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Hedwig François-Kettner,  ehemalige Vorsitzende des Aktionsbündnisses Patientensicherheit

Interview

„Das Wischiwaschi einiger Heimträger ist entsetzlich“

Schlechtes Management ist der hauptsächliche Grund für die vielen Corona-Ausbrüche in Pflegeheimen, meint die ehemalige Vorsitzende des Aktionsbündnisses Patientensicherheit Hedwig François--Kettner 

Hedwig François-Kettner ist keine Frau, die aus luftiger Höhe über andere den Stab bricht. Sie weiß, dass Führungskräften Mängel in ihrem Verantwortungsbereich entgehen können: Während ihrer Zeit als Pflegedirektorin an der Charité hat sie es selbst erlebt, als dort in den Jahren 2005 und 2006 eine Krankenschwester mindestens fünf Patienten ermordete. Doch die heute 70-Jährige zog Konsequenzen, berief eine Expertenkommission ein, stellte zusammen mit der Klinikumleitung Strukturen und Abläufe auf den Kopf. Dieses Fehlermanagement und Sicherheitsbewusstsein halfen ihr später, so sagt sie, bei ihrer ehrenamtlichen Arbeit für das Aktionsbündnis Patientensicherheit. Seit knapp einem Jahr ist Hedwig François-Kettner nun Mitglied der Expertengruppe um den ehemaligen Vorsitzenden des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen Matthias Schrappe und den Bremer Gesundheitswissenschaftler Gerd Glaeske. Die achtköpfige Autorengruppe gibt regelmäßig Thesenpapiere heraus, in denen sie die Pandemiestrategie der Bundesregierung beleuchtet. Hedwig François-Kettner nimmt sich dabei vor allem die Situation der Pflege und der Pflegebedürftigen vor. Wir sprachen mit ihr über Fehler und Versäumnisse der Pflegeheime während der Pandemie.

pflegen-online: Eine aktuelle Umfrage des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe (DBfK) unter Pflegekräften liest sich weniger alarmierend als die Umfragen während der ersten Corona-Welle. Allerdings gibt es einzelne Ergebnisse, an denen man kopfschüttelnd hängen bleibt: So sagten fast 14 Prozent der über 3.570 Teilnehmer, dass bei ihnen nicht getestet wird. Sicherlich lässt sich daraus nicht der Schluss ziehen, dass in jeder 7. Einrichtung – Klinik oder Heim – nicht getestet wird. Trotzdem macht das Ergebnis stutzig – auch, weil nur rund 35 Prozent berichten, dass sich bei ihnen alle Mitarbeiter mit Bewohner- oder Patientenkontakt kostenlos auf Sars-CoV-2 testen lassen können. Wie kann das sein, wenn es doch seit Oktober eine Schnelltest-Verordnung für Pflegeheime gibt?

Hedwig François-Kettner: Die Umfrageergebnisse decken sich mit dem, was ich erlebe und zu hören bekomme. Das Thema Testen klappt noch immer nicht flächendeckend, obwohl die Regierung inzwischen das Ruder in die Hand genommen hat und jeder Einrichtung anbietet, bei Problemen Testpersonal zu schicken. Ich frage mich, warum sich die Einrichtungen nicht melden, wenn sie es selbst nicht schaffen. Ich erlebe übrigens hier in Berlin auch Pflegeheime, die regelrecht Schikane treiben mit den Tests. Sie schicken die Besucher quer durch die Stadt zu externen Teststationen, wo ein Test zum Teil 40 Euro kostet. Ein großer kommunaler Anbieter wiederum bietet die Tests morgens zwischen 10 und 12 Uhr an – was nebenbei den Besuchern erst vor ein paar Tagen ohne Aushang oder entsprechende Kommunikation zufällig klar wurde –, dabei beginnt die Besuchszeit erst um 13 Uhr. Sollen die Angehörigen und Freunde der Pflegeheimbewohner in der Zwischenzeit spazieren gehen? Am Wochenende, wenn die meisten Angehörigen mehr Zeit haben, gibt es dann gar kein Testangebot. Das ist eine Zumutung und nicht im Sinne der Bewohner und ihrer Angehörigen. Gleichsam erleben Angehörige seit elf Monaten die nahezu unverändert zwanghafte Isolierung ihrer Pflegebedürftigen als unerträglich. Ich habe Anfang Februar der Gesundheitssenatorin geschrieben, aber bisher noch keine Antwort erhalten.

Die Tests werden refinanziert – und es sind nicht wenige, 30 monatlich werden pro Bewohner erstattet …

Für eine ernstzunehmende Teststrategie sind auch 30 Tests fast zu wenig. Wenn man bedenkt, dass in jeder Schicht zwei bis drei Pflegende getestet werden müssten, dann noch die weiteren internen und externen Dienstleister, die Besucher und nicht zuletzt die Bewohner, dann muss man die jetzige Größenordnung von 30 Tests ergänzungsbedürftig nennen. Da muss die Regierung noch mal ran. Jedenfalls bin ich froh, dass die Regierung dazu endlich klare Vorgaben macht. Es ist doch wirklich entsetzlich, wie Wischiwaschi einige Träger agiert haben oder noch agieren. Ich erinnere mich, wie einige private Träger, als die erste Schnelltest-Verordnung im Oktober herauskam, meinten, sie würden das nicht umsetzen. Solche Träger müssten von den Aufsichtsbehörden empfindlich gestört und in Verantwortung genommen werden. Auch FFP2-Masken sind nun endlich verpflichtend in Pflegeheimen. Das hat aber entschieden zu lange gedauert, insbesondere, wenn man schaut, wie viele Pflegeheim-Bewohner inzwischen an Covid gestorben sind. Ich muss sagen: Manchmal weiß ich nicht, was das Management in einigen Häusern macht. Da muss ich dem Pflegekritiker Claus Fussek aus München Recht geben.

Was würden Sie denn Pflegekräften raten, die beobachten, dass ihr Arbeitgeber keine Schnelltests macht oder – oder: und – die FFP2-Maskenpflicht auf die leichte Schulter nimmt? 

Ich würde es auf keinen Fall auf sich beruhen lassen. Ich würde meine Verantwortung als Pflegekraft entsprechend meine Vorgesetzte darauf ansprechen. Wenn sie binnen einer gewissen Frist nicht reagiert, würde ich die nächste Leitungsinstanz anlaufen und mich schlussendlich an den Aufsichtsrat wenden.

Warum der Aufsichtsrat?

Weil ich mich damit immer noch innerhalb des Unternehmens bewege. Denn sobald ich mich an eine externe Stelle wende, wird es schwierig, da muss man vorsichtig sein und vorher am besten juristischen Beistand einholen. Anderenfalls riskiert man allzu leicht eine fristlose Kündigung. Das habe ich in meiner Zeit als Vorsitzende des Aktionsbündnisses Patientensicherheit mehrmals erlebt: Ärzte, die von ihrem Arbeitgeber einen ethisch nicht vertretbaren Auftrag erhalten haben und damit an die Öffentlichkeit gegangen sind, haben die Kündigung erhalten. Ich empfehle juristischen Rat einzuholen, damit einem das nicht passiert. Juristischen Rat erhält man im Falle der Mitgliedschaft in einem Berufsverband oder in der Pflegekammer übrigens ganz unkompliziert, Was aber nach meiner Erfahrung im ersten Schritt gut hilft, ist, sich mit Kollegen zu beraten und Verbündete zu suchen. Wenn an der Spitze gemerkt wird, dass sich Kritik formiert, vielleicht sogar Widerstand, dann kann das durchaus Bewegung erzeugen. Viele halten ihr Machtgefüge ja nur deshalb so lange erfolgreich aufrecht, weil es nie infrage gestellt wurde. Interview: Kirsten Gaede

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