Aktvierung und Betreuung

Demenz: Schluss mit dem Therapie-Hokuspokus!

Hinter Demenz steckt ein brutaler Markt, meinen Altenpfleger Gust und Demenz-Experte Staack. Sie warnen vor sinnlosen Produkten und Konzepten

Inhaltsverzeichnis

„Es herrscht Goldgräberstimmung“, sagen Swen Staack, Leiter des Kompetenzzentrums Demenz in Schleswig-Holstein, und Jochen Gust, Altenpfleger aus Eutin. Fortbildungsinstitute, aber auch Hersteller von Spielen und Bastelutensilien hätten die Demenz entdeckt und würden ihre Angebote bewusst darauf zuschneiden. Und sie warnen: Vieles davon sei unnötig, und Pflegeheime könnten sich die Anschaffung sparen.

Poesietherapie, Jonglieren, Märchenstunde - was soll das?

Es sei gar nicht so lange her, da hätten bewährte therapeutische Angebote in vielen stationären Einrichtungen oder ambulanten Pflegediensten ausgereicht, sagen Staack und Gust und zählen auf: „Milieutherapie, Basale Stimulation, Validation, Musik- und Ergotherapie oder die 10-Minuten-Aktivierung – biografisch orientiert und fachgerecht angewendet genügte das.“ Heute aber gebe es ein Sammelsurium an verschiedenen Therapieangeboten. Von „Poesietherapie“ über „Jonglieren“ bis hin zur „Märchenstunde“.

3 Gründe, die gegen die Therapie-Akrobatik sprechen

Ein solches Überangebot sei

  • unübersichtlich
  • oft kontraproduktiv
  • und überfordere den Betroffenen, etwa den Heimbewohner,

schreiben die zwei in ihrem Buch „LEBEN statt therapeutischer Akrobatik“ (Schlütersche Verlagsgesellschaft).

Da wird der vermeintliche Qualitätsdruck der Pflege instrumentalisiert

Hinzu komme, so die Autoren, dass zahlreiche der „sogenannten neuen Therapieangebote“, die in den letzten Jahren auf den Markt gekommen seien, oft nicht wirklich neu sind. „Da wird etwas modifiziert, ergänzt oder in neue Therapieangebote gepackt“, zudem würde mit den Ängsten der Angehörigen und einem „vermeintlichen 'Qualitätsdruck'“ der beruflich Pflegenden gespielt, mit deren Druck, möglichst „up-to-date“ sein zu wollen oder zu müssen.

Therapiegang - was ist das denn?

Ein Beispiel seien etwa Bilder für den sogenannten Therapiegang. Da würde ein Set an kunstvoll gezeichneten Märchenbildern an die Wand im Flur gehängt, vom Hersteller beworben mit „Eine Reise in die Märchenwelt der Kindheit – auch für demenziell Erkrankte geeignet“. Für die Autoren sei dies „eine Idee auf dem Niveau einer Kindertagesstätte“, denn: „Was ist am Betrachten von Märchenbildern therapeutisch?“ Es werde kaum einen demenzbetroffenen Bewohner geben, der sich vor diese Bilder stellt und sagt: „Ah, die Bremer Stadtmusikanten, die schaue ich mir jetzt mal genauer an.“

Reine Geldmacherei: Zusatzqualifikation „Spieltherapie“

Gleiches gelte für die Spieltherapie, ein Ansatz, der ab 1920 in der psychotherapeutischen Arbeit mit Kindern entwickelt wurde, um über die spielerische Beschäftigung die Ursachen kindlicher Störungen zu ergründen. Heute finde sich dieser Ansatz auch in der Pflege. Nun seien Spiele eine „wunderbare Beschäftigung“ auch für ältere Menschen, die immer schon gern gespielt hätten. Doch therapeutisch sei daran „nichts“. Daraus nun spezielle Workshops für Pflegende abzuleiten, damit diese sich anschließend mit der „Zusatzqualifikation Spieltherapie“ schmücken könnten, erscheint den Autoren als reine Geldmacherei.

Lieber Haushaltstätigkeit als Pappmaschee-Arbeit

Manchmal würden Heimbewohner auch dazu „genötigt“, an Bastelnachmittagen teilzunehmen, etwa am Werkeln mit Pappmaschee. Auch darauf bereiteten Workshops oder Ratgeber Pflegetätige vor. Dabei werde aber zu wenig berücksichtigt, ob ein solches Werkeln dem Menschen überhaupt entspreche. Gerade vor dem Hintergrund der Biografiearbeit müsse geschaut werden, welches Kreativangebot wirklich passe.

Da soll man im Alter plötzlich basteln ...

„Die heute 80-Jährigen hatten eher selten Zeit zum Basteln“ geben Gust und Staack zu bedenken, da musste der Haushalt geführt, mussten Näharbeiten verrichtet werden. Statt den Bewohner eine Schale mit Pappmaschee-Brei hinzustellen, besser: ihn Kartoffeln schälen, eine Hose flicken oder ein Auto warten lassen.

Lasst Menschen mit Demenz selbst entscheiden!

Überhaupt würden Heimbewohner häufig munter animiert, etwa untergehakt und zu den Aktivitäten hinzugeholt, obwohl sie lieber ihre Ruhe haben wollten, so die Beobachtung der zwei Pflegeexperten. Doch Menschen mit Demenz möchten selbst entscheiden können. „Lebensqualität braucht als elementare Voraussetzung Autonomie.“ Auch an etwas nicht teilnehmen zu wollen, etwas nicht tun zu müssen, sei „Teil der Freiheit, die auch Demenzbetroffenen“ zustehe.

H.I.L.D.E. - was soll das ständige Messen?

Und wie erfahre ich das als Pflegender? Wie erkenne ich, ob es einem Demenzbetroffenen gut geht, ob er sich wohlfühlt? Dafür gibt es Messinstrumente wie etwa H.I.L.D.E., das die Universität Heidelberg seit 2003 erforscht und das 2011 in Form eines Handbuchs vorgestellt wurde, eine Methode zu einer Art standardisierter Erfassung und Interpretation der aktuellen Lebensumstände eines Menschen.

Doch Staack und Gust halten auch solche Instrumente für überflüssig; warnen vielmehr davor, weil solche Messinstrumente Pflegekräfte ihrer Soft-Skills-Kompetenzen berauben statt sie in Entscheidungen zu unterstützen.

3 entscheidende Faktoren: Menschenverstand, Bauchgefühl, Herz

Denn Pflegende können sehr wohl selbst einschätzen, ob es einem Menschen, den sie betreuen, gut geht, ob er sich wohlfühlt oder nicht, ob er Beschäftigung braucht. Dafür helfen ihnen drei Faktoren:

  • Zum einen ist dies der gesunde Menschenverstand, „also normales, pragmatisches, logisches, vernünftiges Denken“. Damit ist nicht die sture Ratio gemeint, sondern, gerade auch in der Pflege, Erfahrungen und Gelerntes auf Fakten zu übertragen.
  • Daneben spiele Intuition eine große Rolle, also jenes wertvolle Bauchgefühl, das auf das Unterbewusstsein und dessen großen Pool an Wissen, Erfahrungen und Emotionen zurückgreift. „Gerade im Umgang mit Demenzerkrankten ist Intuition sicher nicht die schlechteste Alternative.“
  • Schließlich spielt auch die Fähigkeit eines Menschen eine Rolle, im richtigen Moment das Richtige zu tun und zu sagen; ein Verhalten, das die Autoren unter dem Begriff der Herzensbildung fassen. „Dabei spielen Mitgefühl eine Rolle, Achtsamkeit, Achtung vor anderen Menschen und Anstand.“

Es sind diese Fähigkeiten oder Parameter, die Pflegekräfte trainieren, bewusst aktivieren sollten, um zu erkennen, welche Aktivitäten und in welcher Intensität sie Demenzbetroffenen anbieten möchten. Im Zweifel nämlich, so die Buchautoren, sei die Freiheit, sie ihr Leben leben zu lassen, besser als jedwede Form von „therapeutischer Akrobatik“.

Autorin: Romy König

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