerkten Sie nichts: Die Bilder können Sie wochenlang verfolgen, der Ekel kann unerträglich werden.

Tipp 5: Spannen Sie Ihre männlichen Kollegen ein

Auffällige Patienten (etwa solche die vor Krankenpflegerinnen onanieren) sollten von Kollegen des gleichen Geschlechts betreut werden – das heißt in der Regel: von Pflegern.

Tipp 6: Suchen Sie sich eine Vertrauensperson

Sollten Sie das Gefühl haben, sexuell belästigt worden zu sein, überlegen Sie nicht, ob ihr Verdacht gerechtfertigt ist: Sprechen Sie sofort mit einer Vertrauensperson, mit Ihrer Praxisanleitung, der Stationsleitung oder einer älteren Pflegefachperson aus dem Team, von der sie glauben, dass sie Sie unterstützen kann. Auch Personal-, Betriebsräte und Jugendvertretungen sind mögliche Anlaufstellen.

Wenn Sie nach einem sexuellen Übergriff am Arbeitsplatz oder auf dem Arbeitsweg professionelle Hilfe brauchen, können Sie sich auch an Ihre Berufsgenossenschaft oder Unfallkasse wenden – diese kann schnell psychologische Hilfe organisieren.

Tipp 7: Sprechen Sie im Team über sexuelle Belästigung

„Fressen Sie die negativen Gefühle ja nicht in sich rein“, rät Jeannine Fasold. „Es ist wichtig, darüber im Team zu sprechen.“ Zusammen mit den Kollegen lässt sich ein gemeinsames Vorgehen vereinbaren, was jedem einzelnen Stärke verleiht und den Patienten oder Bewohner konsequent in seine Schranken verweist.

Tipp 8: Denken Sie über ein Alarmsystem nach

Wenn Sie sich unwohl und häufiger bedroht fühlen, sprechen Sie mit ihrem Vorgesetzten oder Ihrem Arbeitgeber über Alarmsysteme: Sie sorgen für schnelle Hilfe im Ernstfall. Im Krankenhaus Rummelsburg, so Jeannine Fasold, werden sie gerade auf vielen Stationen eingeführt.

Tipp 9: Pochen Sie auf ein Deeskalationstraining

An Ihrem Arbeitsplatz gibt es noch kein Deeskalationstraining? Dann machen Sie sich gemeinsam mit Kollegen dafür stark. Jährliche Schulungen, in denen konkrete Situationen geprobt werden, verleihen Sicherheit und beugen unangenehmen Situationen vor. Anbieter finden Sie hier. Größeren Einrichtungen (ab 50 Pflegefachpersonen) empfiehlt Heike Schambortski einen eigenen Deeskalationstrainer auszubilden.

Tipp 10: Auch bei Demenz entschieden auftreten

„Viele denken bei Demenzkranken: ‚Ich muss das erdulden, der kann nicht anders.‘ Doch auch Demenzkranke verstehen deutliche Hinweise oft recht gut. Es geht letztlich ja auch darum, dafür zu sorgen, dass sie ihre Würde bewahren“, sagt Heike Schambortski. Wichtig sei, dass das Team einer Linie folgt und Patienten oder Bewohner nicht unterschiedliche Signale erhalten.

Tipp 11: Kein Duzen und „Schwester Manu“

Lassen Sie sich grundsätzlich mit „Sie“ und Nachnamen ansprechen lassen, rät Heike Schambortski . „Das fördert die Distanz und den professionellen Umgang.“

Tipp 12: Dokumentieren Sie sexuelle Belästigung

Im Krankenhaus Rummelsberg auf der Station von Jeannine Fasold gibt es seit Kurzem sogar einen Notfall-Ordner, in dem Gewalt gegen Mitarbeiter und sexuelle Übergriffe dokumentiert werden. Damit kann sich die Klinikleitung ein Bild vom Ausmaß des Problems machen und besser argumentieren, sollte sie einem Patienten Hausverbot erteilen. Wenn es einen solchen Ordner nicht gibt: Die sexuelle Belästigung zumindest in der Kurve dokumentieren.

Autorin: Kirsten Gaede

Foto: Jens Schünemann

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