Interview mit Etikette-Expertin Meyden

Damit die Weihnachtsfeier nicht zum Karriere-Killer wird

Lustig darf die Weihnachtsfeier mit den Kollegen gern werden. Doch Etikette-Expertin Nandine Meyden warnt vor allzu großer Vertrautheit.

pflegen-online: Frau Meyden, passiert es immer noch, dass Kollegen sich auf Weihnachtsfesten betrinken? Es wird doch seit Jahren davor gewarnt …

Nandine Meyden: … aber es kommt durchaus immer wieder vor. Wenn jemand den ganzen Tag gearbeitet hat, reichen ja am Abend oft schon zwei bis drei Gläser Glühwein, um die Kontrolle zu verlieren. Besonders, wenn die Kollegen um ihn herum auch immer enthemmter werden. Ich kann nur jedem raten, der mit seinen Chefs und Kollegen ausgeht, gut auf sich aufzupassen.

Mancher fürchtet sicherlich, als zugeknöpft und langweilig zu gelten, wenn er sich zurückhält.

Gegen eine gewisse Lockerheit ist gar nichts einzuwenden, ich kann Persönliches erzählen, Scherze machen – das ist alles kein Problem. Doch darf ich, was immer ich tue, nie vergessen, dass ich es hier mit meinen Chefs und Kollegen zu tun habe, mit denen ich vermutlich noch viele Jahre zusammenarbeiten werde. Deshalb muss ich mich bei solchen Gelegenheiten immer fragen: Will ich das wirklich? Kann mir das schaden?

Ich muss doch kalkulieren, was passiert, wenn ich mir mit dem Kollegen oder dem Chef irgendwann nicht mehr Grün bin. Können sie dann die Dinge, die ich völlig enthemmt geäußert oder gemacht habe, gegen mich verwenden? Da herrscht manchmal wirklich eine erschütternde Naivität. Das gilt übrigens auch für andere Bereiche des Arbeitsalltags: Es ist doch frappierend, was Mitarbeiter manchmal in E-Mails alles raus lassen, dabei können sie so leicht weitergeleitet werden oder durch zu schnelles Drücken des Senden-Buttons in falsche Hände geraten. Oder sie werden plötzlich hoch offiziell, so wie ich es einmal bei einem Kunden erlebte, bei dem es eine Projektrückabwicklung gegeben hatte: Da wurden sämtliche Mails, die im Zusammenhang mit dem Projekt über die Jahre geschrieben worden waren, ausgelegt und von einer Horde Anwälte gelesen – da hat dann die „dumme Kuh“ plötzlich ein ganz anderes Gewicht bekommen.

Es gibt natürlich auch Weihnachtsfeiern, die einen eher hemmen als enthemmen – an einer großen Tafel zu sitzen, zufällig platziert, verdammt, stundenlang zu verharren …

… ja, ja ich weiß, eingeklemmt zwischen den beiden Typen aus der Buchhaltung, die man noch nie richtig leiden konnte. Ein Restaurantbesuch ist eigentlich nur für Gruppen mit maximal zehn Personen geeignet – dann kann jeder noch mit jedem reden. Sind es mehr Personen, ist es günstiger, einen ganzen Raum zu mieten, damit sich die Kollegen hin und her bewegen können und der Abend wirklich kommunikativ wird. Bei größeren Gruppen eignen sich auch gemeinsame Aktivitäten.

An welche Aktivitäten denken Sie?

Nun, man muss sich da schon richtig Gedanken machen. Immerhin ist eine Weihnachtsfeier kostspielig und die Kollegen opfern ihre Zeit in den ohnehin sehr gedrängten Vorweihnachtswochen. Die entscheidende Frage lautet also: Warum machen wir das überhaupt? Den meisten Unternehmen geht es darum, den Mitarbeitern Wertschätzung zu zeigen und der lockeren Kommunikation Raum zu geben. Es kommt vieles infrage: Weihnachtsbaum schlagen, Schlittschuhfahren etwa oder Bowlen. Wichtig ist, dass alle dahinter stehen. Es müssen nicht 100 Prozent der Belegschaft hell begeistert sein, aber die allermeisten sollten sich damit wohlfühlen.

Wenn einige nicht ganz so erpicht auf Bowlen oder Schlittschuhlaufen sind, kann es für sie aber durchaus unterhaltsam sein, am Rande an Tischen auf Bierbänken bei Bier und Gulaschsuppe mit anderen Kollegen zu plaudern. Das muss man vorher nur organisieren.

Richtig in Mode gekommen ist das gemeinsame Kochen …

… ja, das ist wirklich sehr beliebt. Das Konzept geht offenbar auf: Man kocht in der Gemeinschaft, steht dabei locker bei einem Aperitif zusammen und freut sich anschließend über das gemeinsame Ergebnis. Auch Skeptiker scheinen am Ende fast immer begeistert. Ehrlich gesagt habe ich noch nie etwas wirklich Blödes über das gemeinsame Kochen gehört.

Über Nandine Meyden

Nandine Meyden (52, Foto unten) arbeitet als Etikette-Trainerin. Zu den Kunden ihrer Seminare gehören namhafte Unternehmen und Verbände. Acht Jahre war sie montags die Expertin der Live-TV-Sendung "Vorsicht Fettnäpfchen". Bei der Schlüterschen ist von ihr erschienen: „Jedes Kind kann sich benehmen“, „Flirten mit Stil“ und „Tisch-Manieren“

Interview: Kirsten Gaede

Illustration: Götz Wiedenroth

Foto: Marcel Hasübert

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