Corona-Pandemie

Corona-Screening schützt Pflegekräfte und Patienten

Deshalb testen jetzt immer mehr Kliniken routinemäßig: etwa die München Klinik, das Deutsche Herzzentrum Berlin und die Carl-Diehm-Klinik. Zwei große, deutschlandweit vertretene Träger lehnen das hingegen ab

Inhaltsverzeichnis

Haben Sie Erkältungssymptome? Hatten Sie in letzter Zeit Fieber? Mit diesen Fragen und geschärften diagnostische Blick haben die Krankenhäuser zu Beginn der Corona-Pandemie versucht, Infizierte zu identifizieren und einen Ausbruch zu verhindern: Wer typische Corona-Symptome aufweist, wird getestet. Die meisten Klinik- und Heimleitungen fordern inzwischen auch ihre Mitarbeiter auf, sich selbst ganz genau auf typische, aber auch diffuse Symptome zu beobachten – das hat das Robert Koch-Institut (RKI) Mitte April auch ausdrückliche als Empfehlungen für Heimbetreiber formuliert.

Circa 50 Mitarbeiter aus Gesundheitswesen an Covid gestorben

Trotz der Devise „Testen bei Symptomen“ sind vermehrt Krankenhäuser und Pflegeheime zu Hotspots der Corona-Pandemie geworden. Rund ein Drittel der an Covid-19 verstorbenen sind Bewohner aus Pflegeheimen. Auch Mitarbeiter hat es getroffen: Fast 50 Mitarbeiter aus dem Gesundheitswesen sind laut RKI-Lagebericht vom 5. Mai an einer Corona-Infektion gestorben. Von alle Corona-Infizierten kommen rund 10 Prozent aus Medizin und Pflege.

Ein Corona-Fall reicht für einen Ausbruch

Doch warum breitet sich das Virus gerade in Pflegeheimen und Krankenhäusern so schnell aus? Trotz Besuchsverbots und wachsamen diagnostischen Blicks? Durch die räumliche Enge und das häufige Hin- und Her der Mitarbeiter zwischen den Patienten (Bewohner) braucht es für einen Ausbruch oft nur einen Infizierten. Einen Infizierten, den man symptomlos wähnt: In einem Bremer Krankenhaus etwa war es ein älterer multimorbider Patient, der erst Tage nach der Aufnahme getestet wurde – anschließend waren acht Mitarbeiter infiziert. Einen ganzen ähnlichen Fall gab es im Helios Amper-Klinikum in Dachau. Auch dort infizierten sich durch einen Patienten Anfang April viele Ärzte und Pflegekräfte, wie die Süddeutsche Zeitung berichtete. Bei Ausbrüchen in Heimen ist dann – andersherum - immer wieder zu hören, ein Mitarbeiter habe „das Virus eingeschleppt“.

Der Knackpunkt: Viele Corona-Infizierte haben kaum Symptome

Das klingt fast, als werfe man den Infizierten Heimtücke vor. Naheliegender ist, dass sie schlicht nichts gemerkt haben. Diese Vermutung deckt sich auch mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen: „Publikationen zeigen, dass Corona-Infizierte schon in der asymptomatischen Phase ihre Umgebung anstecken können“, sagt Philipp Stawowy, Leitender Oberarzt am Deutschen Herzzentrum Berlin (DHZB) in der Klinik für Innere Medizin und Kardiologie. Hinzu kommt: Wissenschaftler schätzen, dass circa 80 Prozent der Infizierten kaum Symptome zeigen.

DHZB testet alle Patienten und Mitarbeiter auf Corona

Im DHZB werden deshalb schon seit Mitte März alle Patienten auf das Corona-Virus SARS-CoV2 mit dem PCR-Verfahren getestet. Um auch über mögliche Infektionen von Notfällen schnell informiert zu sein, hat das DHZB kürzlich ein Schnelltestgerät vom Typ GeneXpert vom US-Hersteller Cepheid erworben, das erst am 23. März in den USA zugelassen wurde. Mit diesem Gerät lässt sich SARS-CoV2 innerhalb von 45 Minuten nachweisen. Bei zwei Patienten hat das DHZB bisher eine Corona-Infektion diagnostiziert. Inzwischen läuft am DHZB auch ein Screening für die Mitarbeiter: Sie werden in der nächsten Zeit dreimal getestet, im Abstand von zwei bis drei Wochen.

Asklepios und Helios lehnen Screening ab

Doch längst nicht alle Krankenhausträger machen ein Corona-Screening. So halten etwa die Asklepios Kliniken nichts von einer flächendeckenden Patiententestung auf Corona, „unter anderem wegen falsch negativer Ergebnisse“, sagt der Medizinische Pressesprecher Frank Jürgen Schell. Ein Rachenabstrich könne kurz nach der Ansteckung negativ sein, aber zwei bis drei Tage später entwickle sich dann doch das typische Bild einer Infektion. Ein Abstrich zum Nachweis von Coronaviren sei nur „sinnvoll bei Patienten mit einer entsprechenden akuten klinischen Symptomatik wie Husten, Fieber, Halsschmerzen oder bei bekanntem Kontakt mit einer Person mit nachgewiesener Infektion“.

Auch die Krankenhausgesellschaft (DKG) ist gegen ein Screening

Auch die Helios Kliniken setzen Corona-Tests nur im Verdachtsfall ein, also „wenn die Person typische Symptome aufweist“, teilt PR Managerin Ines Balkow mit. Diesen Kurs empfiehlt auch die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG). Sie argumentiert mit der langen Inkubationszeit von bis zu 14 Tagen. „Ein negativer Test würde keine Entwarnung bedeuten. Man müsste die Patienten täglich testen und hätte dann trotzdem noch das Problem der langen Wartezeit auf ein Ergebnis“, sagt ein DKG-Sprecher.

„Ohne Screening berauben wir uns der Chance, eine Ausbruch zu verhindern“

Doch die PCR-Tests gelten als hoch sensitiv. Wenn es zu falsch negativen Ergebnissen kommt, liegt es oft daran, dass der Rachenabstrich nicht nach „den geltenden Qualitätsstandards durchgeführt wird“, sagt Matthias F. Bauer, Direktor des Instituts für Labormedizin, Hygiene und Transfusionsmedizin am Klinikum Ludwigshafen. Aber selbst wenn der Test ganz am Anfang der Infektion einmal falsch negativ ausfallen sollte: „Das ist doch kein Argument auf ihn zu verzichten und sich der doch hohen Chance zu berauben, Infizierte sofort zu identifizieren und zu isolieren, um so einen Ausbruch zu verhindern“, meint Philipp Stawowy vom DHZB.

Carl-Thiem-Klinikum testet Mitarbeiter in infektiösen Bereichen täglich

So wie das Deutsche Herzzentrum Berlin denken inzwischen immer mehr Krankenhausträger, sie screenen Patienten oder Mitarbeiter:

Corona-Screening schwer, wenn die Klinik kein eigenes Labor hat

Alle Kliniken, die Screenings machen, haben eigene mikrobiologische Labore. Und das ist wohl ein Knackpunkt, weshalb Heime und auch manche Krankenhäuser kein Screening machen: Sie haben keine Kapazitäten, der logistische Aufwand ist relativ hoch, es dauert oft mindestens 24 Stunden, wenn nicht zwei, drei Tage, bis die Ergebnisse vorliegen; hinzukommen die Kosten, die pro Test rund 60 Euro kosten, so der Leitende Krankenhaushygieniker Sebastian Kevekordes vom Klinikum Ludwigshafen.

Klinikum Leer: klein, aber mit Labor - wegen der Hygiene

Dass ein eigenes Labor auch für kleinere Krankenhäuser möglich ist, zeigt sich am Klinikum Leer in Ostfriesland. Das kommunale Klinikunternehmen ist mit insgesamt 400 Betten und rund 1.000 Mitarbeitern an drei Standorten vertreten – auch auf der Nordseeinsel Borkum. Man habe „das Glück“, dass durch den persönlichen Kontakt der Leitung zu Alexander Friedrich, dem Direktor des für seine MRSA-Strategie bekannten Instituts für Mikrobiologie am Universitätsklinikum Groningen, „die Akzeptanz für hygienische Maßnahmen inklusive derer Kosten in der Führungsebene deutlich gewachsen“ sei, berichtet Siegfried Bothe, Hygienearzt am Klinikum Leer. Das Herzstück des Leerer Hygiene-Engagements: Vor genau zwei Jahren gebe es dort nach über 25 Jahren wieder ein eigenes mikrobiologisches Labor. Betrieben wird es in Zusammenarbeit mit den Mikrobiologen aus Groningen. Das Ziel: krankheitserregende Keime wie MRSA schneller zu erkennen, nicht mehr auf einen Transportdienst warten zu müssen, zügiger mit der passenden Therapie der Patienten beginnen zu können und dadurch den Antibiotikaverbrauch zu senken.

„Auch Tierlabore sollten Corona-Tests machen können“

Der Leerer Hygienearzt Bothe fände es generell „hilfreich, wenn jedes Krankenhaus die Untersuchungen selbst machen könnte. Denn das größte Problem, so betont auch er, bleibe die Laborkapazität. Bothe plädiert dafür, „dass auch andere Labore, etwa Tierlabore, die Corona-Tests machen könnten“. Derzeit blockierten da aber „leider“ die Gesetzliche Krankenversicherung und die Kassenärztliche Vereinigung. Beide wollten „ihre“ Labore im humanmedizinischen Bereich schützen.

Regierung will Corona-Tests hochfahren

Das könnte sich allerdings bald ändern. Laut Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 23. April plant die Bundesregierung im neuen Bevölkerungsschutzgesetz, die Testkapazitäten hochzufahren und künftig auch Tierärzten zu erlauben, „nach entsprechender Einweisung durch Fachärzte, in ihren Laboren Menschen zu testen“. Zudem sollen die Kassen künftig auch die Tests von Versicherten ohne Symptome zahlen; jeder Test würde etwa 60 Euro kosten.

Wenn nur einer positiv ist, folgt in Hamburger Heimen sofort ein Screening

Vor allem in Heimen und bei Pflegekräften soll mehr testet werden. Manche Bundesländer ergreifen jetzt schon Initiative: So werden in Hamburg nach einer neuen Verordnung alle Mitarbeiter und Bewohner einer Einrichtung gescreent, sobald in dieser auch nur bei einer Person Corona diagnostiziert wurde. Und das Ganze muss, wie es bei der Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz heißt, dann „in einem geeigneten Abstand“ wiederholt werden.

Autorinnen: Kirsten Gaede/Birgitta vom Lehn

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