Dekubitus-Prophylaxe

Dekubitus-Matte: Statisch besser als Wechseldruck

Dies ist zumindest das Ergebnis einer Studie mit 26 belgischen Pflegeheimen, publiziert im „International Journal of Nursing Studies“

Inhaltsverzeichnis

Die Idee klingt erstmal plausibel: Ene Anti-Dekubitus-Matte, die abwechselnd verschiedene Zonen aufbläst, verringert den Druck besser als eine statische Luftmatte, die die ganze Zeit voll aufgeblasen ist. Aber stimmt das auch?

Hersteller Frontier hat Studie mitfinanziert

In einer belgischen Studie zeigte sich: Die statische Matte ist effektiver, um einen Dekubitus (Druckgeschwür) zu verhindern – und billiger ist sie auch. Man muss allerdings dazu sagen: Die Studie wurde mitfinanziert von dem Hersteller der Matte (Repose-Matte), der Firma Frontier Therapeutics. Die Firma hatte jedoch keinen Einfluss auf das Studiendesign. Dennoch lässt sich beobachten, dass industriefinanzierte Studien häufiger günstig für involvierte Unternehmen ausfallen als unabhängige Studien.

Wechseldrucksysteme recht häufig

Aus Studien geht hervor, dass in manchen Heimen bis zu 32 Prozent der Bewohner einen Dekubitus haben – in anderen Heimen aber nur 4 Prozent. Prävention durch Pflege ist also entscheidend. Hilfsmittel wie Anti-Dekubitus-Matten spielen dabei eine wichtige ergänzende Rolle. Häufig werden auch Matten mit Wechseldrucksystem eingesetzt. Doch bisher hat es wenige Studien gegeben, die untersuchten, ob Patienten damit wirklich weniger Dekubiti entwickeln als mit statischen Matten. Diese Lücke will die aktuelle Studie schließen.

308 Bewohner mit Dekubitus-Risiko

Beteiligt waren sechs Universitäten unter anderem in Belgien, Irland und Australien. Untersucht wurden 308 Bewohner in 26 belgischen Pflegeheimen. Alle waren über 65 Jahre alt und bettlägerig oder saßen im Rollstuhl. Alle hatten ein hohes Risiko für Dekubitus oder wiesen bereits einen Dekubitus der Kategorie 1 auf.

Frage in der Studie: Entwickelt sich Dekubitus der Kategorie 2 bis 4?

Per Zufall wurde jeweils die Hälfte der Probanden in die Gruppe mit Wechseldruck-Matte (Kontrollgruppe) eingeteilt und die Hälfte in die Gruppe mit einer statischen Luftmatte der Marke „Repose“ (Interventionsgruppe). Als Ergebnis wurde gemessen:

  • ob sich ein Dekubitus der Kategorie 2 bis 4 entwickelt
  • wie stark er ausgeprägt ist
  • wann er auftritt

Mit statischer Matte halb so viele Dekubiti

Ergebnis: In der Interventionsgruppe entwickelten 5,2 Prozent der Bewohner einen Dekubitus der Kategorie 2 bis 4, in der Kontrollgruppe hingegen 11,7 Prozent – mehr als doppelt so viele. Die statische Matte konnte also Dekubiti signifikant besser verhindern als die Wechseldruckmatte.

Zudem dauerte es mit statischer Matte länger, bis sich ein Geschwür entwickelte – nämlich im Median 10,5 Tage anstatt 5,4 Tage mit Wechseldruck-Matte. Der Median ist eine Art gewichteter Durchschnitt. Der Schweregrad des Dekubitus unterschied sich nicht signifikant.

Statische Matte pro Tag gerechnet günstiger

Die Forscher berechneten auch, was die Versorgung mit der Anti-Dekubitus-Matte pro Tag und Bewohner kostet. Dabei nahmen sie an, dass die statische Matte im Durchschnitt 2 Jahre, die Wechseldruckmatte 7 Jahre hält. Nach ihrer Berechnung kostet die statische Luftmatte pro Tag und Bewohner 20 Cent, und die

Wechseldruckmatte 53 Cent. Obwohl die statische Matte kürzer hält, ist sie also im Ganzen günstiger.

Autoren der Studie: Matten indiviudell wählen!

„Die Unterschiede in der Verhinderung von Dekubitus legen nahe, dass der Einsatz von statischen Luftmatten in Erwägung gezogen werden sollte“, resümieren die Autoren. „Offenbar sind diese besser geeignet, die Belastung für den Körper zu reduzieren.“

Ist also die statische Matte in jedem Fall das Mittel der Wahl? So einfach ist es auch wieder nicht, betonten die Autoren: „Die Wahl der richtigen Matte hängt von vielen Faktoren ab und sollte immer sehr individuell erfolgen.“

Dekubitus-Prophylaxe: Matratze nur ergänzend einsetzen!

Martin Dichter, Dozent für Evidence Based Nursing (EBN) und Vorsitzender des DBfK (Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe) kommt zu einem ähnlichen schluss. Sein Fazit: „Die Studienergebnisse zeigen, dass eine Anti-Dekubitus-Matratze sehr bewusst ausgewählt werden sollte. Nur weil ein Haus eine bestimmte Art von Matratze vorhält, heißt dies noch lange nicht, dass diese gut oder hilfreich ist.

Eine Anti-Dekubitus-Matratze ist ein wichtiges Hilfsmittel zur Vermeidung von Dekubital Ulcera. Eine solche Matratze kann jedoch die pflegerische Diagnostik, sprich, die Identifikation des Dekubitusrisikos, nicht ersetzen – und erst recht nicht die pflegefachlichen Entscheidungen zur Auswahl und Anwendung der individuell gebotenen Maßnahmen.“

Quelle der Studie

Dimitri Beeckman, Brecht Serraes, Charlotte Anrys, Hanne Van Tiggelen, Ann Van Hecke, Sofie Verhaeghe. A multicentre prospective randomised controlled clinical trial comparing the effectiveness and cost of a static air mattress and alternating air pressure mattress to prevent pressure ulcers in nursing home residents. International Journal of Nursing Studies 97 (2019) 105–113.

Der Artikel erschien zuerst im Magazin der Pflegekammer Rheinland-Pfalz (Ausgabe 17)

Foto: Jamie Street/Unsplash

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