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Bewohnerversorgung

Die BringLiesel ist der neue Zivi  

Was waren das noch für Zeiten als Zivildienstleistende mal eben Haarshampoo, Zeitschrift und Erdnussflips für Bewohner besorgen konnten. Ein besonderer Liefer-Service für Pflegeheime füllt jetzt die Lücke      

„Kann ich euch etwas mitbringen?“ Wer diese Frage kurz vor dem Einkauf an Freunde oder Kollegen richtet, merkt jedes Mal schnell: Es wird schwierig, wenn nur mehr als Zwei freudig Schokoriegel, Limo, Taschentücher & Co. in Auftrag geben. Denn hinterher heißt es Klarheit schaffen: Wer hatte noch was bestellt? Wie viel muss jeder bezahlen? Hat jeder passend Kleingeld dabei?

Auch Schlecker war 2012 keine Alternative mehr 

Nun stelle man sich diese Situation im Pflegeheim vor: 30 Bewohnerinnen und Bewohner mit jeweils kleinen Einkaufslisten … Früher haben diese Aufgabe oft Zivildienstleistende übernommen. Doch die wurden mit der Wehrpflicht abgeschafft. Pflegekräfte und Betreuungskräfte mit den Besorgungen zu beschäftigen, wäre ein herber Managementfehler - und die Angehörigen? Viele kommen zu selten, leben zu weit weg, um das dringend Benötigte eben mal vorbeizubringen. Lange Zeit boten Schlecker-Filialen die Möglichkeit, lokal in der Filiale einen Bestellzettel abzugeben und die Ware ein paar Tage später dann immerhin schon Bewohnern zugeordnet in der Filiale abholen zu können. Doch Schlecker ging 2012 in Insolvenz – genau in dem Jahr, in dem es in Deutschland erstmals keine Zivildienstleistenden mehr gab.       

Was BringLiesel mit Teilhabe zu tun hat  

So schien die Zeit reif für ein Unternehmen wie BringLiesel, das Bewohnern Shampoo, Schokolade und andere Dinge des täglichen Bedarfs individuell in einer Tüte zusammengestellt, ins Pflegeheim liefert und einzeln abrechnet. Allerdings waren die BringLiesel-Gründer gar keine scharfen Beobachter des Pflegemarkts; sie arbeiteten in einem ganz anderen Metier: Nico Jäschen und Christoph Gukelberger haben vor neun Jahren noch bei dem Berliner Start-up All You Need Fresh in der Geschäftsentwicklung gearbeitet – einem Online-Supermarkt, der einst zur Deutschen Post gehörte. Christoph Gukelberger: „Wir hatten die Pflegebranche gar nicht im Blick, sie ist – man kann es so sagen – zu uns gekommen.“ Die Leitung eines Leipziger Pflegeheims meldete sich 2012 bei ihnen, weil sie sich mit kleinteiliger Warenlogistik auskannten. Es ging der gemeinnützigen Einrichtung um einen unkomplizierten Zugang zu Produkten des täglichen Bedarfs – keine Nebensächlichkeit in einer Branche, in der das Recht auf Teilhabe damals gerade zu einem Qualitätskriterium wurde.

Ohne Businessplan, ohne große Strategie ging’s 2012 los     

„Wir hatten einen Termin mit der Heimleiterin vereinbart, aber als wir eintrafen, waren Kollegen aus Pflege, Hauswirtschaft und Verwaltung dabei“, erinnert sich Nico Jäschen. „,Hurra, hier kommt eine Lösung‘ – das war ihre Erwartung.“ Dieser Appell läutete dann die Geburtsstunde von BringLiesel ein. Ganz unvermittelt. Da gab es keinen Businessplan, keine von Beratern flankierte Strategie – Gukelberger und Jäschen fingen einfach an: Fragten die Leipziger, wie sie’s bisher organisiert haben, schauten ihnen über die Schulter und legten erst einmal eine Excel-Tabelle an. „Uns hat es gereizt, einen echten Mehrwert für Bewohner:innen und Mitarbeiter:innen zu schaffen und gleichzeitig ein rentables Modell zu entwickeln. . Etwas zu entwickeln, das tatsächlich gebraucht wird, etwas, das Dankbarkeit hervorruft – das fanden wir extrem erfüllend“, sagt Christoph Gukelberger.

So wurde das Leipziger Pflegeheim zum Pilotprojekt und Jäschen und Gukelberger zu Gründern wie aus dem Bilderbuch: Erst im Wohnzimmer bei Gukelberger in Berlin, dann im Keller von Jäschen in Lübeck richteten sie zunächst das Warenlager ein, packten für jeden Bewohner seine persönliche Bestellung in eine mit seinem Namen etikettierte Papiertüte und trugen die gesammelten Tüten in Dutzenden Paketen zur Post – begleitet von erstaunten Blicken der Nachbarn und dem Ächzen der Postmitarbeiter. Gern erzählen die beiden auch, wie sie aus dem einen oder anderen Geschäft rausgeflogen sind, weil sie ganze Regale leerkauften. Geschäftstüchtiger zeigte sich Rossmann: Die Filialleitung bot an, extra Bestellungen für sie aufzunehmen.

Die Excel-Tabelle ist jetzt durch Bestell-Software ersetzt

Inzwischen ist Rossmann einer ihrer Hauptlieferanten und die Zahl der Pflegeheime, die mit BringLiesel zusammenarbeiten, auf über 1.000 gewachsen – darunter die Einrichtungen von Alloheim und Korian. Auch packen Jäschen und Gukelberger, die ihren Umsatz nicht nennen möchten, die Pakete nicht mehr im Keller. Das erledigt jetzt ein Großteil der inzwischen 25 Mitarbeiter in einem großen Logistikzentrum in Lübeck. Die Excel-Tabelle ist seit 2016 durch eine Bestell-Software ersetzt. Den Mitarbeitern in den Pflegeheimen erleichtert das die Arbeit, vor allem, wenn sie mit einem Tablet arbeiten und die Bestellung direkt beim Bewohner eingeben können und die handschriftlich ausgefüllten Bestellzettel nicht in das System übertragen müssen. Manche Bewohner füllen den Bestellzettel auch gern selbst aus und blättern im Katalog, der in den Heimen ausliegt; manche übernehmen auch gleich die Bestellung fürs komplette Heim, wenn sie fit sind.   

Die Bewohner rechnen direkt mit BringLiesel ab

Dass Jäschen und Gukelberger so gut wissen, wie es in den Heimen zugeht, liegt auch daran, dass sie ihre Partnereinrichtungen in den ersten Jahren für das Erstgespräch persönlich besuchten. „Wir sind kein Online-Shop, wo man einfach Sachen bestellt“, sagt Christoph Gukelberger. Denn es gibt viel zu erklären. Eine ganz wichtige Information für die Heimleitung: Alle Bewohner (etwa die Hälfte einer Einrichtung nutzen das Angebot) rechnen direkt mit BringLiesel ab (oft bereits über direkte Abbuchung vom Konto). „Dem Heim entstehen also keine Kosten - weder für die Nutzung der Plattform, noch für den Service rund um das Thema Rechnungsstellung und Verwaltung“, sagt Gukelberger. „Die Lieferkosten werden den Bewohnerinnen und Bewohnern berechnet, sind allerdings, da wir alle Bestellungen bündeln, sehr kostengünstig – meist nur ein Cent-Betrag pro Bewohnerin oder Bewohner und Bestellung.“ Für die gelieferten Produkte zahlen die Bewohner Preise wie im klassischen Einzelhandel. 

In den Gesprächen mit den Partnereinrichtungen machen die Gründer außerdem deutlich: Es geht BringLiesel nicht darum, die Einkaufsfahrten überflüssig zu machen. „Aber wenn Pflege- oder Betreuungskräfte sich aufwendig mit den Angehörigen abstimmen müssen, um die Bedarfe zu koordinieren, dazu noch durch den Supermarkt hetzen und anschließend Dutzende Produkte und Rechnungen auseinander dividieren müssen, dann ist das Verschwendung von wertvollen Ressourcen.“

Autorin: kig

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