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Dekubitus: 7 Prophylaxen, die völlig überholt sind

Dass „Eisen und Föhnen“ keinen Dekubitus verhindert, ist mittlerweile bekannt. Aber auch andere gängige Maßnahmen und Hilfsmittel sind nicht mehr zeitgemäß. Ein Überblick

Nicht alles, was zum Schutz vor einem Dekubitus gedacht ist, ist tatsächlich hilfreich. Dennoch werden einige Handlungen und Rituale in der Pflege immer noch durchgeführt – trotz nicht belegtem oder sogar gegenteiligem Nutzen. Die folgenden Maßnahmen und Hilfsmittel sind laut dem Expertenstandard „Dekubitusprophylaxe in der Pflege“ – zuletzt 2017 aktualisiert – nicht mehr zeitgemäß.

1. Starre zweistündliche Wechselintervalle

Früher galt bei unzureichender Eigenbewegung eine zweistündliche Umlagerung als Muss. Heute wird empfohlen, Positionierungsintervalle individuell zu bestimmen. Diese können kürzer, aber auch länger als zwei Stunden sein – je nach persönlichem Dekubitusrisiko. Hintergrund ist, dass in Studien kein klarer Vorteil für bestimmte Wechselintervalle festgestellt werden konnte (untersucht wurde Intervalle zwischen 2 und 6 Stunden). Ein Indikator, dass ein Wechselintervall nicht ausreichend ist, ist die „Finger-Methode“: Drückt man mit dem Finger auf Hautrötungen, zum Beispiel an Knochenvorsprüngen, und die Haut bleibt rot (die Rötung lässt sich also nicht wegdrücken), muss die pflegebedürftige Person direkt umgelagert werden. Die Wechselintervalle sollten dann verkürzt werden. Liegt bereits eine Rötung der Haut vor, sollte die Positionierung möglichst ohne Belastung der geröteten Haut erfolgen. Die „Finger-Methode“ sollte im besten Fall bei jedem Lagerungswechsel durchgeführt werden.

2. Die 90°-Seitenlage

Wechsellagerungen sind wichtig, aber welche Positionen sind geeignet? Abgeraten wird generell von der 90°-Seitenlage, da hier ein hoher Druck auf den Trochanter major (großer Rollhügel) ausgeübt wird. Ob eine 90°-Wechsellagerung einem Dekubitus ausreichend vorbeugen kann, war in Studien zudem nicht ganz eindeutig. Empfohlen wird bei Erwachsenen die 30°- bzw. 40°-Seitenlage, bei der zwischen Rechtsseiten-, Rücken- und Linksseitenlage gewechselt werden sollte. Die Oberkörperhochlagerung sollte maximal 30° oder weniger betragen.

3. Sitzen im Rollstuhl ohne ausreichende Druckentlastung

Ein weiches Kissen als Auflage und dann tagsüber in den Rollstuhl? Bei Menschen mit Querschnittlähmung reicht das zur Druckentlastung nicht aus. Der Expertenstandard empfiehlt, dass diese Personen grundsätzlich auf einer druckverteilenden Unterlage sitzen sollten. Das können zum Beispiel Weichpolster- oder Schaumstoffkissen sowie spezielle Gelkissen sein. Eine längere sitzende Position ohne Druckentlastung sollte zeitlich begrenzt werden. Dabei sollten Komfort, Hautinspektion und eine Minimierung des Drucks auf gefährdete Körperstellen gewährleistet sein.

4. Standardmatratze bei Menschen mit Dekubitusrisiko

Wird ein neuer Bewohner mit Dekubitusrisiko aufgenommen, sind passende Spezialmatratzen in Pflegeeinrichtungen nicht immer vorhanden. Oft muss zunächst die ärztliche Verordnung angefordert und die Genehmigung durch die Kasse abgewartet werden. Bis dahin erhält die dekubitusgefährdete Person meist eine Standardmatratze. Doch damit geht wertvolle Zeit verloren. Grundsätzlich empfiehlt der Expertenstandard, bei Patienten/Bewohnern mit einem Dekubitusrisiko eine Weichlagerungsmatratze als Standardmatratze bereitzustellen, zum Beispiel eine Schaumstoff- oder Gel-Matratze. Denn die Zeitspanne bis zum Auftreten eines Dekubitus kann sehr kurz sein, und eine Unterversorgung mit Hilfsmitteln sollte von Beginn an vermieden werden.

5. Einsatz von Gummiringen, Fellen und anderen Hilfsmitteln

 Nicht mehr empfohlen werden im Expertenstandard:

Gummi- oder andere Ringe. Ihr Einsatz führt zu einer erhöhten Druckeinwirkung an den Seitenrändern der Materialien. Somit sind sie für die Freilage von Körperstellen ungeeignet.

Felle jeder Art, Watteverbände, Wassermatratzen. Für die Wirksamkeit dieser Materialien fehlen wissenschaftliche Belege bzw. es konnte eine Unwirksamkeit bezüglich der Druckverteilung festgestellt werden.

Hydrokolloid-Pflaster sowie Felle und Schaumstoffe für die Fersen. Auch diese Materialien werden wegen unzureichender Studienergebnisse nicht zur Druckentlastung empfohlen. Empfohlen wird eine vollständige Freilagerung der Fersen. Ist diese nicht möglich, muss über den Einsatz einer druckverteilenden Matratze nachgedacht werden.

6. Hauptpflege mit Zinkpaste und Melkfett

Oft werden ungeeignete Hautpflegeprodukte in gut gemeinter Absicht eingesetzt. Vaseline, Melkfett oder Zinkpaste finden sich zwar in vielen Haushalten, für eine Dekubitusprophylaxe sind sie aber ungeeignet. Generell empfiehlt der Expertenstandard eine individuelle Hautreinigung und -pflege. Das bedeutet: die Haut wird sauber und trocken gehalten und es werden milde, pH-hautneutrale Reinigungsmittel eingesetzt. Liegt eine Inkontinenz vor, sollte die Haut bei jeder Inkontinenzversorgung vorsichtig gereinigt und abgetupft werden. Empfohlen werden auch Hautschutzprodukte, die die hauteigene Barrierefunktion und Regeneration unterstützen. Um die Hautfeuchtigkeit zu erhöhen, eignen sich Wasser-in-Öl Emulsionen, abgekürzt als W/O. Spezielle Hautpflegeprodukte zur Vermeidung eines Dekubitus werden explizit nicht empfohlen.

7. Massagen zur besseren Durchblutung der Haut

Massieren sowie ein kräftiges Reiben der Haut, zum Beispiel mit Franzbranntwein, galten lange als geeignete Maßnahmen, um die Hautdurchblutung zu erhöhen. Mittlerweile wird klar davon abgeraten, Massagen zur Dekubitusprophylaxe einzusetzen. Studien belegen nicht nur eine fehlende Wirksamkeit, sondern deuten sogar darauf hin, dass die Wahrscheinlichkeit, einen Dekubitus zu entwickeln, mit Massage höher liegen kann als ohne Massage. Grundsätzlich sollte bei alten Menschen zur Hautpflege kein Alkohol oder Franzbranntwein eingesetzt werden, da diese die ohnehin trockene Haut weiter austrocknen.

Pflegeroutinen überdenken

Einen Dekubitus zu vermeiden, ist eine Kernaufgabe in der Pflege – auch wenn dieses Ziel nicht bei allen Patienten und Bewohnern erreicht werden kann. Entscheidend für eine effektive Prophylaxe ist die regelmäßige Druckentlastung. Die Bewegungsförderung hat dabei einen zentralen Stellenwert, aber auch Positionswechsel spielen eine wichtige Rolle. Erst wenn diese Maßnahmen nicht ausreichen, sollen ergänzend Hilfsmittel eingesetzt werden.

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Viele Maßnahmen und Hilfsmittel, die früher gang und gäbe waren, sind heute nicht mehr indiziert. Der Expertenstandard gibt wichtige Hinweise, welche das sind. Doch bis sich dieses Wissen auch in der täglichen Pflege wiederfindet, scheint es eine gewisse Zeit zu brauchen. Umso wichtiger ist es – speziell für Führungspersonen in der Pflege –, tägliche Alltagsroutinen zu prüfen, diese an den Stand des Wissens anzupassen und Pflegende umfassend zu schulen. Denn Dekubitusprophylaxe ist immer auch Leitungsaufgabe, wie es im Vorwort des Expertenstandards heißt.

Text: Brigitte Teigeler

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Autoreninfo Susanne Danzer ist Krankenschwester, Fachautorin/Fachreferentin, Fachliche Leitung Wundmitte GmbH, Pflegetherapeutin Wunde ICW®, Zertifizierte Wundexpertin ICW®, Geprüfte Wundberaterin AWM®, Pflegeexpertin palliative Wundversorgung WMAK, Pflegeexpertin Haut WMAK, Pflegeexpertin Kompression WMAK, Pain Nurse & Pain Nurse Plus.
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