Brandenburg

DBfK kritisiert „Verdi-Polemik“ gegen Pflegekammer

Franziska Rahmel über die Umfrage zur Pflegekammer in Brandenburg und die Highlights des Junge Pflege Kongress auf dem Deutschen Pflegetag.

pflegen-online: Frau Rahmel, als Geschäftsführerin des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe Nordost (DBfK) vertreten Sie die Interessen der beruflich Pflegenden in Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Sie haben die Umfrage zum Pro & Contra einer Pflegekammer in Brandenburg sehr genau beobachtet. Wie ist der Status, wann wird mit einem Ergebnis zu rechnen sein?

Franziska Rahmel: Die Umfrage, die im Auftrag des Gesundheitsministeriums Brandenburg von einer unabhängigen Agentur durchgeführt wurde, ist beendet. Aktuell wird die Befragung ausgewertet. Das Ministerium will die Ergebnisse in einem Bericht publizieren und diesen mit einer Empfehlung dem Landtag vorlegen. Angeblich soll das Ergebnis noch vor Weihnachten veröffentlicht werden.

Am Ende entscheidet allerdings der Landtag, ob eine Pflegekammer gegründet werden wird - oder nicht. Wir hoffen auf ein positives Ergebnis in Brandenburg. Die inzwischen nicht mehr im Amt befindliche Sozialministerin Diana Golze hatte jedoch zu Beginn der Befragung betont, dass sich die Landesregierung nicht an ein Ergebnis gebunden fühlen wird, ob das für die neue Ministerin Susanna Karawanskij ebenfalls gelten wird, bleibt abzuwarten.

Nach dem schlechten Umfrage-Ergebnis für die Pflegekammer in Hessen schaut die Branche nun gespannt nach Brandenburg. Wie haben Sie die Phase der Umfrage erlebt? Angeblich wurde vonseiten der Gewerkschaft Verdi massiv gegen die Gründung einer Pflegeberufekammer in Brandenburg argumentiert.

Zusammen mit den Verbänden des Landespflegerats Berlin-Brandenburg hat der DBfK Nordost Informationsveranstaltungen direkt in den Krankenhäusern durchgeführt, dabei wurde darauf geachtet, dass ein direkter Austausch mit den Pflegefachpersonen erfolgen konnte. Gelang es, die Aufgaben und den Mehrwert einer Pflegekammer im Dialog gut zu kommunizieren, rückten die Argumente Mitgliedsbeitrag und Mitgliedspflicht in den Hintergrund.

Trotzdem gab es eine mangelnde Teilnahme an der Online-Befragung. Um ein repräsentatives Ergebnis zu erreichen, wollte das durchführende Befragungsinstitut Psyma rund 2.000 Pflegefachkräfte telefonisch befragen. Beklagt wurde allerdings die Verweigerungshaltung vieler Arbeitgeber, durch Weiterleitung an ihre Mitarbeiter die Befragung zu unterstützen. Die leider nicht sachgetragene Argumentation von Verdi zum Thema Kammer muss als laute Polemik gewertet werden, und diente nicht der Sache, für die sich der DBfK seit langem einsetzt. Die Aussage eines Verdi-Mitgliedes gegenüber dem DBfK, dass es sich hier vielleicht doch um Beitragskonkurrenz-Verhalten handelt, macht die Lage deutlich. Ein sich gemeinsames Einsetzen für die oft selben Ziele wäre ür die Berufsgruppe weit dienlicher.

Wir wissen, dass die Branche allgemein leider nur sehr gering organisiert ist. Unabhängig davon, ob man sich nun einer Gewerkschaft oder einem Berufsverband zugehörig fühlt, die Aufgaben sind einfach andere. Die Tarifautonomie liegt klar bei den Gewerkschaften.

Inhaltliche Fragen wie etwa die Pflegequalität und die Anforderungen an Ausbildung bei sich verändernden Aufgaben in der Pflege liegen bei den Berufsverbänden. Die Anzahl der Doppelmitgliedschaften unserer Jungen Pflege im DBfK unterstreicht das.

Dabei wäre die Zusammenarbeit aus Pflegekammern, Berufsverbänden und Gewerkschaften doch besonders wichtig, um gemeinsam die Brandenburger Herausforderungen in Sachen Pflege lösen zu können?

Ja, das wäre wünschenswert. Allein in Brandenburg ist die Anzahl der Pflegebedürftigen von 2005 bis 2015 um von etwa 73.500 auf rund 111.500 Menschen gestiegen. Unter jetzigen Bedingungen könnten es laut einer Hochrechnung des Gesundheitsministeriums im Jahr 2040 schon 174.000 sein. Dem gegenüber steht laut Verdi ein Rückgang des Pflegepersonals von 20 Prozent in den vergangenen 15 Jahren. Kurz und gut, der Personalmarkt ist leer gefegt.

In Brandenburg sind etwas mehr als ein Drittel der Pflegeheime in privater Hand, zwei Drittel aller Pflegeheime frei gemeinnützig. Bei den ambulanten Diensten sind deutlich über die Hälfte der Dienste privat, auch hier spielt die öffentliche Hand kaum eine Rolle. Renditeerwartungen stehen sich hier der Erfüllung des Versorgungsauftrags regelmäßig konträr gegenüber.

Die Herausforderungen in Brandenburg liegen zum einen darin, dass es sich um ein Flächenland handelt. Zum anderen, dass die Nähe zu Berlin - besonders im sogenannten Speckgürtel - eine Konkurrenzsituation sowohl hinsichtlich der Vergütung von Pflegefachkräften als auch hinsichtlich der Leistungsangebote, beispielsweise bei den ambulanten Diensten, schafft.

So ist es für Pflegekräfte aus Brandenburg attraktiv, in Brandenburg zu wohnen und in Berlin zu arbeiten. Sie verdienen dort mehr Geld. Für Pflegebedürftige am Stadtrand von Berlin ist es wiederum interessant, sich von einem ambulanten Pflegedienst aus Brandenburg betreuen zu lassen. Die Pflegebedürftigen erhalten so mehr Leistungen, da das Vergütungsniveau geringer ist, und die mit den Kassen verhandelte Vergütungsvereinbarung für einzelne Leistungen im Vergleich zu Berlin geringer ausfällt.

Und in Sachen Junge Pflege in Brandenburg?

In den vergangenen Jahren ist es in Brandenburg gelungen, die Anzahl der Ausbildungsverhältnisse, speziell in der Altenpflege, beständig zu steigern, insbesondere durch Umschulungen. Wer in Brandenburg in der Pflege arbeiten will, wird also einen Ausbildungs- und Arbeitsplatz finden.

Leider müssen Pflegekräfte in Brandenburg einige Hindernisse überwinden. So sind zum Teil längere Wege zum Ausbildungs- beziehungsweise Arbeitsplatz zu überwinden. Ohne öffentlichen Nahverkehr sind diese Strecken nur mit dem Auto zu schaffen. Arbeitgeber sind hier besonders gefordert, nicht nur kreativ hinsichtlich der Angebote, sondern vor allem auch finanziell, denn leistungsrechtlich dürfen sie keine Refinanzierung ihrer Personalkosten erwarten. Aber auch gerade Auszubildende in der Altenpflege trifft es häufig besonders hart, da sie teilweise Ausbildungsvergütungen angeboten bekommen, die deutlich mehr als 20 Prozent unterhalb des TVöD liegen. Kein Wunder also, dass sich Pflegekräfte andere Arbeitsfelder suchen oder die Ausbildung erst gar nicht beginnen.

Frau Rahmel, der Junge Pflege Kongress des DBfK Nordost findet auch 2019 wieder im Rahmen des Deutschen Pflegetags in der STATION Berlin statt. Was sind die Highlights des Programms?

Unser Referent für die Junge Pflege, Johannes Wünscher, hat mit den Mitgliedern unserer AG Junge Pflege wieder ein knackiges und abwechslungsreiches Vortragsprogramm sowie drei kreative Workshops auf die Beine gestellt – und zwar ganz im Sinne der Aus- und Weiterbildung für junge Pflegekräfte. Der Vortrag „Advanced Nursing Pratice“ beschäftigt sich mit neuen Studiengängen in der Pflege. Um ein in Deutschland noch relativ unbekanntes Berufsbild geht es im Vortrag „Community Health Nursing in dem in Städten, aber auch ländlichen Regionen die primäre Gesundheitsversorgung maßgeblich von speziell qualifizierten Pflegefachpersonen unterstützt wird.

Spannend wird sicher auch die Podiumsdiskussion „Zukunft der Pflege - Welche Ideen hat der politische Nachwuchs?“, bei dem Vertreter und Vertreterinnen der politischen Jugendorganisationen miteinander und mit dem Publikum ins Gespräch kommen.

Und ich bin sicher, dass wir auch über das Thema Landes- beziehungsweise Bundespflegekammer sprechen werden.

Vielen Dank Frau Rahmel für dieses Gespräch.

Der Junge Deutsche Pflegetag und der Junge Pflegekongress finden vom 14. bis 16. März 2019 in der Station Berlin statt. Tickets erhalten Sie hier

Interview: Kerstin Werner

Foto: K. Herschelmann

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