Ständiger Harndrang, ständig auf Toilette – ein typisches Symptom von Harnwegsinfekten.  
Foto: Jens Schünemann
Ständiger Harndrang, ständig auf Toilette – ein typisches Symptom von Harnwegsinfekten.  

Pflege und Praxis

Demenz: Vorsicht bei Harnwegsinfekt!

Harnwegsinfekte gehören zu den häufigsten Infektionen bei Pflegebedürftigen. Lesen Sie, warum sie bei Menschen mit Demenz besonders oft vorkommen, wie man sie erkennt und warum sie sogar zum Delir führen können

Nicht nur, dass Harnwegsinfektionen im Alter oft gravierend und langwierig sind: Ältere Menschen sind auch noch anfälliger dafür, vor allem Pflegebedürftige und Menschen mit Demenz. Wir fragten  Arnold Kaltwasser vom Delir-Netzwerk nach den genauen Zusammenhängen; der Delir-Experte ist Fachbereichsleiter Weiterbildung für Intensivpflege und Anästhesie an der Akademie der Kreiskliniken Reutlingen. 

1. Frage: Warum leiden Pflegebedürftige und Menschen mit Demenz häufiger unter Harnwegsinfekten?

Zu geringe Trinkmenge

Demenzerkrankte haben oft kein Gefühl mehr für Hunger oder Durst. Dadurch nehmen sie häufig eine viel zu geringe Flüssigkeitsmenge zu sich. Die Folge: Der Urin wird immer konzentrierter und reizt so die Blase. Nur ausreichende Flüssigkeitsmengen spülen zudem mögliche Erreger und Ablagerungen aus Nieren, Blasen und Harnleitern.

Jobportal pflegen-online.de empfiehlt:

Eistee? Radler? Welche Getränke Bewohner mögen … 

… und welche eher nicht. Hier kommen 10 (teils unkonventionelle) Tipps, wie Sie Senioren in der Sommerhitze um Trinken animieren und vor Dehydrierung bewahren              
Artikel lesen

Inkontinenz

Stuhl- oder Harninkontinenz kann Harnwegsinfekte begünstigen, weil Bakterien aus den Ausscheidungen länger im Intimbereich bleiben als bei einem Toilettengang. Zur Vorbeugung sind daher häufige und schnelle Wechsel der Inkontinenzeinlagen sowie eine sorgfältige Hygiene wichtig.

Dauerkatheter

Ein Katheter reizt die Blase und begünstigt den Eintritt von Bakterien. Außerdem kann er kleine Verletzungen in den Harnwegen hervorrufen, die sich durch die Bakterien infizieren können. Ein Dauerkatheter sollte deshalb immer nur eine vorübergehende Lösung sein.

Diabetes mellitus

Diabetes erhöht das Risiko, an einem Harnwegsinfekt zu erkranken. Bei hohen Blutzuckerwerten geben die Nieren Glukose in den Urin ab. So entsteht ein Nährboden für Bakterien, was schließlich zu einer Infektion führt. Diabetes kann außerdem eine Blasenfunktionsstörung hervorrufen, der Betroffene kann die Blase nicht mehr vollständig entleeren. Bleibt Harn zurück, kann eine Blasenentzündung entstehen.

Geschwächtes Immunsystem

Die Immunabwehr von Demenzkranken ist in der Regel geschwächt, so haben Bakterien leichtes Spiel.

Den 6 großen pflegerischen Risiken professionell begegnen

In der Risikomatrix des Strukturmodells spiegelt sich längst wider, dass Pflegebedürftige bzw.
Artikel lesen

2. Frage: Warum ist es oft so schwer, Harnwegsinfekte bei Menschen mit Demenz zu erkennen?

Für Pflegefachkräfte ist es oft nicht einfach, bei Menschen mit Demenz eine Harnwegsinfektion zu erkennen. Besonders in fortgeschrittenen Stadien haben Betroffene ein verändertes Schmerzempfinden und können Schmerzen nicht mehr äußern. Es kommt immer wieder einmal vor, dass Pflegekräfte erst Verdacht schöpfen, wenn der Betroffene schon hohes Fieber und einen Kreislaufzusammenbruch hat. Dann ist eine Klinikeinweisung meistens unausweichlich.  

3. Frage: Woran erkennt man einen Harnwegsinfekt bei Menschen mit Demenz?

Verändertes Verhalten:

  • plötzlich verstärkte Verwirrung oder Desorientierung
  • vermehrte Unruhe oder Agitation
  • Stimmungsveränderungen wie Reizbarkeit oder Ängstlichkeit

Veränderung von Miktion und Urin:

  • häufiger Harndrang oder ein Gefühl von Dringlichkeit
  • plötzliche Inkontinenz
  • dunkler, trüber oder rötlicher Urin
  • auffällig unangenehmer Geruch

Körperliche Symptome:

  • erhöhte Temperatur, Fieber
  • Bauchschmerzen oder Schmerzen im unteren Rückenbereich
  • Übelkeit oder Erbrechen
  • Müdigkeit oder Abgeschlagenheit
  • verminderter Appetit

4. Frage: Warum kann ein Harnwegsinfekt bei Demenz zum Delir führen?

Durch die Reaktionen des Gehirns und des Immunsystems auf eine Infektion kann es bei Harnwegsinfekten, aber auch bei Infekten wie einer Pneumonie zu einem Delir kommen. Das Risiko ist bei demenziell Erkrankten Personen besonders hoch, weil kognitive Einschränkungen per se als Risikofaktoren für ein Delir gelten.

Demenz, Delir, Depression

Nicht hinter jedem auffälligen Verhalten steht eine "Demenz“.
Artikel lesen

5. Frage: Warum kann eine Entzündung das Gehirn beeinträchtigen?  

  • Entzündungsreaktion: Infektionen führen zu einer Aktivierung des Immunsystems, was eine erhöhte Produktion von Entzündungsstoffen (Zytokinen) zur Folge hat. Ein übermäßiger Anstieg von Entzündungsmarkern im Körper kann das Gehirn beeinflussen und zu neurologischen Symptomen wie einem Delir führen.
  • Freisetzung toxischer Substanzen: Bei einer Infektion können auch toxische Substanzen freigesetzt werden, die normalerweise im Zusammenhang mit Bakterien oder anderen Erregern stehen. Diese toxischen Produkte können das Gehirn direkt beeinflussen und zu kognitiven Beeinträchtigungen führen.
  • Störung des normalen Stoffwechsels: Infektionen können den Stoffwechsel im Körper beeinträchtigen. Dies kann zu einem Ungleichgewicht von Elektrolyten führen, was wiederum das Gehirn beeinflusst. Ein gestörter Stoffwechsel kann auch die Funktion von Organen wie Leber und Nieren beeinträchtigen, was ebenfalls das Risiko eines Delirs erhöht.
  • Auswirkungen auf die Blutzirkulation: Bei schwerer Infektion kommt es oft zu niedrigem Blutdruck, was die Blutzirkulation zum Gehirn beeinträchtigen kann. Mögliche Folge: Das Gehirn wird nicht ausreichend mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt.

[Ihnen liegt viel an gründlicher Recherche und Exklusiv-Interviews? Sie möchten über Entwicklungen in der Pflegebranche auf dem Laufenden bleiben? Abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter!]

6. Frage: Wie beugt man Harnwegsinfekten vor?

Hygiene spielt die wichtigste Rolle bei der Vorbeugung von Harnwegsinfekten. Das gilt sowohl für die sorgfältige Reinigung nach den Toilettengängen, Wechsel und Einsatz von Inkontinenzprodukten und die Pflege eines Dauerkatheters.

Vor allem bei Demenzerkrankten muss man die ausreichende Trinkmenge im Auge behalten. Auffälligkeiten im Verhalten, Schmerzäußerungen oder Veränderungen des Urins sollte ein Arzt begutachten.

Bei einer vorliegenden Harnwegsinfektion verschreiben Ärzte in der Regel Antibiotika, worunter sich die Symptome im Allgemeinen relativ schnell bessern.

Autorin: Melanie Thalheim

Sepsis: 7 Warnzeichen, die jede Pflegekraft kennen muss

Je früher eine Sepsis erkannt wird, desto besser sind die Überlebenschancen. Da sie auch auf Normalstation und im Pflegeheim – und nicht nur auf Intensivstation – auftreten kann, sind Pflegekräfte besonders gefordert
Artikel lesen

Sepsis durch Dauerkatheter: 15 wichtige Dos and Don’ts

Warum Inkontinenz keine Indikation für einen Dauerkatheter ist, die Liegedauer so kurz wie möglich sein sollte – und welche Maßnahmen heute nicht mehr fachgerecht sind
Artikel lesen

Blasenkatheter legen: Die 6 größten Fehler

Vor dem Katheterisieren haben viele Pflegekräfte Respekt. Dabei können sie diese Aufgabe sehr gut übernehmen, oft auch bei Männern – sofern ihnen der korrekte Ablauf und mögliche Fehler bewusst sind        
Artikel lesen

 

Wir haben noch mehr für Sie!

Antworten und Impulse für die Pflegeprofession gibt es auch direkt ins Postfach: praxisnah, übersichtlich und auf den Punkt.
Melden Sie sich jetzt für den pflegebrief an - schnell und kostenlos!
Wir geben Ihre Daten nicht an Dritte weiter. Die Übermittlung erfolgt verschlüsselt. Zu statistischen Zwecken führen wir ein anonymisiertes Link-Tracking durch.

Altenpflege

Sepsis durch Dauerkatheter: 15 wichtige Dos and Don’ts

Warum Inkontinenz keine Indikation für einen Dauerkatheter ist, die Liegedauer so kurz wie möglich sein sollte – und welche Maßnahmen heute nicht mehr fachgerecht sind

    • Altenpflege

Kosmetik-Serie Teil 3

Creme & Co. - besser ohne Parabene, besser Naturkosmetik

Lotion, Shampoo, Handcreme - Pflegekräfte kommen ständig mit Kosmetik in Kontakt. Die Frage nach Schadstoffen ist für sie deshalb besonders interessant

Jeder Demenzkranke ist einzigartig, es gibt kein Schema F – auch das lernen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Dementia Care Weiterbildung.    

Pflege als Beruf

Weiterbildung Dementia-Care: ideal für Berater-Naturen

Das Besondere der nagelneuen Weiterbildung Dementia Care Nurse (DCN): Sie geht über reine Umgang-mit-Demenz-Themen hinaus. Demenzkranken und Angehörigen den Alltag erleichtern – das steht hier im Mittelpunkt 

    • Pflege als Beruf, Pflegeeinrichtung, Pflegeberatung, Pflegebedürftiger, Pflege und Praxis

Demenz

So klappt’s mit dem Expertenstandard Demenz – 12 Tipps

Der Expertenstandard Demenz bietet für Pflegekräfte wenige praxisnahe Anstöße, wenig Griffiges. Das Buch „Qualitätsmerkmal Beziehung“ schafft Abhilfe: Es erdet den Expertenstandard, zeigt wie er sich Schritt für Schritt umsetzen lässt              

    • MDK, Pflegeeinrichtung, Pflege und Praxis, Buch, Bewohner, Demenz