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Corona-Impfung

„Die Impfpflicht wird die Pflegekräfte entlasten“ 

Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) befürchtet keinen Pflegekollaps. Die einrichtungsbezogene Impfpflicht werde dafür sorgen, so Rainer Wirth, dass weniger alte Menschen in Isolation und Quarantäne gehen müssen    

Herr Professor Wirth, die Omikron-Variante hat sich als harmloser erwiesen als frühere Corona-Varianten. Auch Ältere scheinen, sofern geboostert, häufiger mit leichten Symptomen davonzukommen. Wie beurteilen Sie als Geriater die Situation?

Ganz generell gibt es auch bei Infektionen mit Omikron schwere Verläufe, einige alte Menschen werden richtig krank. Die Covid-Erkrankung ist dann häufig der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Grunderkrankungen wie eine schwere Herzinsuffizienz können einen katastrophalen Verlauf nehmen. Schon 39 Grad Fieber reichen oft aus, um einen alten Menschen mit chronischer Krankheit völlig aus der Bahn zu werfen. Deshalb hat sich unsere Fachgesellschaft als eine der ersten bereits im Herbst 2021 für eine einrichtungsbezogene Impfpflicht ausgesprochen.

Deshalb halten Sie vermutlich auch nichts von dem Vorstoß des bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder, die einrichtungsbezogenen Impfpflicht in seinem Bundesland auszusetzen …

Nein, ich halte absolut nichts von dem Vorstoß. Denn die vielen Kollateralschäden der Corona-Infektion können wir nur mit einer maximal hohen Impfquote in der Bevölkerung beherrschen. Besonders wichtig ist, dass diejenigen geimpft sind, die Kontakt zu vulnerablen Gruppen haben.

Sicherlich hat das Virus auch für Ältere ein wenig seinen Schrecken verloren. Doch darf man die vielen Kollateralschäden einer Corona-Infektion nicht vergessen. Es geht doch nicht nur um die Sterblichkeit: Die Patienten oder die Bewohner werden isoliert, dürfen nicht nach draußen gehen, haben keine Bewegung, keine sozialen Kontakte, gehen nicht zum Arzt und nicht zur Physiotherapie.

Als behandelnder Arzt habe ich Patienten erlebt, die sich in der Isolation maximal verschlechtert haben, weil sie ihre Wohnung oder ihr Zimmer wochenlang nicht mehr verlassen konnten. Grundsätzlich hinterlässt die Corona-Infektion bei nahezu allen älteren Menschen Verschlechterungen, von denen sie sich meistens nie wieder vollständig erholen.

Leute, die wie CSU-Politiker Söder bei der einrichtungsbezogenen Impfpflicht zurückrudern möchten, argumentieren, das Ausscheiden ungeimpfter Pflegekräfte würde die Versorgung Pflegebedürftiger gefährden. Was sagen Sie dazu?

Das Argument überzeugt mich nicht. Es heißt immer: Wenn jetzt fünf Prozent Pflegekräfte ausscheiden, würden die verbleibenden 95 Prozent noch mehr belastet. Warum denn überhaupt? Wir hätten dann auch weniger Infektionen in den Pflegeeinrichtungen und in manchen Krankenhäusern. Sicherlich können sich auch geimpfte Pflegekräfte infizieren, doch das Zeitfenster der Übertragung ist kürzer, die Viruslast meistens geringer.

Das bedeutet: Wenn ungeimpfte Pflegekräfte nicht mehr in die Einrichtungen kommen, wird die Zahl der Infektionen abnehmen und damit auch der generelle Arbeitsaufwand. Denn der momentane Mehraufwand, der durch Isolation und Quarantäne entsteht, ist wirklich beachtlich.

Glauben Sie, dass es wirklich so viele sein werden, die den Beruf wegen der Impfpflicht verlassen?

Natürlich hat die einrichtungsbezogene Impfpflicht Auswirkungen. Aber ich bin überzeugt, dass noch viele Pflegekräfte nachziehen werden, jetzt, da es mit Novavax noch einen ganz anderen Impfstoff gibt. Der ist für diejenigen, die vor den neuartigeren Impfstoffen Angst haben eine gute Alternative. Nur wer sich aus weltanschaulichen Gründen nicht impfen lässt, muss tatsächlich aus dem Pflegeberuf ausscheiden.

Glauben Sie, dass der Vorstoß von Markus Söder zu einem Dammbruch führen wird – dass die Impfpflicht nicht mehr ernst genommen wird?

Nein. Viele Arbeitgeber in der Gesundheits- und Pflegebranche haben ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter angeschrieben und zum Stichtag entsprechende Nachweise verlangt. Ich kenne Kliniken, die unmissverständlich sagen: Wenn Sie bis bis zum 15. März 2022 keinen Impfschutz nachweisen, können Sie nicht mehr bei uns arbeiten, ihre Lohnzahlung wird erlöschen. Das ist die eine Seite.

Andererseits fehlt politisch eine klare Marschroute. Wenn ich jetzt von eventuellen Sonderregelungen höre für Stationen, die von der Schließung bedroht sind, dann muss ich sagen: Das hätte man vorher durchrechnen und prüfen müssen. Jetzt Ausnahmen zu machen, halte ich für sehr schwierig.

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Außerdem sollte klar formuliert werden, was mit ungeimpften Mitarbeitern passiert. Es hilft der Infektionseindämmung nicht, wenn Ungeimpfte in einem Bundesland ein kleines Ordnungsgeld zahlen müssen und in einem anderen ihren Job verlieren. Sollte es tatsächlich so uneinheitlich geregelt werden, ist klar, was passieren wird: Ungeimpfte Pflegekräfte aus Bundesländern mit einrichtungsbezogener Impfpflicht werden zum Teil in benachbarte Bundesländer mit lockeren Regeln wechseln. Dann wird die Impfquote dort noch schlechter werden, als sie ohnehin schon ist.

Interview: Kirsten Gaede

Über Rainer Wirth

Der Professor für Geriatrie ist Direktor der Klinik für Altersmedizin und Frührehabilitation am Universitätsklinikum der Ruhr-Universität Bochum. In der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie leitet der DGG-Präsident der die Arbeitsgruppe „Ernährung und Stoffwechsel“.

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Foto: Polonio Video - stock.adobe.com

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